Salafisten und Rechte: Die Lust am Streit | Deutschland | DW | 06.09.2013
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Deutschland

Salafisten und Rechte: Die Lust am Streit

Salafisten werben bei Kundgebungen um Anhänger. Rechtspopulisten nutzen solche Gelegenheiten, um mit Islamkritik zu punkten. Es zeigt sich: Beide Seiten brauchen die gegenseitigen Provokationen.

Islamische Fundamentalisten demonstrieren in Solingen gegen eine Veranstaltung von Pro NRW. Foto: Melanie Dittmer dpa/lnw.

Salafisten in Solingen

Kahler Schädel, langer Bart, rheinischer Dialekt - so warb der selbst ernannte "islamische Prediger" Pierre Vogel mit Videobotschaften im Internet für die Salafisten-Veranstaltung am Wochenende in Frankfurt am Main: "Liebe Geschwister im Islam, am 07.09.2013 ist wieder der radikalislamische Friedenskongress!" - und verbessert sich dann mit einem Lachen: "Ich meine, der islamische Friedenskongress. Wir wollen euch alle einladen, dahin zu kommen!"

Mit geballter Faust verabschiedet sich der salafistische Prediger Pierre Vogel in Hamburg von seinen Anhängern. Foto: Bodo Marks dpa/lno.

Pierre Vogel: Selbst ernannter Prediger

Es sollte um den Weltfrieden gehen, außerdem wollte man islamische Kräfte in Ägypten und vor allem in Syrien unterstützen: 100.000 Euro Spenden wollten die Salafisten sammeln, mit deren Hilfe die syrische Opposition das Assad-Regime stürzen soll. Pierre Vogel ist 2011 zum Islam konvertiert und in Deutschland bekannt für seine medienwirksamen Auftritte. Der vergangene sogenannte Friedenskongress in Frankfurt vor zwei Jahren, auf dem Vogel auftrat, zog 1.500 Zuhörer an. Im vergangenen Jahr sorgte er mit einer "Koranverteilungsaktion" für Aufmerksamkeit. Den Angaben zufolge verteilten Salafisten bis zu 25 Millionen kostenlose Korane in Deutschland. Eine aus ihrer Sicht erfolgreiche Werbekampagne: Wochenlang wurde über die Gruppe berichtet - gerade junge Menschen hat das neugierig gemacht.

Islamisten verteilen kostenlose Koran-Exemplare an Passanten. Foto: dpa.

Kostenloser Koran als Werbeinstrument

"Viele fühlen sich angesprochen"

"Es ist eine Minderheit unter den Muslimen, allerdings die mit der größten Aufmerksamkeit", sagt Rauf Ceylan, Religionswissenschaftler an der Universität Osnabrück, zu den sogenannten "Neo-Salafisten". Besonderes Kennzeichen ist ihre sehr schlichte Ideologie - und dass sie sich fast ausschließlich auf Deutsch an Sympathisanten wenden. Sie drücken sich dabei sehr einfach aus, verwenden Begriffe aus der Jugendsprache. Auch viele nicht-muslimische Jugendliche fühlen sich davon angesprochen. Und das sei auch gewollt: "Sie knüpfen an Erfahrungen an, sich aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu fühlen. Sie verstehen es, jungen Menschen in Krisensituationen Halt zu geben, sie bieten ein Gemeinschaftsleben an."

Salafisten vertreten eine besonders traditionelle Form des Islams. Sie nehmen für sich in Anspruch, den "wahren" Islam nach dem Vorbild des Propheten Mohammed zu leben. Ein Teil von ihnen verfolgt darüber hinaus das politische Ziel, die Gesellschaft nach diesem Vorbild umzugestalten. Ihrer Meinung nach sollten in Deutschland die Regeln des Islams und die islamische Rechtsprechung gelten. Eine Minderheit will das auch mit Gewalt durchsetzen.

