Holocaust-Überlebende Ruth Klüger gestorben | Bücher | DW | 07.10.2020
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Nachruf

Holocaust-Überlebende Ruth Klüger gestorben

Ruth Klüger zählte zu den letzten Stimmen des Holocaust. Nun ist die österreichisch-amerikanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin mit 88 Jahren gestorben.

Schwarz-weiß Foto von Ruth Klüger.

Ruth Klüger

Sie selbst hatte wahrscheinlich am wenigsten damit gerechnet: Am 27. Januar 2016 stand Ruth Klüger vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestages und hielt eine Rede. Es war der 71. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, an die mit dieser Feierstunde im Bundestag erinnert wurde. Bewegend erzählte sie von ihrem Schicksal als Jüdin während des Zweiten Weltkriegs: wie sie als Kind deportiert worden war und zusammen mit ihrer Mutter nach Auschwitz kam - eines von insgesamt drei Lagern, in das man Ruth Klüger inhaftierte. Unvorstellbares Grauen erlebte sie.

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Die letzten Zeugen von Auschwitz

Und dennoch hielt sie wertschätzende Worte für Deutschland, das Land der Täter bereit: "Dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen", so Krüger über die deutsche Flüchtlingspolitik im Jahr 2015/16.Und ihr eigenes Überleben? Das habe sie dem  Zufall und ihrer Liebe zur Lyrik zu verdanken. "Ich habe den Verstand nicht verloren, ich habe Reime gemacht."

Schiller-Balladen statt Schule 

Ruth Klüger, die am 30. Oktober 1931 in Wien als Tochter eines Gynäkologen in eine jüdische Familie hinein geboren wird, erlebt eine Kindheit, die geprägt ist von Ausgrenzung und Antisemitismus. Sieben Jahre alt ist sie, als Hitler in Österreich einmarschiert. "Das waren Hitlerjahre für mich, es war das Gegebene."

Schon als kleines Mädchen beschäftigt sie sich viel mit Gedichten, lernt alleine "in der düsteren Wohnung" ganze Schiller-Balladen auswendig, weil sie als Jüdin nicht einmal die Schule besuchen darf.

Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt

Im September 1942, da ist Ruth Klüger zwölf Jahre alt, werden sie, ihre Mutter und Großmutter in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, von dort weiter nach Auschwitz-Birkenau. 1944 entkommt sie dem Tod um Haaresbreite. Es ist eine Zeit in Auschwitz, "in der die Gaskammern und Kamine im Lager auf Hochbetrieb laufen", erzählt sie in ihrer Rede im Deutschen Bundestag.

Es gelingt ihr schließlich, sich in eine Selektion im Lager einzuschmuggeln, die arbeitsfähige Frauen ab 15 Jahren zum Kriegsdienst auswählt. Sie ist deutlich jünger, behauptet jedoch, das nötige Alter zu haben. Man glaubt ihr und schickt das Mädchen ins Arbeitslager Christianstadt. Dort rodet sie Wald, gräbt Stümpfe gefällter Bäume aus, hackt Holz, trägt Schienen. Während sie arbeitet, rezitiert sie auswendig gelernte Gedichte und betreibt so viel Sabotage wie möglich. Die klangvolle Sprache der Lyrik gibt ihr Halt, das Rezitieren der Gedichte ist ihre Überlebensstrategie. 

Ein Gesichtsloser 

sucht sich zum Graben hinunterzuwälzen.

Das Mädchen, die tuchbedeckte Schüssel krampfhaft haltend, läuft schluchzend ins lichte Haus.

Im Steinbruch frieren Kinder in der rostigen Luft. 

(Auszug aus "Landschaftsgedicht") 

Porträt von Ruth Klüger.

