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Weltkrebstag: Neue WHO-Studie zeigt Risiken für Krebs

4. Februar 2026

Die Studie legt nahe, dass 7,1 Millionen Krebsfälle im Jahr 2022 vermeidbar gewesen wären. Fast 40 Prozent der Fälle wurden von Risikofaktoren in Umwelt und Verhalten verursacht, die wir beeinflussen können.

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Papillomavirus (HPV) Aufnahme mit einem Transmissionselektronenmikroskop; violett-rosa Hintergrund; gelbgrüne Krebszellen im Vordergrund
Eine Infektion mit dem humanen Papillomavirus kann verschiedene Krebsarten verursachen - HPV verursacht die meisten vermeidbaren Krebsfälle bei FrauenBild: Cavallini/BSIP/picture alliance

"Wir verfügen nun über die Informationen, um Krebs zu verhindern, bevor er entsteht", verkündet Isabelle Soerjomataram, Spezialistin für Krebsüberwachung bei der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC). In einer Pressekonferenz Ende Jaunar stellten Soerjomataram und ihr Kollege Andre Ilbawi die Ergebnisse einer Studie vor, die 36 Krebsarten in 185 Ländern untersuchte. Die beiden verfassten gemeinsam einen Artikel über ihre Ergebnisse, der in der medizinischen Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlicht wurde.

Die WHO-Studie beginnt mit einer Statistik, die ebenso auffällig ist wie Soerjomatarams einleitende Aussage: 7,1 Millionen neue Krebsfälle standen im Zusammenhang mit sogenannten modifizierbaren Risikofaktoren (MRFs) – dazu zählen Tabak- oder Alkoholkonsum sowie verschiedenen Infektionen. Das sind fast 38 Prozent der insgesamt rund 19 Millionen neuen Krebsfälle im Jahr 2022.

Die Forschung zu MRFs ist nicht wirklich neu. Schon lange ist bekannt, dass MRFs, zu denen auch Übergewicht und Fettleibigkeit, Luftverschmutzung und andere Umweltgifte gehören, Krebserkrankungen auslösen können.

Und die Behauptung, dass man "Krebs verhindern kann, bevor er entsteht", hängt auch von vielen anderen Faktoren ab, wie zum Beispiel dem Zugang zu Gesundheitsressourcen – was nicht überall auf der Welt selbstverständlich ist.

Die Details dieser Studie bieten jedoch einige Einblicke in die Auswirkungen der modifizierbaren Risikofaktoren, die je nach Region und Geschlecht variieren können.

Die Autorinnen und Autoren berücksichtigten insgesamt 30 MRFs, darunter Tabak, Alkohol, Luftverschmutzung und berufliche Exposition gegenüber Giftstoffen wie Asbest. Ferner wurden unter anderem auch die Auswirkungen eines hohen Body-Mass-Index' (BMI) betrachtet, sowie von unzureichender körperlicher Aktivität oder ultravioletter Strahlung.

Zum ersten Mal in einer Studie zu MRFs berücksichtigten die Forschenden auch Infektionserreger wie Hepatitis B und das humane Papillomavirus (HPV).

Viele vermeidbare Krebserkrankungen durch HPV

HPV-bedingte Krebserkrankungen machen weltweit den höchsten Anteil an vermeidbaren Krebserkrankungen bei Frauen aus - trotz der Verfügbarkeit von HPV-Impfstoffen, die sich als hochwirksam beim Schutz vor Gebärmutterhalskrebs erwiesen haben. Aber "die Impfskepsis ist sehr real", antwortet Ilbawi auf die Frage der DW.

"In Ländern mit höherem Einkommen ist Gebärmutterhalskrebs mit einer aktuellen Rate von fünf Fällen pro 100.000 Menschen fast ausgerottet", so Soerjomataram. "Wenn wir uns jedoch die Belastung in Lateinamerika, aber auch in Subsahara-Afrika ansehen, dann bleiben dort die Probleme bestehen. HPV-bedingte Krebserkrankungen, insbesondere Gebärmutterhalskrebs, sind dort nach wie vor sehr hoch."

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In Lateinamerika beispielsweise verzeichnete das Global Cancer Observatory in seinen aktuellsten Daten von 2022 mehr als 63.000 Gebärmutterhalskrebs-Erkrankungen und mehr als 30.000 Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs.

