Religiöse Feste in Corona-Zeiten | Deutschland | DW | 09.04.2020
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Beten und feiern in der Pandemie

Religiöse Feste in Corona-Zeiten

Ostern, Pessach, Ramadan - wie können Gläubige trotz Corona ihre Religion leben? Mit vielen Menschen an einem Ort beten, essen und feiern, das ist verboten. Kreativität ist gefragt. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

Öffentliche Gottesdienste sind verboten und trotzdem steht die große, schwere Eingangstür zur katholischen Kirche Heilig Geist im Berliner Stadtteil Charlottenburg weit offen. In der Corona-Krise will die Kirche für die Gläubigen ein Ort der Besinnung und des stillen Gebets sein. Jede und jeder für sich allein - versteht sich. Doch auch die Gemeinschaft soll nicht zu kurz kommen. Dafür hat sich die Gemeinde einiges einfallen lassen.

Auf einem Tisch im Eingangsbereich liegt eine Liturgie-Information für die Feiertage bereit. Auf mehreren Seiten werden die Gläubigen angeleitet, wie sie zuhause Gottesdienste feiern können. Gebets- und Liedtexte inklusive. Auf der Webseite der Gemeinde gibt es zusätzliche Audio-Files mit begleitender Orgelmusik. In der Kirche stehen Osterkerzen, verpackt in Pappschachteln, auf den Stufen des Altarraums bereit. Daneben noch ein paar vom Palmsonntag übrig gebliebene geweihte Palmsträuße zum Mitnehmen.

Deutschland Kirche Heilig-Geist in Berlin-Charlottenburg (DW/S. Kinkartz)

Altarraum in der Kirche Heilig Geist in Berlin

Auch auf ihren Pfarrer Gerald Tanye müssen die Gemeindemitglieder nicht verzichten. Er predigt auf dem eigens eingerichteten "Youtube"-Kanal der Heilig-Geist-Gemeinde.

Der Segen des Internets

Das religiöse Leben mag in Zeiten der Pandemie eingeschränkt sein. Das Internet ermöglich den Christen trotzdem vieles, was für andere Religionen tabu ist. Ein digital mitgebeteter Kreuzweg gilt genau wie ein im Internet oder im Fernsehen übertragener Gottesdienst. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche haben ihr Angebot deutlich erweitert. Auch an Ostern wird es so sein. Wichtig ist nur: Der Gottesdienst muss live verfolgt werden, eine Aufzeichnung wäre nicht das Gleiche.

Livestream in einer russisch-orthodoxen Kirche (picture-alliance/dpa/A. Podgaiko)

Auch orthodoxe Christen können per Live-Stream beim Gottesdienst dabei sein

Im Islam hingegen darf beim großen Freitagsgebet nichts zwischen dem Imam und den Gläubigen stehen - nicht einmal ein Fluss oder eine dicke Wand. Eine Substitution durch eine Live-Sendung sei grundsätzlich nicht möglich, betont auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek. Deswegen sind, solange die Moscheen geschlossen sein müssen, die Freitagsgebete ganz abgesagt.

Ende April beginnt der Ramadan

Stattdessen sollen die Gläubigen zuhause beten. Aus islamrechtlicher Sicht sei das gerechtfertigt, sagen Gelehrte der ägyptischen Azhar-Universität, der wichtigsten sunnitischen Lehranstalt. "Ein Beispiel aus der Sunna ist, dass der Prophet in einigen Nächten, in denen die Umstände kein Gemeinschaftsgebet in der Moschee erlaubten, die Gläubigen angewiesen hat, zu Hause zu beten", argumentiert Scheich Khaled Omran in einem Interview der ARD.

Deutschland Zuckerfest (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Fastenbrechen in großer Runde - in diesem Jahr verboten

Abgesehen vom Freitagsgebet ist religiöses Leben aber auch digital möglich. "Es werden Youtube-Predigten gehalten, um auch über die aktuelle Situation zu informieren und Trost zu spenden. Jetzt ist darauf der Fokus gelegt, weil die persönliche Ansprache von Angesicht zu Angesicht nicht mehr funktioniert", sagt die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds (LIB), Odette Yilmaz gegenüber dem Deutschlandfunk.

Im Ramadan auf die Gesundheit achten

Doch was wird aus dem Ramadan, dem Fastenmonat, in dem Muslime zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang weder essen noch trinken dürfen? Der Ramadan beginnt am Abend des 23. April, zu einer Zeit also, in der die strengen Regeln zur physischen Distanzierung wohl weiter gelten werden. Das allabendliche Fastenbrechen in großer Runde wird dann nicht möglich sein. Yilmaz sieht daher weniger theologische, als vielmehr menschliche Herausforderungen und harte Einschnitte für das Gemeinschaftsgefühl.

