Sarajevo "möglichst noch vor Berlin oder London" besuchen
19. Mai 2004Bonn, 19.5.2004, DW-RADIO/Bosnisch, Begzada Djulovic-Kilian
Im Rahmen seiner Tournee durch sechs europäische Städte, mit dem Ziel, das Image der touristischen Potentiale von Bosnien und Herzegowina zu verbessern, besuchte gestern der Hohe Repräsentant von Bosnien und Herzegowina Paddy Ashdown zusammen mit einer bosnischen Delegation Berlin. Die deutschen Gastgeber interessierten sich vor allem dafür, ob es in Bosnien und Herzegowina ausreichende Stabilität gibt, um den Tourismus zu entwickeln. Begzada Djulovic-Kilian sprach mit Ashdown:
Paddy Ashdown mag keine unbequemen Fragen. Insbesondere jetzt, wo er die touristischen Potentiale von Bosnien und Herzegowina in den größten europäischen Städten präsentiert: Nein, "Bosnien und Herzegowina ist kein Protektorat", und er ist kein Protektor, und sein Amt ist nicht dazu da, irgendeinem Land den Weg in die Europäische Union frei zu räumen. Das wird Bosnien aus eigenen Kräften und auf eigenen Beinen schaffen. Wann das soweit sein wird, ist aber nicht bekannt. Immer mehr bosnische Politiker treffen ihre Entscheidungen ohne seine Einmischung und sein Diktat, und das ist der richtige Weg, ein Weg, wie Ashdown eingesteht, auf dem es noch viele Hürden gibt: "Bosnien und Herzegowina muss noch die Verteidigungsreform vollenden, die im wesentlichen angenommen ist, und ich bin zuversichtlich, dass alle Bedingungen für die Aufnahme in das NATO-Programm Partnerschaft für den Frieden bis zum NATO-Gipel in Istanbul am 28. Juni diesen Jahres erfüllt sein werden. Bis zu diesem Zeitpunkt muss auch die Bedingung, besser mit dem Den Haager Kriegsverbrecher-Tribunal [ICTY] zusammenzuarbeiten, erfüllt sein, insbesondere von Seiten der Republika Srpska. Das beunruhigt mich ein wenig, denn es könnte der Grund sein, dass Bosnien und Herzegowina von der NATO abgelehnt wird. Was die Voraussetzungen für Verhandlungen zu einem Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union betrifft, haben wir einiges erreicht, aber es geht nach wie vor noch zu langsam voran. Dennoch hat Bosnien und Herzegowina eine Zukunft."
Eine Aufnahme von Bosnien und Herzegowina in das Partnerschaft für den Frieden- Programm betrachtet Paddy Ashdown als ersten großen Schritt des Landes in die euroatlantische Integration. Auf die Frage, ob er als Hoher Repräsentant noch Druck auf die Republika Srpska ausüben kann, mit dem Den Haager Tribunal besser zusammenzuarbeiten, antwortet er: "Das liegt nicht mehr an mir. Sie müssen das schon selber tun, denn die Aufnahme in die NATO und in die EU kann nicht durch ein Handeln des Hohen Repräsentanten herbeigeführt werden. Deshalb treffe ich auch immer weniger Entscheidungen in ihrem Namen, denn wenn sie selber es nicht tun, dann müssen sie dafür auch die ernsten Konsequenzen tragen".
Der Hohe Repräsentant wollte auch nicht die Äußerungen des Koordinators des Stabilitätspaktes für Südosteuropa Erhard Busek kommentieren, der am Wochenende in Wien äußerte, dass Ashdown ein Vize-König sei, dessen Einmischungen den Fortschritt hin zur euroatlantischen Integration eher behinderten als förderten. Kurz bezog er sich jedoch auf Buseks Äußerung, dass die internationale Gemeinschaft eine Exit-Strategie für Kosovo und Bosnien und Herzegowina bräuchte: "Es geht nicht um eine Exit-Strategie, sondern um eine Eingangsstrategie für Bosnien und Herzegowina für die Europäische Union und die NATO. Die internationale Gemeinschaft wird sich aus Bosnien und Herzegowina nicht zurückziehen. Ich trage derzeit zwei Hüte: Einen als Hohen Repräsentanten der Internationalen Gemeinschaft und einen als Sonder-Gesandter der Europäischen Union. Die erste Funktion wird sich abschwächen und die zweite immer stärker werden. Die Europäische Union übernimmt die politische Führung in Bosnien und Herzegowina, weil es sich um einen Teil von Europa handelt, ein immer stabileres Land, welches man meiner Meinung nach als Tourist besuchen sollte, möglichst noch vor Berlin oder London." (md)