Robert Kochs zweifelhaftes Vermächtnis in Afrika | Afrika | DW | 23.03.2022
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Medizingeschichte

Robert Kochs zweifelhaftes Vermächtnis in Afrika

Der deutsche Mediziner Robert Koch erforschte in Afrika Tuberkulose und Schlafkrankheit - und setzte Menschenleben aufs Spiel. Kritiker und Historiker debattieren, was das für die heutige Pandemiebekämpfung bedeutet.

Deutschland Expedition nach Ostafrika von dem Mediziner Robert Koch

Der Mediziner Robert Koch (mit Tropenhelm) auf seiner Ostafrika-Expedition um 1906

Verehrter Spitzenforscher oder gewissenloser Kolonialmediziner - wer war eigentlich Robert Koch? Das renommierte Bundesinstitut für Infektionskrankheiten trägt den Namen des Nobelpreisträgers für Medizin, eines der bedeutendsten Mikrobiologen des 19. Jahrhunderts.

Aber in Zeiten der Corona-Pandemie, in denen das Robert-Koch-Institut täglich die Infektionszahlen mit COVID-19 meldet und seinen Namensgeber ins Bewusstsein ruft, häufen sich mehr als 110 Jahre nach Kochs Tod kritische Stimmen - manche fordern sogar einen neuen Namen für das Institut. Der Vorwurf: Der gefeierte Infektionsmediziner habe in den deutsch-afrikanischen Kolonien nicht nur Gutes geleistet, sondern auf Kosten von Menschenleben geforscht.

Deutschland | Merkel besucht Robert-Koch-Institut RKI

Vor dem Robert-Koch-Institut: Die damalige Kanzlerin Merkel 2021 zu Gast bei Institutspräsident Lothar Wieler (links)

Dem Medizinhistoriker Christoph Gradmann an der Universität Oslo gehen die Debatten um das Vermächtnis von Robert Koch in Afrika zu weit. Die müssten zwar geführt werden, sagt er der DW. Aber es sollte keine Schwarz-Weiß-Malerei betrieben werden. "Man muss das Handeln von Robert Koch in seine Zeit einordnen. Die Aburteilung seiner Person - stellvertretend für die Kolonialmedizin - im Jahre 2022 finde ich banal", so Gradmann.

Anders positioniert sich sein Kollege Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte an der Universität Hamburg. Zimmerer hatte in Berichten die "skrupellose" Seite Kochs betont, der im Auftrag der deutschen Kolonialverwaltung und im Wettstreit der Kolonialmächte die Schlafkrankheit in Afrika erforschen sollte. Sie wird durch mikroskopisch kleine Parasiten verursacht, die von der Tsetsefliege übertragen werden. Die Krankheit verbreitete sich um 1900 in Afrika.

Robert Koch in Afrika

Robert Koch forscht am Mikroskop in seinem Laboratorium in Kimberley, Südafrika, 1896

Koch verantwortete zahlreiche Gesundheitsexperimente im heutigen Tansania, in Togo und Kamerun, um ein Mittel gegen die Schlafkrankheit zu finden. Die meisten seiner Patienten wurden in von ihm als "Konzentrationslager" bezeichneten Quarantäne-Einrichtungen untergebracht und mit Atoxyl behandelt, einem arsenhaltigen und in hohen Dosen schon laut damaliger Fachliteratur hochgiftigen Stoff.

Institut: "Dunkelstes Kapitel" von Robert Koch

Schmerzen und Qualen tausender Patienten bis hin zum Tod nahm Koch in Kauf, sagen seine Kritiker, so auch die haitianisch-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Edna Bonhomme. Seine Intentionen ließen sich wohl nicht abschließend klären, räumt Bonhomme in einem Kommentar für den arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera im Oktober 2020 ein. "Was wir aber wissen, ist, dass Kochs Handlungen direkt zur kolonialen Unterdrückung der afrikanischen Bevölkerung beigetragen haben." Die von ihm begründeten Forschungslager hätten menschenunwürdige Behandlungen und Hierarchien bei medizinischen Versuchen gefestigt.