Zum Problem wird das Fasten in der Corona-Krise für die Gesundheit. Menschen, die weder essen noch trinken, sind zumindest in den ersten Tagen des Fastens geschwächt und leichter angreifbar. Das macht sie anfälliger für eine Infektion. Auch darüber haben sich die sunnitischen Gelehrten der Azhar-Universität bereits Gedanken gemacht. Sie erwägen, den Ramadan in diesem Jahr auszusetzen oder zu verschieben. Man werde auf die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) warten, so Scheich Khaled Omran.

Deutschland Koran (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Den Ramadan verschieben? Was sagt der Koran dazu?

Wenn die WHO den Menschen vorschreibe, zu essen und zu trinken, werde die Fatwa lauten, dass die Menschen während der Fastenzeit essen und trinken sollen, so Omran: "Dann müssen sie die verpassten Tage nach Ende der Krise nachholen." Schließlich mahne die islamische Rechtsprechung, die Scharia, zum Erhalt der menschlichen Gesundheit als Teil der Bewahrung der Schöpfung Gottes.

Pessach alleine feiern?

So flexibel in ihrer Festtags-Terminierung sind andere Religionsgemeinschaften nicht. Bereits im März lehnte Israels oberstes Gericht die Forderung nach einer Verschiebung des jüdischen Pessach-Festes wegen der Corona-Pandemie ab. Der zuständige Richter wies die Forderung zurück, aufgrund der Krise ein außerordentliches Schaltjahr und damit die Einfügung eines Sondermonats auszurufen.

Corona-Pandemie und Religion | Pessach in Jerusalem (picture-alliance/dpa/I. Yefimovich)

Pessach-Ritual in Corona-Zeiten: Religiöse Entscheidungen werden in Israel getroffen

Für viele Menschen jüdischen Glaubens ist Pessach - auch Passahfest genannt - das höchste Fest im Jahr. Es erinnert daran, wie die Israeliten der Tora zufolge aus Ägypten flohen und der Sklaverei entgingen. In diesem Jahr hat Pessach am Abend des 8. April begonnen und dauert bis zum 16. April. In normalen Zeiten reisen viele Menschen zu ihren Familien, um dort im großen Kreis zu feiern. Das ist auf der ganzen Welt so, auch in Deutschland, wo rund 100.000 Juden leben.

Mazze und Salzgurken auf dem Postweg

Doch was ist in Corona-Zeiten schon normal? Die Zentralwohlfahrtsstelle und der Zentralrat der Juden in Deutschland haben dafür gesorgt, dass das Fest auch in heimischer Isolation möglich ist. Für die Sedar-Abende, die mit rituellem Essen begangen werden, konnten Pakete mit ungesäuertem Mazze-Brot, Kiddusch-Wein und israelischen Salzgurken bestellt werden. Gut für alle, die kein Geschäft für koschere Lebensmittel in ihrer Nähe haben.

Bildergalerie Pessach - Fest der Befreiung (picture-alliance/dpa)

Ohne rituelle Speisen ist Pessach undenkbar

Auch für die Juden erweist sich der digitale Fortschritt in diesen Zeiten als Segen. Gottesdienste können online verfolgt werden. Familien vernetzen sich per Videochat, um zumindest am Bildschirm die Gemeinschaft zu erfahren. Selbstverständlich ist das nicht, denn eigentlich sind die Nutzung von Elektrizität beziehungsweise das Bedienen von elektrischen Geräten am Schabbat und an Feiertagen verboten.

Eine trickreiche Ausnahme

In der Corona-Krise soll aber eine Ausnahme gelten. Orthodoxe Rabbiner in Israel urteilten, die Nutzung eines Videokonferenzdienstes sei angesichts der stark eingeschränkten Bewegungsfreiheit durch die Bekämpfung des Coronavirus zulässig. Die Technik werde zur Erfüllung einer religiösen Verpflichtung genutzt. Außerdem sei es wichtig, die Verbindung zwischen den Jungen und den Großeltern zu stärken, auch um Depressionen und Traurigkeit bei den Älteren vorzubeugen.

Einen Haken hat die Ausnahmegenehmigung allerdings: Die Rabbiner erlauben die Nutzung nur, wenn die übertragenden Geräte und das entsprechende Programm rechtzeitig vor Beginn des Pessach-Festes eingeschaltet wurden. Bedienen darf ein gläubiger Jude den Computer oder das Smartphone an den Feiertagen weiterhin nicht.

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