Kamerateams filmen den Angeklagten im Saal des Amtsgerichts Solingen Er gehört der Anklage zufolge zu einer Gruppe von Salafisten, die am 1. Mai 2012 gegen eine provozierende Aktion der rechtsextremen Partei «Pro NRW» protestiert hatte. Foto: Marcus Simaitis/dpa

Großes Interesse am Prozess gegen salafistische Gewalttäter in Solingen

Verfassungsschutz hat Salafisten im Auge

Im hessischen Verfassungsschutzbericht 2012 beschäftigt sich ein ganzes Kapitel mit salafistischen Gruppierungen. Lange waren sie vor allem im Rheinland, im Ruhrgebiet und in der Hauptstadt Berlin aktiv. Doch in den vergangenen Monaten ist offenbar auch der Raum Frankfurt zu einem bevorzugten Betätigungsfeld der Salafisten geworden. Rauf Ceylan erklärt das damit, dass dort ihre Zielgruppe besonders stark vertreten sei: benachteiligte, meist männliche Jugendliche auf der Suche nach einem Sinn, nach einem Platz in der Gesellschaft.

700 Salafisten, so schätzt der Verfassungsschutz, sollen es in Hessen sein, in ganz Deutschland etwa 3.800. Da es sich aber um keine feste organisierte Religionsgemeinschaft, sondern eher um lose Netzwerke handelt, ist die tatsächliche Reichweite oder die Zahl der Sympathisanten nicht bekannt. "Das ist das Problem, das wir in Deutschland haben: Daten, Fakten, empirische Erhebungen - da sind wir leider noch Entwicklungsland", sagt Ceylan.

Anhänger jubeln in der Innenstadt von Frankfurt am Main dem salafistischen Prediger Pierre Vogel zu. Foto: dpa.

Junge Muslime bei Salafisten-Kundgebung in Frankfurt am Main: Stark durch den Islam

Fließende Grenzen zum gewaltbereiten Islamismus

Die Sicherheitsbehörden beobachten die Ausbreitung der Salafisten mit Sorge. Denn die Grenze zum dschihadistischen Terror ist oftmals fließend. Die Stadt Frankfurt hatte die Veranstaltung deshalb zunächst verboten. Die Salafisten verfolgten verfassungsfeindliche Ziele und gefährdeten den öffentlichen Frieden, lautete die Begründung. Die Salafisten setzten aber vor Gericht durch, dass ihre Veranstaltung stattfinden konnte.

Im vergangenen Jahr kam es bei Veranstaltungen von Salafisten im Rheinland zu Gewalt, als Mitglieder der rechtspopulistischen Gruppierung "Pro NRW" die selbst ernannten Glaubenskrieger mit Anti-Islam-Parolen provozierten. Mehrere Dutzend Polizisten wurden verletzt.

"Die einen brauchen quasi die anderen"

Auch diesmal hatte eine ähnliche Gruppierung namens "Pax Europa" eine Gegendemonstration angemeldet. Laut Alexander Häusler von der Arbeitsstelle Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf ist sie Teil einer rechtspopulistischen Strömung, die der, wie sie es nennt, "schleichenden Islamisierung" in Europa entgegentreten wolle.

Demonstration der Partei Pro Deutschland vor einer Moschee in Berlin. Foto: Paul Zinken/dpa

Stimmung gegen den Islam: Die Partei "Pro Deutschland"

"Das sind Leute aus extrem rechten Splitterparteien, die versuchen, aus der Angst vor dem Islam Kapital zu schlagen in der Hoffnung, davon auch bei Wahlen profitieren zu können."

Nach Meinung von Alexander Häusler sieht es nur so aus, als handele es sich bei Salafisten und Rechtspopulisten um extreme Gegensätze. In Wahrheit seien es zwei Seiten einer Medaille: "Die einen brauchen quasi die anderen, um Aufmerksamkeit zu bekommen und um im Feindbild des anderen die eigene Identität zu festigen."

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