Was sagt das deutsche Institut zur Vorbildfunktion seines früheren Direktors Robert Koch? Die Behörde, 1891 als Königlich Preußisches Institut für Infektionskrankheiten gegründet und von Koch bis 1904 geleitet, lehnte ein Interview mit der DW ab. Auf der Website finden sich aber Hinweise zu Kochs Nutzung von Atoxyl. Dort wird die letzte große Forschungsreise nach Ostafrika um 1906 als das "dunkelste Kapitel" in Kochs Laufbahn bezeichnet.

Tse-Tse-Fliege

Die Tsetsefliege überträgt die Schlafkrankheit, gegen die Koch seine Patienten in Tansania behandelte

Durch den Einsatz von Atoxyl habe Koch anfangs Erfolge bei der Behandlung von Schlafkranken erzielen können, heißt es beim RKI. Doch der Parasit habe sich im Blut der Kranken nur kurzzeitig zurückdrängen lassen. "Daraufhin verdoppelte Koch die Atoxyl-Dosis - obwohl er um die Risiken des arsenhaltigen Mittels wusste", so die Angabe auf der Website. "Bei vielen Betroffenen kam es zu Schmerzen und Koliken, manche erblindeten sogar. Trotzdem blieb Koch vom prinzipiellen Nutzen des Atoxyls überzeugt."

Erfolgsdruck und Ruhm

Koch habe zu lange an der Medizin Atoxyl festgehalten, er habe unter Erfolgsdruck gestanden, sagt Gradmann dazu. Der Historiker glaubt aber nicht, dass Kochs damalige Praktiken die heutige Skepsis gegenüber Medikamentenversuchen und Impfungen beeinflusst habe - nicht in Afrika und auch nicht im globalen Norden. Tansania sei sehr offen gegenüber westlicher Medizin, diese Medizin könne nicht reduziert werden auf einen ihrer Vertreter.

Koch stand vor dieser letzten Reise im Zenit seiner Karriere. 1882 hatte er die Entdeckung des Tuberkuloseerregers verkündet, die seinen Weltruhm begründete und ihm 1905 den Nobelpreis für Medizin einbrachte. Er konnte zeigen, dass diese Krankheit, an der auch ein Teil der Bevölkerung des Deutschen Reichs starb, durch ein Bakterium verursacht wurde.

"Wenn wir diese Maßstäbe von heute umstandslos an historische Personen anlegen, dann kommt so gut wie jeder schlecht weg. Das wäre aber bei Robert Koch falsch. Denn er wird auch in Afrika und von Afrikanern als Entdecker des Tuberkulose-Bakteriums und in diesem Sinne als Vorbild angesehen", sagt Gradmann im DW-Interview.

Keine Verbindung zur Impfskepsis

In Tansania kann Richard Shaba vom Deutschen Büro in Dodoma das zumindest für einen kleinen Teil der Menschen bestätigen: die Fachwelt. "Kochs Forschungen zu Malaria und Tuberkulose sind gut bekannt in den Zirkeln der Wissenschaftler, aber das ist bei normalen Bürgern kein Thema", sagt Shaba im DW-Interview.

Tansania | Coronavirus | Impfungen in Dar es Salaam

Gesundheitsvorsorge in Tansania: Impfung gegen COVID-19 soll eine Infektion verhindern

"Es wäre falsch, eine Verbindung zwischen der dunklen Seite seiner Experimente und dem Widerstand der Tansanier und Afrikaner gegen die COVID-19-Impfungherstellen zu wollen", sagt Shaba. Das habe andere Gründe, die nichts mit Kochs Arbeit zu tun hätten. Da herrsche eher Skepsis, weil Menschen nach den schnell entwickelten Impfstoffen erkrankten, diese also nicht sicher seien. "Es ist heute Luxus, kritisch auf Kochs Verhalten zu blicken, aber welcher Forscher zu der Zeit hat keine schlimmen Experimente in Namen der Wissenschaft in Afrika gemacht?", fragt Shaba. Koch hätte sich nach der Ideologie der Zeit wohl - wie viele andere - als Übermensch den Afrikanern gegenüber gesehen.