Ruth Klüger war in Deutschland ein vielgefragter Gast in Kultursendungen, hier 2008 bei "Aspekte" (ZDF)

Vom Todesmarsch in die Freiheit

1945 schickt die SS Häftlinge auf einen Todesmarsch vom Arbeitslager Christianstadt nach Bergen-Belsen. Ruth Klüger und ihrer Mutter gelingt die Flucht. Sie können sich bis nach Straubing in Bayern durchschlagen, wo sie von der US-Armee in Empfang genommen werden. Mutter und Tochter sind frei. Ihren Vater und ihren Halbbruder sieht Klüger nie wieder. "Ich kann nicht verzeihen, dass mein Bruder in der Ukraine erschossen wurde und dass mein Vater - weiß Gott wo, wahrscheinlich in Litauen - umgekommen ist", so Ruth Klüger im DW-Interview.

In Straubing macht sie das Notabitur und beginnt ein Studium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Regensburg. Doch es hält sie nicht lange in Deutschland - für sie ist es ein für Juden "verbotenes Land". Nach knapp zwei Jahren emigriert sie schließlich mit ihrer Mutter in die USA. 

Karriere an der Uni

In New York studiert sie zunächst Bibliothekswissenschaften und Anglistik, nach dem dortigen Abschluss noch einmal Germanistik an der University of California in Berkely. "Ich wollte was werden. Ich wollte unabhängig sein", sagte Ruth Klüger in einem Interview mit dem "SZ-Magazin". Und Ruth Klüger "wurde etwas": Nach ihrer Promotion 1976 über "Das barocke Epigramm" arbeitet sie als Dozentin an zahlreichen amerikanischen Universitäten. Von 1980 bis 1986 hat sie die Professur für Germanistik an der University of Princeton inne. 1986 folgt sie einem Ruf an die University of California in Irvine.

Schon in den 1950er Jahren heiratet sie den Historiker Werner Angress und publiziert bis in die 1980er unter dem Namen "Ruth K. Angress". Ihre unglückliche Ehe, aus der zwei Söhne hervorgehen, und die als Befreiung empfundene Scheidung thematisiert sie später in ihrer Autobiografie "Unterwegs verloren - Erinnerungen" (2008). Danach schreibt sie nur noch als Ruth Klüger.

Klügers literarische und wissenschaftliche Arbeiten weisen eine enorme Bandbreite auf: Sie reichen vom Barock bis zur Gegenwartsliteratur, von Lessing über Kleist bis Heine, von Kästner zu Thomas Mann. Sie befasst sich mit den Zusammenhängen von Dichtung und Geschichte, der literarischen Darstellung des Holocaust, dem Bild von Jüdinnen und Juden in der Literatur. Mitte der 1970er Jahre wendet sich Klüger dann verstärkt feministischen Themen zu. 

Ruth Klüger am Rednerpult im Deutschen Bundestag.

Ruth Klüger vor dem Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016. "Einem Zufall verdanke ich mein Weiterleben"

Mit 60 Jahren das Schweigen brechen

Obgleich sie an der Universität deutsche Literatur lehrt, publiziert Klüger lange Zeit nur auf Englisch. Erst Ende der 1980er Jahre, als sie eine Gastprofessur in Göttingen übernimmt, wagt sie, sich ihrer Muttersprache wieder anzunähern. Und sie beginnt von ihrer Kindheit zu erzählen. "weiter leben. Eine Jugend" (1992), in dem Klüger ihre Erinnerungen aufschreibt, wird ein Bestseller und der erfolgreiche Start ihrer späten Karriere als jüdisch-amerikanische Autorin. "Ruth Klüger liebt die Stille, die alarmierende freilich, die Knappheit, die provozierende, das Understatement, das Schreiende", so Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

Kein Verzeihen möglich

Bis zuletzt konnte Ruth Klüger Deutschland nicht ohne Skepsis betrachten. Sie konnte nicht verzeihen, was die Nationalsozialisten und die deutsche SS in den Lagern ihr antaten. "Wir Überlebende sind nicht zuständig für Verzeihung", sagte sie vor wenigen Jahren in einem Interview mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA. "Ich halte Ressentiments für ein angebrachtes Gefühl für Unrecht, das nicht wiedergutzumachen ist." Ein Satz wie in Stein gemeißelt.

Nach langer Krankheit ist Ruth Klüger in der Nacht auf Dienstag in Kalifornien gestorben. Sie wurde 88 Jahre alt. 

Dieser Artikel enthält Teile eines früheren Textes.

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