Russland: Alltag mit dem Embargo | Wirtschaft | DW | 06.08.2015
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Wirtschaft

Russland: Alltag mit dem Embargo

Vor einem Jahr hat Russland ein Importverbot für Lebensmittel aus dem Westen verhängt. Die Folge: Höhere Preise und schlechtere Qualität. Wie gehen die Russen damit um? Aus Moskau Karsten Kaminski.

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Für und Wider: Sanktionen gegen Russland (31.07.2015)

Die Auswahl an Lebensmitteln in den Supermärkten Moskaus ist riesig: Zum Beispiel bei Camembert, Mozzarella und Joghurt. Diese Produkte kommen aber nicht mehr aus der der EU, den USA, Australien, Norwegen oder Kanada, sondern aus Russland oder aus dem Kaukasus. Nur noch in einigen Supermärkten kann man Produkte aus dem Westen finden und wenn, dann sind die sehr teuer. Viele Russen vermissen zum Beispiel den Parmesan aus dem Westen. Auf einer Straße in Moskau wurde kürzlich eine Handynummer aufgesprüht mit dem Hinweis: Da kann man den originalen Käse kaufen.

Die Menschen sind verärgert. Innerhalb des letzten halben Jahres sind die Preise für Lebensmittel um 14 Prozent gestiegen. Die Konsumenten in Russland wollen mehr Auswahl und eine gute Qualität, sagt die 35-jährige Ksenja aus Moskau: "In den Supermärkten gibt es zum Beispiel nur noch russischen Käse und der hat eine schlechte Qualität." Sie zahle jetzt mehr für die Produkte, obwohl die Qualität nicht besser geworden sei. Lebensmittel seien viel teurer geworden, "und weil es für mich ein finanzielles Problem ist, muss ich zum Markt fahren."

Russland ein Jahr russische Sanktionen gegen EU

Ein Markt außerhalb des Moskauer Stadtzentrums. Hier ist es billiger.

Preise rauf, Qualität runter

Zum Markt fahren heißt für viele Moskauer, eine Reise planen. Denn der Markt befindet sich außerhalb des Stadtzentrums. Eine Fahrt dauert jeweils eine Stunde - hin und zurück. Dort zahlt Ksenja zwei bis drei Mal weniger als im Supermarkt. Gerade die Preise für Obst und Gemüse sind dort günstiger. Ksenja ist Vegetarierin und kauft auf dem Markt auch gerne Käse. Dort bekommt sie nämlich auch Käse aus dem Kaukasus, so hat sie noch eine Auswahl an verschiedenen Sorten.

Die Qualitätsunterschiede merken die Menschen in Russland, weil zum Beispiel Palmöl statt Butter für Milchprodukte genutzt wird. Und Gemüsepasten werden jetzt mit Mehl oder Stärke gestreckt. Die Qualitätsverluste und die hohen Preise machen Ksenja große Sorgen. Sie ist Vegetarierin und befürchtet Schlimmes für den Winter: "Jetzt im Sommer haben wir noch eine große Auswahl an Früchten und an Gemüse." Vieles käme aus Russland oder aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Vor dem Winter aber habe sie Angst: "Was wird dann aus dem Essen? Gerade Obst und Gemüse ist für mich sehr wichtig."

Aktion gegen westliche Produkte

Nicht alle Moskauer sehen das Embargo so kritisch wie Ksenja. Die Organisation "Schweinchen", die zur patriotischen Jugendbewegung Naschi (Die Unsrigen) gehört, organisiert zum Beispiel Flashmobs gegen westliche Lebensmittel. Die Aktion heißt: "Iss Essen aus Russland" und läuft in etwa so ab: Junge Mädchen unter 20, mit lackierten Fingernägeln in der Farbe des russischen Flagge, gehen durch die Supermärkte Moskaus und kleben Sticker auf die Produkte, die aus dem Westen kommen. Sie sollen Warnschilder sein und haben die Aufschrift: "Das ist ein Sanktionsprodukt".

Russland: Ein Jahr russische Sanktionen gegen EU

Iss Essen aus Russland! Aktion junger Russinnen in einem Supermarkt

Neben dieser Botschaft ist noch ein aggressiver Bär dargestellt, der die amerikanische und europäische Flagge mit seinen Krallen angreift (Artikelbild). Die Aktion wird vom Kreml mit sechs Millionen Rubel (100.000 Euro) unterstützt. "Wieso sollen wir etwas aus dem Ausland essen, wenn wir einheimische Produkte haben? Unser Land ist riesig, wir können uns schon selbst ernähren. Und wenn es Lebensmittel aus dem Ausland bei uns gibt, wie sollen dann unsere Sachen auf dem Kassenband landen?" Die jungen Mädchen, die die Aktion durchführen, sehen sich in der Pflicht, die Moskauer aufzuklären. Sie wollen zeigen, dass man mit dem Kauf westlicher Produkte der einheimischen Wirtschaft noch mehr schadet.

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Auch das Einkommen ist gesunken

Russlands Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschjow betont in Interviews immer wieder, dass der Importstopp positive Auswirkungen für die Agrarwirtschaft haben werde. Verbände und Experten sind aber anderer Meinung. Sie merken, dass die Verbraucher in Russland weniger Geld für Essen ausgeben, weil die Waren einfach zu teuer sind.

Zusätzlich sind die Einkommen durchschnittlich um 8,5 Prozent gesunken. Ksenja erklärt, wie es in ihrer Heimat Sibirien aussieht. Dort ist es in den Supermärkten leerer und vor allem dort, außerhalb der Großstädte, merkt man erst, was das Embargo bedeutet: "Ich weißt nicht, wie man dort finanziell noch klar kommen soll. Schon früher waren die Lebensmittel so teuer in meiner Heimatstadt und jetzt ist es noch teurer."

Lebensmittel aus dem Westen werden jetzt verbrannt

Jetzt, nach einem Jahr, wird das Embargo sogar noch verschärft. Premierminister Dmitri Medwedew hat angeordnet, dass ab sofort Lebensmittel aus dem Westen an den Grenzen abgefangen und verbrannt werden sollen. Dafür sollen spezielle Öfen an den Grenzen aufgestellt werden. Die Vernichtung soll mit Videoaufnahmen dokumentiert werden. Damit wolle man unter anderem die illegale Einfuhr von westlichen Produkten stoppen.

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