Saudi-Arabien: Popmusik statt Meinungsfreiheit? | Nahost | DW | 07.02.2020
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Wandel am Golf

Saudi-Arabien: Popmusik statt Meinungsfreiheit?

Das Königreich durchlebt eine kulturelle Modernisierung. Auftritte westlicher Popstars, Filme, Literatur: Vieles ist unter dem Kronprinzen Mohammed bin Salman möglich. Doch die Menschenrechte hinken massiv hinterher.

"Schock und Ehrfurcht" solle das Festival "MDL Beast Fest" auslösen, hatte dessen künstlerischer Leiter John Rush vor Beginn der dreitägigen Veranstaltung Ende Dezember erklärt. Die Bürger Saudi-Arabiens, erklärte er, hätten mit Musik-Festivals bislang kaum Erfahrungen gemacht. So hätten er und sein Team etwas ganz Neues für das Königreich auf die Beine stellen wollen, etwas, "das die Leute noch nie gesehen haben". Dicht an dicht reihten sich die Auftritte der Künstler, und so wurde der reibungslose Ablauf der einzelnen zu einer Art kulturellen Leistungsschau: "Die Idee war, den Leuten zu zeigen, was innerhalb einer kurzen Zeitspanne alles möglich ist", so Rush. 

Das "MDL Beast Fest" ist Teil einer umfassenden Kampagne der kulturellen Öffnung, die Kronprinz Mohammed bin Salman - auch MbS abgekürzt - seinem Land verordnet hatte. Die Kampagne wird mit erheblichem Druck vorangetrieben. Und so präsentierte auch das "MDL"-Festival eine ganze Reihe prominenter Künstler - vor allem aus dem Bereich der elektronischen Musik. Der Niederländer Afrojack, der Franzose David Guetta, der niederländisch-marokkanische DJ R3hab, aber auch das saudische Künstlerduo "Dish Dash" oder ihr Landsmann Ahmad Alammary alias Baloo - internationale oder nationale Stars, allesamt offenbar in der Lage, dem saudischen Publikum einzuheizen. 

"Die Dinge verändern sich"

"Die Leute sind einfach glücklich" umriss ein Besucher seine Eindrücke gegenüber der in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) erscheinenden Zeitung "The National." Es gehe nicht um das Festival allein. Interessant sei auch die organisatorische Leistung, die ihrerseits für eine neue Dynamik im Lande stehe: "Viele Dinge geschehen hier sehr schnell. Aber wir sind bereit dafür. Denn wir wissen, was auf der Welt passiert. Die Dinge verändern sich eben. Das ist normal."

Kulturell verändert sich in Saudi-Arabien derzeit viel, zumindest im Unterhaltungssektor des Landes. Anfang dieser Woche kündigte das saudische Kultusministerium die Schaffung von elf Kommissionen zur Förderung der Kultur auf insgesamt elf Feldern an.

Museen, Theater, Filme, Pop- und klassische Musik, Mode, Literatur: Diese und andere Künste sollen in Saudi-Arabien fortan massiv gefördert werden. Die nun entstehenden Kommissionen seien "Teil eines umfassenderen Transformationsplans, der den saudischen Kultursektor bereichern wird", teilte das Kultusministerium mit. Der junge saudische Journalist und Filmkritiker Ahmed al-Ayyad begrüßt im Gespräch mit der DW diese Entwicklung. "Wir jungen Bürger des Landes haben großes Glück, dass diese Veränderungen stattfinden. Sie unterstützen Kunst und Künstler gleichermaßen."

Saudi-Arabien Riad MDL Beast Festival (Getty Images/MD Beast/M. Crossik)

Popkultur im saudischen Königreich: Szene vom MDL Beast Festival, Dezember 2019

Gesellschaftlicher Transformationsprozess

Der kulturelle Wandel sei Teil eines umfassenden Modernisierungskonzepts schreibt der Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons auf der Website der "Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik" (DGAP). Unter MbS durchlebe Saudi-Arabien einen tiefgreifenden Wandel, der auf eine gesellschaftliche Öffnung ziele. Dieser habe vor allem die Jugend des Landes im Blick, die schon aus rein demographischen Gründen erheblichen Einfluss auf die Zukunft des Landes habe. "70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Viele von ihnen haben im Ausland studiert und wollen nicht nur ihr Leben aus enggefassten traditionellen Zwängen lösen, sondern auch ein 'neues Saudi-Arabien' aufbauen, wie man immer wieder hört."

