Sankt Martin trifft Karneval: Ein Tag, zwei Feste
10. November 2025
Wenn am 11. November die Kinder in vielen Teilen Deutschlands mit Laternen durch die Straßen ziehen und gleichzeitig bunt verkleidete Karnevalisten "Alaaf" oder "Helau" rufen, wirkt das zunächst wie ein seltsamer Zufall, wie zwei Dinge, die nicht zusammenpassen. Aber: Karneval und das Martinsfest sind zwei Bräuche, die sich denselben Ursprung teilen - und der liegt viele Jahrhunderte zurück.
Am 8. November 397 n.Chr. starb Bischof Martin von Tours, am 11. November wurde er zu Grabe getragen. Das war damals ein Riesenereignis, daher wird dieses Datum gefeiert und nicht sein Todestag. Die Geschichte des Soldaten Martin, der mit einem Bettler seinen Mantel teilte und später heiliggesprochen wurde, ist weltberühmt.
Er ist einer der wenigen Heiligen, die diesen Status nicht als Märtyrer erhalten haben, sondern aufgrund ihrer Nächstenliebe und christlicher Lebensweise. Seine Wohltätigkeit machte ihn zu einem beliebten Schutzpatron nicht nur für die Armen, sondern auch für Handwerker, Winzer - und Bauern.
Das Ende des Bauernjahres
Im Mittelalter markierte der Martinstag elf Tage nach dem Erntedankfest das Ende des bäuerlichen Jahres: Die Ernte war eingebracht, der Wein war gelesen, die Pacht bezahlt (meist in Form von gemästeten Gänsen), Löhne wurden ausgezahlt.
Es wurde geschlachtet und gefeiert, galt es doch, die verderblichen Lebensmittel wie Fleisch, Eier und Milchprodukte an diesem Tag zu verzehren. Denn darauf folgte eine kirchlich angeordnete Fastenzeit.
Fastenzeit vor Weihnachten?
Dass früher vor Weihnachten gefastet wurde, ist heute kaum noch vorstellbar. Konsumrausch, Weihnachtsmärkte mit ihrem üppigen Angebot an Leckereien, von Weihnachtsgebäck und Bratwurst bis Glühwein und Eierpunsch, vermitteln das Gegenteil.
Jedoch: Die Adventszeit war in früheren Jahrhunderten wie die Zeit vor Ostern eine strenge Fastenzeit - sie begann nach dem 11. November und auch sie dauerte sechs Wochen, zur stillen Vorbereitung auf das Geburtsfest Jesu Christi.
Doch kirchliche und gesellschaftliche Entwicklungen haben dazu geführt, dass das Gebot des Fastens im Advent mehr und mehr gelockert wurde, bis die römisch-katholische Kirche es 1917 aufhob.
Der letzte Rausch vor dem Advent
Bevor es also früher ernst wurde mit Buße und Enthaltsamkeit, durfte man noch einmal über die Stränge schlagen. Essen, trinken, tanzen, ausgelassen feiern - und das an einem Datum, das der Kirche - zufällig - auch noch eine lange Nase macht: Die Zahl Elf markiert nicht nur die Beisetzung des St. Martin - sie steht genau zwischen zwei heiligen Zahlen mit hohem Symbolwert für das Christentum: der Zehn für die zehn Gebote und der Zwölf für die zwölf Apostel. Die Elf dazwischen störte diese göttliche Ordnung - und das machte sie im Lauf der Zeit zur närrischen Zahl.
Der Karneval startet zwar am 11.11. um 11 Uhr 11 - in den rheinischen Hochburgen feiern jecke Menschen den Karnevals- oder auch Sessionsauftakt mit lautem Getöse -, aber ab dem 12. November versteckt er sich zunächst, bis er im Januar wieder auftaucht. Dann beginnen erste Veranstaltungen, die im Februar im bunten Straßenkarneval gipfeln, der sechs Tage lang gefeiert wird und am Aschermittwoch wieder endet.
St. Martin und die Narren: Gegensätze ziehen sich an
Während die Kirche also am 11. November den Heiligen Martin von Tours ehrt, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte, Kinder mit Laternen und Blaskapelle durch die Straßen ziehen und an Haustüren für Süßigkeiten singen, feiern die Karnevalisten an diesem Tag lauthals Lebensfreude und Freiheit, bevor es in die besinnliche Adventszeit geht. Zwei unterschiedliche Feste an einem Tag, die sich gut ergänzen: Hier Nächstenliebe und Licht, dort Ausgelassenheit und Lachen.
Der 11. November ist ein Datum voller Gegensätze - und gerade deshalb so besonders. Er erinnert uns an Mitgefühl und Menschlichkeit, an das Teilen - und daran, dass das Leben manchmal einfach gefeiert werden darf.