Der Kiewer ″Maidan″ wird zur Festung | Fokus Osteuropa | DW | 04.12.2013
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Fokus Osteuropa

Der Kiewer "Maidan" wird zur Festung

Sie fordern die EU-Integration ihres Landes und wollen nicht weichen. Die Demonstranten in der ukrainischen Hauptstadt richten sich mit eigener Infrastruktur auf eine lange Belagerung des Unabhängigkeitsplatzes ein.

Trotz des kalten und windigen Wetters harren die Demonstranten aus auf dem "Maidan", dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Selbst in den Nächten sind es noch immer Tausende von Menschen. Sie wärmen sich an Feuern in Metallfässern und singen Lieder. Auch die Nationalhymne wird immer wieder gesungen. Auf TV-Bildschirmen auf einer großen Bühne laufen Filme. Musiker treten auf wie zum Beispiel die bekannte Siegerin des Eurovision-Song-Contest im Jahr 2004, Ruslana.

Menschen wärmen sich nachts an Metallfässern, in denen sie Feuer machen (Foto: DW)

Menschen wärmen sich nachts an Metallfässern, in denen sie Feuer machen

Den Platz nennen die Menschen in Kiew inzwischen "Euromaidan", denn mit dem Protest auf diesem Platz soll die EU-Integration der Ukraine durchgesetzt werden. Das größte Problem der Organisatoren ist der Mangel an beheizten Einrichtungen, wo sich die Demonstranten aufwärmen könnten. Einer der Leiter der Zeltstadt ist der Parlamentsabgeordnete der Oppositionspartei "Vaterland", Andrij Parubij. Die Demonstranten nennen ihn "Kommandeur". Er hat dafür gesorgt, dass sich die Menschen im nahegelegenen Gewerkschaftshaus, im Gebäude des Stadtrates, in einem Kulturzentrum und in der St. Michael-Kathedrale aufhalten und dort auch schlafen dürfen.

Zahlreiche Spenden von Bürgern

An die Teilnehmer der Proteste werden heiße Getränke verteilt (Foto: DW)

An die Teilnehmer der Proteste werden heiße Getränke verteilt

Nach und nach wird das Leben der Demonstranten auf dem Unabhängigkeitstag geordnet und organisiert. Freiwillige Helfer verteilen Sandwiches und heiße Getränke. Die Lebensmittel werden von Bürgern der Hauptstadt gespendet. Aber auch umliegende Cafés und Restaurants helfen mit Brot, Keksen, Käse, Wurst, Tee und Kaffee.

Es gebe aber auch viele Geld- und Sachspenden, sagte der Parlamentsabgeordnete der rechtspopulistischen Partei "Swoboda", Swjatoslaw Chanenko der Deutschen Welle: "Es hat uns jemand einen Bus voller wärmender Einlegesohlen für Schuhe gebracht. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Menschen uns Medikamente, Nahrung und Geld bringen", berichtet Chanenko, der von Beruf Arzt ist. Mangel an Medikamenten herrsche auch deswegen nicht, weil einige Kiewer Apotheken genügend gespendet hätten, erzählt Chanenko - er war schon im Jahr 2004 bei der "Orange Revolution" mit dabei.

Wie damals ist Chanenko auch heute wieder für die medizinische Versorgung der Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz zuständig. Epidemien oder anderen schwere medizinische Probleme erwartet er nicht. "Es gibt Besonderheiten bei der Ernährung in so einer Situation, den Menschen fehlt es auch an Schlaf, sie können sich nicht duschen. Aber die Begeisterung der Menschen auf dem 'Maidan' sorgt für eine starke natürliche Immunabwehr", so der Arzt.

Opposition organisiert Komitee

Swjatoslaw Chanenko sorgt für die medizinische Versorgung der Demonstranten (Foto: DW)

Swjatoslaw Chanenko sorgt für die medizinische Versorgung der Demonstranten

Die Opposition hat ein "Komitee des nationalen Widerstands" gegründet, das die Proteste organisiert. An der Spitze des Komitees stehen die Führer der drei Oppositionsparteien: Vitali Klitschko mit seiner "Ukrainischen Allianz für demokratische Reformen" (UDAR), Oleh Tjahnybok mit seiner "Freiheits-Partei" sowie Arsenij Jazenjuk, der die Partei der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko "Vaterland" anführt. Ferner gehören dem Komitee Vertreter mehrerer gesellschaftlicher Organisationen an. Auch sie unterstützen die Proteste mit Geld und Sachspenden.

Das Komitee hat dafür gesorgt, dass rund um den "Maidan" eine medizinische Versorgung rund um die Uhr sichergestellt ist. Ärzte tun dort freiwillig ihren Dienst. Einer von ihnen ist Anatolij Besuschko. Er sei einem Aufruf eines Ärzteverbandes bei Facebook gefolgt und auf den "Maidan" gekommen. Dort sei er freiwillig zwölf Stunden am Tag im Dienst, sagte er der DW.

Sein Einsatzort ist das Gewerkschaftshaus. Dort kümmert er sich um seine Patienten. "Meist haben sie eine Erkältung oder eine andere akute Erkrankung der Atemwege", berichtet der Arzt. Aber in den vergangenen Tagen mussten auch Verletzte behandelt werden, vor allem am 30. November nach dem gescheiterten Versuch von Sicherheitskräften, die Demonstranten brutal zu vertreiben, oder nach den Zusammenstößen vor dem Präsidialamt am 1. Dezember.

Rund um den "Maidan"

Zeltstadt auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew (Foto: DW)

Zeltstadt auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew

Das "Komitee des nationalen Widerstands" erklärte unterdessen, es richte sich auf eine lange Protestaktion ein. Die Anzahl der festen Freiwilligen, die den "Maidan" rund um die Uhr schützen wollten, habe inzwischen 3000 erreicht, sagte Andrij Parubijy von der Oppositionspartei "Vaterland" der DW. Ihm zufolge würden die Männer derzeit trainiert, damit sie im Falle einer gewaltsamen Räumung des "Maidan" wirksam reagieren könnten.

Und während die Demonstranten sich weiter organisieren, treiben rund um den "Maidan" zahlreiche Händler ihr Geschäft. Sie verkaufen Fahnen, dicke Schals, Mützen und Handschuhe. Für eine kleine Flagge der Ukraine oder eine Europa-Fahne verlangen sie umgerechnet einen Euro. Die Frage, wie ihr Geschäft läuft, beantworten die Händler ungern. Doch über geringe Einnahmen klagen sie nicht.

Gleichzeitig verteilen auf dem Unabhängigkeitsplatz Studenten kostenlos Fahnen, die von den Oppositionsparteien zur Verfügung gestellt werden. Beliebt sind auch Aufkleber, auf denen steht: "Ich bin hier nicht für Geld."

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