Dafür seien sie bereit, Risiken einzugehen und die bisher genossenen Annehmlichkeiten des saudischen Wohlfahrtssystems zu verabschieden. "Allen ist bewusst, dass der auf dem Erdöl beruhende Reichtum des Landes zur Neige geht." Das Königreich brauche einen gesellschaftlichen Wandel sowie eine dynamische, motivierte und ambitionierte Gesellschaft, die die wirtschaftliche Diversifizierung vorantreibe, so Sons. "Dieser Prozess wird nur funktionieren, wenn er von einem fundamentalen Mentalitätswandel begleitet wird." Diesen Wechsel strebt der Kronprinz auch mit seiner "Vision 2030" an, mit der er die Wirtschaft des Landes den Erfordernissen der Gegenwart anpassen will.

Im Rahmen dieser Bemühungen schließt das Königshaus das Land an den internationalen Pop- und Kulturmarkt an. So trat bereits die Sängerin Mariah Carey in Riad auf, ebenso der Sänger Jason Derulo, die Rockband OneRepublic, die Hiphop-Gruppe The Black Eyed Peas oder die Koreapop-Truppe BTS. Phänomene wie das Festival kämen dem ganzen Land zugute sagt Journalist al-Ayyad. "Wir kehren dahin zurück, wo wir einst mit einem moderaten, weltoffenen Islam standen, der offen für alle Religionen, Traditionen und Völker ist. Sehr viele Bürger des Landes sind jünger 30 Jahre. Wir werden die nächsten 30 Jahre unseres Lebens nicht damit verschwenden, uns mit extremistischen Ideen auseinanderzusetzen."

Vision 2030 von Saudi-Arabien (picture-alliance/AP Photo/A. Nabil)

"Vision 2030": Der Kronprinz und sein Projekt auf einer Plakatwand in Riad, Dezember 2019

Unfaire Gerichtsverfahren und Massenverhaftungen

Viele Künstler mussten auch Kritik einstecken für ihre Auftritte im Königreich, der Kronprinz wolle mit solchen Events von den Menschenrechtsverletzungen im Land oder dem Mord an Journalist Jamal Khashoggi ablenken, hieß es von mehreren Seiten. Denn die kulturelle Modernisierung ist für das Königshaus offenbar nicht gleichbedeutend mit politischer Öffnung. Gegen ernsthafte Kritik gehe das Königshaus weiter massiv vor, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in ihrem "World Report 2020". Dutzende saudische Dissidenten und Aktivisten, darunter auch vier prominente Frauenrechtsverteidigerinnen, befänden sich weiterhin in Haft, schreibt HRW. Die auf "unfairen Verfahren" gründende Haft beruhe ausschließlich auf der öffentlichen Kritik an der Regierung oder auf gewaltlosem Einsatz für die Menschenrechte. "Massenverhaftungen im April und November richteten sich gegen über 20 saudische Intellektuelle und Schriftsteller."

Die Situation im Land ist ambivalent: Während MbS zum Beispiel Frauen mehr Rechte zugesteht, geht er weiterhin gegen jeden vor, der ihn kritisiert. Zugleich baut er den Unterhaltungssektor des Landes massiv aus. So öffnete in Riad bereits im April 2018 ein Kino seine Pforten - und das nach 35 Jahren. Bis zum Ende dieses Jahres sollen landesweit 45 weitere Kinos folgen. Und im März soll in Dschiddah das "Red Sea Film Festival" der nationalen und regionalen Filmkunst neue Impulse verleihen.

Diese Entwicklung werde von MbS entschieden gefördert, schreibt Sebastian Sons. Nicht zuletzt gehe es ihm darum, soziale Unruhen zu verhindern: "Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei etwa 30 bis 40 Prozent, ein Drittel aller arbeitsfähigen Frauen ist ohne Job." Die Maßnahmen müssten mittelfristig erfolgreich sein, um der jungen Bevölkerung zu beweisen, dass der Kronprinz das Land in eine bessere Zukunft führen kann. Daran hänge auch die persönliche Karriere des Kronprinzen, so Sons.

Video ansehen 04:29

Zwei Schwestern auf der Flucht aus Saudi-Arabien

Schrumpfende Freiräume

Zugleich wolle MbS sich aber auch als neuer Herrscher des Landes präsentieren. "Er duldet keine Widerworte", so Sons. Sei früher Kritik an korrupten Regierungsbeamten oder administrativen Missständen vor allem in den sozialen Medien nicht ungewöhnlich gewesen, habe sich die Situation inzwischen gewandelt: Der Kronprinz gibt sich als Personifikation des Wandels, so dass Kritik an Fehlentwicklungen als direkte Kritik an seiner Person ausgelegt wird. Somit haben sich die politischen Freiräume in Saudi-Arabien nochmals reduziert."

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die kulturelle Öffnung auch in Saudi-Arabien Nebenwirkungen hat, mit denen der Prinz nicht gerechnet hat.

(Mitarbeit: Siham Ouchtou)