Rumänen in Italien: Alle Wege führen weg aus Rom | Europa | DW | 13.03.2020
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Coronavirus

Rumänen in Italien: Alle Wege führen weg aus Rom

Mehr als 1,2 Millionen Rumänen leben in Italien. Im osteuropäischen EU-Land ist die Angst groß, dass Italien-Rückkehrer viele Einheimischen infizieren. Sie müssen in Quarantäne - doch die Zustände sind oft chaotisch.

Magdalena Chiriac war gerade in Rom angekommen, als Bukarest verkündete, alle Flugverbindungen zwischen Rumänien und Italien zu streichen. Die Coronavirus-Epidemie hatte aus dem Norden der Halbinsel das ganze Land überrollt. Die 58-jährige Wissenschaftlerin versuchte lange, mit der diplomatischen Vertretung Rumäniens in Kontakt zu treten: "Es war eher etwas Psychologisches. Nach mehreren Versuchen gelang es letztendlich, aber geholfen hat uns trotzdem keiner. Im Gegenteil: Sie verpetzten uns", erzählt sie im Gespräch mit der DW. 

In Rumänien gibt es mindestens 70 Coronavirus-Infektionen, die Schulen wurden geschlossen und Veranstaltungen mit über 100 Personen sind verboten. Am Freitagmorgen wurde bekannt, dass sogar ein Mitglied des rumänischen Parlaments infiziert ist. Der Senator hat sich aus eigener Initiative in Quarantäne begeben, genau wie der kommissarische Ministerpräsident Ludovic Orban und die führenden Politiker seiner liberalen Partei PNL - mitten in einer tiefen politischen Krise. 

Wer aus Corona-Risikogebieten wie Italien einreist, ist zu einer 14-tägigen Quarantäne verpflichtet. Inzwischen hat Rumänien auch mehrere Grenzübergänge geschlossen. 

Zehntausende pendeln monatlich zwischen Rumänien und Italien 

Die Angst vor Italien-Rückkehrern, die eine große Zahl von Menschen in Rumänien anstecken könnten, ist auch deshalb besonders groß, weil mehr als 1,2 Millionen Rumänen auf der Halbinsel wohnen. Zehntausende pendeln mindestens einmal im Monat zwischen den beiden Ländern. Kein Wunder, dass nach dem Corona-Schock in den norditalienischen Regionen Lombardei und Veneto rund 30.000 Rumänen allein im Zeitraum 23. Februar - 10. März aus Italien in ihr Heimatland zurückgekehrt sind.

Als Magdalena Chiriac über die bulgarische Hauptstadt Sofia nach Rumänien reiste, stand sie bereits auf einer Liste der Italien-Rückkehrer, die am Bukarester Flughafen Otopeni vorlag. Sie hätte ohnehin gesagt, woher sie komme, versichert sie. "Wir warteten etwa vier Stunden auf dem Flughafen, bis man uns abholte für die 14-tägige Quarantäne. Wir waren müde, hatten kein Wasser mehr. Zu acht saßen wir eng gedrängt, ohne Masken oder Desinfektionsmittel. Falls ich mir in Rom nichts eingefangen habe, ist es sicher hier am Flughafen Otopeni passiert", sagt Magdalena Chiriac bitter. "Man hat uns die Ausweise abgenommen und uns bewacht, damit wir nicht abhauen. Als wären wir Verbrecher."

Improvisierte Quarantäne-Station ohne Handtücher und fließendes Wasser 

Inzwischen ist sie in einem Hotel angekommen, das zur Quarantäne-Station umfunktioniert wurde. Rund 1.000 Personen sind dort untergebracht, auch Kinder. Obwohl Hygiene entscheidend ist im Kampf gegen Covid-19, habe keiner Handtücher bekommen. Mehr noch, die Italien-Rückkehrerin musste ihre eigenen Handtücher abgeben. Dann sei sogar das fließende Wasser im Bad ausgefallen. "Getestet wurden wir auch nicht, niemand ist gekommen. Ich habe es so verstanden, dass es weder genug Tests gibt, noch genug Personal, das sie durchführen könnte. Alle sind völlig überfordert", berichtet Magdalena Chriac, nachdem sie den ersten Tag der zweiwöchigen Quarantäne überstanden hat.

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Weltweit drastische Maßnahmen gegen Coronavirus

Als die italienischen Behörden strenge Quarantäne-Regeln eingeführt haben, igelten sich auch viele Auslandsrumänen auf der Halbinsel in der Wohnung ein. Andere nahmen den erstbesten Bus oder das eigene Auto, um schnellstens aus Italien zu fliehen - doch die rumänische Grenzpolizei hält auch sie auf und stellt sie unter Quarantäne.

Die Mehrzahl der Rumänen, die langfristig in Italien leben, harren aber dort aus, um nicht zu riskieren, ihre Familien und Freunde im Heimatland mit dem neuen Virus zu infizieren - besonders vor dem Hintergrund des maroden, unterfinanzierten rumänischen Gesundheitssystems, das auch unter einem dramatischen Personalmangel leidet.

Durch die Corona-Krise in Italien haben schon jetzt gerade im Tourismus-Sektor viele Rumänen ihren Job verloren. Einige wurden vom Hotelbesitzer nach Hause geschickt - doch der Weg dorthin ist schwierig, weil es keine Flüge mehr gibt und das Transportministerium in Bukarest auch allen Busgesellschaften Fahrten aus und nach Italien verboten hat. Außerdem haben Ungarn und Slowenien die Grenzen geschlossen für alle Reisende, die aus Italien kommen.

"Sie können doch gar nicht aus Bologna kommen, es gibt keine Flüge mehr!"

Staunend verfolgt Marian Popa die Live-Übertragung einer Pressekonferenz in Bukarest. Der rumänische Innenminister versichert, es sei sehr einfach, an Flughäfen genau herauszufinden, ob ein Passagier aus Italien oder anderen Corona-Risikogebieten komme. Der Konstrukteur weiß aus eigener Erfahrung, dass die Realität anders aussieht. Er saß in einem der letzten Flugzeuge, die aus Italien starteten, bevor Premier Giuseppe Conte ankündigte, dass das Land dichtmacht. Zuerst flog er von Bologna nach München, wo er bei der Landung einen Fragebogen ausfüllen musste und seine Temperatur gemessen wurde. Es gab keinerlei Anzeichen einer Erkrankung. Keiner war also alarmiert, als er in den Lufthansa-Flieger nach Bukarest eingestiegen ist. Und am Flughafen Otopeni habe ihn niemand nach seinem Gesundheitszustand gefragt, berichtet er im Gespräch mit der DW.

Aus Verantwortungsgefühl für seine Mitbürger kontaktierte er aus eigener Initiative die Behörden und "denunzierte" sich selbst als Italien-Rückkehrer. Es waren sehr viele Anrufe, er wurde von einer Stelle zur anderen weitergereicht. Am Ende habe ihm eine Mitarbeiterin der öffentlichen Gesundheitsbehörde in Bukarest gesagt: "Sie können doch gar nicht aus Bologna kommen, es gibt ja keine Flüge mehr dorthin aus Rumänien." Vorsichtshalber isoliert sich Marian Popa jetzt selbst für 14 Tage.

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