Ruslana: ″Es gibt keinen Weg zurück″ | Fokus Osteuropa | DW | 04.12.2013
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Fokus Osteuropa

Ruslana: "Es gibt keinen Weg zurück"

Die Siegerin des Eurovision Song Contest 2004, Ruslana, hat kurzerhand ihre Tournee nach Belgien abgesagt. Sie will bei den Demonstranten auf dem Kiewer "Maidan" bleiben. Die DW sprach dort mit ihr.

Deutsche Welle: Ruslana, was macht Ihnen derzeit am meisten Sorgen, wenn Sie die angespannte politische Lage in der Ukraine betrachten?

Ruslana: Gegenwärtig sind wir sehr empört, aufgeregt, erfasst von Emotionen, weil wir mit eigenen Augen sehen, wie dreist sich die Regierung verhält. Man kann das nicht mit einfachen Worten beschreiben. Das sind Verbrecher! Man kann sich nicht vorstellen, dass diese Leute an der Macht sind, obwohl deren teilweise kriminelle Vergangenheit bekannt ist. Ich habe nicht gedacht, dass sie so weit gehen würden. Ich erinnere mich an die "Orange Revolution". Nicht einmal Präsident Leonid Kutschma setzte damals Sicherheitskräfte ein. Er wagte es nicht, so gegen sein Volk vorzugehen. Den Leuten, die heute Befehle geben, ist nichts heilig. Es gibt keinen Weg zurück. Wir können uns nur schützen, wenn wir sie mit unserem geschlossenen Protest in Angst und Schrecken versetzen. Dann werden sie laufen gehen. Ansonsten werden sie uns einsperren und zusammenschlagen.

Wird man die Schuldigen für den brutalen Polizeieinsatz gegen friedliche Demonstranten vom 30. November bestrafen?

Ruslana singt auf dem Maidan (Foto: Ruslana)

Ruslana singt auf dem "Maidan"

Wir werden nicht zulassen, dass die Regierung dieses Verbrechen einfach vergisst. Diejenigen, die in jener schrecklichen Nacht auf dem "Maidan" waren und von den Sicherheitskräften geschlagen wurden, sollen zu uns zum Unabhängigkeitsdenkmal kommen. Dort sind Freiwillige, die helfen, eine Strafanzeige zu stellen - wegen versuchten Mordes! Zusammen mit Juristen können die Papiere ausgefüllt werden. Dann müssen die Behörden reagieren.

Was hat Sie veranlasst, auf dem "Maidan" aktiv zu werden? Sie sind doch in erster Linie eine Sängerin.

Ich bin hier eine freiwillige Helferin. Gesungen habe ich vielleicht nur zweimal. Ich kann zurzeit nicht singen. Erstens habe ich meine Stimme verloren, weil ich hier immer wieder Erklärungen der Menschen verlese. Und zweitens, weil ich seit dem ersten Tag auf dem "Maidan" auch nachts vor Ort bin. Denn ich weiß, wenn Menschen, Demonstranten, nachts bleiben, dann kommen am Morgen doppelt so viele. Das ist ein einfaches Beispiel dafür, wie man die Menschen psychisch und emotional stärkt.

Warum protestieren Sie gegen die Regierung und den Stopp des Assoziierungsabkommen mit der EU?

Wissen Sie, es ist einfach menschliche Intuition. Es gibt Dinge, die man nicht logisch erklären kann. Man spürt einfach, was man tun muss. Uns ist alles klar: Rundherum stehen Truppen mit Militärtechnik, seltsame aggressive Kerle, von denen man nicht weiß, wo sie trainiert wurden. Man weiß nicht einmal, ob sie tatsächlich Angehörige von Sicherheitskräften sind, oder einfach nur als solche verkleidet sind und eigentlich anderen Strukturen angehören. Man darf sich jetzt nicht zurückziehen, nicht einmal daran denken! Wir sind in Gefahr. Unsere Sicherheit ist in unseren Händen.

Apropos Sicherheit für junge Demonstranten. Wenn Sie dazu aufrufen, zum "Maidan" zu kommen, fühlen Sie sich verantwortlich für sie?

Als nachts diese brutale Niederschlagung passierte, fühlte ich mich wirklich moralisch in der Pflicht. Die jungen Menschen haben gesehen, dass ich nachts dort war, vielleicht ist so mancher gerade deswegen auch dort geblieben. Ich bitte jetzt sehr darum, sich zusammenzutun, sich jetzt nicht zu zerstreuen und gemeinsam für Sicherheit zu sorgen. Lasst uns zusammenhalten und eine friedliche Blockade der Regierung aufrecht erhalten. Nur vor einer großen Anzahl Protestierender werden sie zurückschrecken. Nur dann werden sie nichts unternehmen können und einer nach dem anderen wird die Nerven verlieren, kündigen, zurücktreten.

Ruslana gewann den Eurovision Song Contest 2004. Es war der erste Sieg der Ukraine bei dem europäischen Musikwettbewerb. Die Sängerin war eine der Symbolfiguren der "Orange Revolution" im selben Jahr. 2012 startete sie eine Menschenrechtskampagne, die sich gegen Ungerechtigkeit und Justizwillkür in der Ukraine richtet.

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