Maria Paula Curado, führende Krebsepidemiologin am A.C. Carmargo Cancer Center im brasilianischen São Paulo, erklärt gegenüber der DW, dass die Sterblichkeitsrate durch Gebärmutterhalskrebs in Lateinamerika überall dort hoch sei, wo Frauen nur einen schlechten Zugang zu Präventionsmaßnahmen wie HPV-Impfungen und frühzeitiger Behandlung hätten. 

Möglicherweise gebe es auch eine gewisse Impfskepsis, "aufgrund mangelnder Kenntnisse darüber, wie aggressiv Gebärmutterhalskrebs sein kann", so Curado, die nicht an der WHO/IARC-Studie beteiligt war. "In einigen Regionen im Süden Brasiliens glauben manche Familien jedoch, dass ihre Kinder nach einer HPV-Impfung frühzeitig sexuell aktiv werden können, was für sie nicht akzeptabel ist." 

Teils liege die Impfquote in Brasiliens derzeit bei nur etwa 67 Prozent, erklärt die Krebsforscherin. Dies könne sich aber noch ändern, da die Impfung erst kürzlich eingeführt worden sei. Die "ideale Impfquote" läge bei etwa 80 Prozent.

Frauen und Männer erkranken unterschiedlich an Krebs

Die Einbeziehung von Infektionserregern in die Studie hat neue Erkenntnisse über Krebserkrankungen bei Frauen zutage gefördert - aber auch über die Unterschiede zu Männern. Die Forschenden hoffen, dass dies zur Verbesserung der Krebsvorsorge beitragen wird.

So stellte sich heraus, dass Infektionen die höchste Zahl an vermeidbaren Krebserkrankungen bei Frauen verursachten: insgesamt 2,7 Millionen Fälle (29,7 Prozent). Bei Männern waren es Verhaltensrisikofaktoren wie Tabakrauchen: insgesamt 4,3 Millionen Fälle (45,4 Prozent).

Eine genauere Betrachtung der Daten zu Lungenkrebs, einer der am häufigsten diagnostizierten Krebsarten bei Frauen und Männern (neben Brust-, Darm- und Prostatakrebs) zeigt, dass die Belastung durch MRFs ähnlich ist, die Auswirkungen jedoch unterschiedlich sind.

Bei beiden Geschlechtern wurden Tabakkonsum, Luftverschmutzung und berufliche Exposition in fast gleichem Maße für Lungenkrebsfälle verantwortlich gemacht. Während es jedoch bei Männern mehr als 1,3 Millionen Fälle von Lungenkrebs gab, war die Zahl bei Frauen mit knapp 480.000 deutlich niedriger.

Vermeidbare Krebserkrankungen erfordern "gezielte Maßnahmen"

Angesichts der Prognose des Global Cancer Observatory, wonach die Zahl der Krebsfälle bis 2045 um mehr als 50 Prozent steigen wird, seien wirksame Vorsorgestrategien dringend notwendig, schreiben die Forschenden in ihrer Studie. "Viele Fälle könnten durch gezielte Maßnahmen verhindert werden."

Über die mehr als 62 Prozent der Krebsfälle, die nicht auf vermeidbare MRFs zurückzuführen sind, sagt die Studie nur wenig. "Wir sind eine alternde Bevölkerung", erklärt Curado, "und daher treten seltene Krebsarten auf, für die es weder bekannte Risikofaktoren noch Standards für die Diagnose oder Behandlung gibt." 

Gendermedizin – für eine individuelle Gesundheitsversorgung

Dennoch sei die neue WHO-Studie "ein entscheidender Beitrag zur Entwicklung eines globalen, datengestützten Ansatzes zur Krebsvorsorge", meint Suzette Delaloge. Sie ist Spezialistin für Brustkrebs und Krebsprävention am französischen Krankenhaus Gustave Roussy und Vorstandsmitglied der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie. Sie war nicht an der Studie beteiligt.

Die Studie hebe hervor, wie Krebserkrankungen "weitgehend von geografischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Determinanten geprägt sind, [...] dennoch bleiben Maßnahmen auf individueller Ebene unerlässlich, um tiefgreifende Auswirkungen abzuschwächen", so Delaloge im Gespräch mit der DW.

Auch das WHO-Forschungsteam selbst betont, dass der Studie nun Taten folgen müssen. So müsse die Krebsvorsorge besser auf die unterschiedlichen Auswirkungen bei Frauen und Männern eingehen. Zudem müssten die unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge in verschiedenen Ländern und Regionen stärker in den Blick genommen werden.

Adaption aus dem Englischen: Jeannette Cwienk

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Zulfikar Abbany Wissenschaftsredakteur