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Faktencheck: Desinformation gegen Pakistans HPV-Impfkampagne

30. September 2025

Fake News bedrohen Pakistans Impfkampagne gegen Humane Papillomviren (HPV). In Pakistan gehört Gebärmutterhalskrebs zu den meisten Krebstodesursachen bei Frauen. DW Faktencheck deckt virale falsche Behauptungen auf.

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Mädchen in blauer Schuluniform stehen vor einem Plakat, auf dem über eine Impfkampagne gegen Gebärmutterhalskrebs informiert wird.
Enttäuschende Bilanz: Die erste Etappe der HPV-Impfkampagne gegen Gebärmutterhalskrebs in Pakistan ist abgeschlossen. Allerdings wurde nur die Hälfte der Zielgruppe erreichtBild: Farooq Naeem/AFP

Als Pakistan im September seine erste landesweite Impfkampagne gegen Humane Papillomviren (HPV) startete, wurde dies von Gesundheitsbeamten als wichtiger Meilenstein im Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs gefeiert. Das Programm richtet sich an Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren und steht im Einklang mit dem globalen Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Gebärmutterhalskrebs bis 2030 zu eliminieren.

Doch wie bei vielen Impfaktionen wird auch diese Kampagne von Desinformation auf vielen Social-Media-Kanälen begleitet. Das DW-Faktencheckteam hat sich einige virale Falschbehauptungen angeschaut.

Videos verbreiten Angst

Behauptung: Der HPV-Impfstoff ist gefährlich und unwirksam.

In einem weit verbreiteten Video auf Youtubeund in anderen Social-Media-Kanälen sagt ein Mann: "Das Problem ist, dass der HPV-Impfstoff schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen kann." Die Impfstoffe hätten keinen einzigen Fall von Gebärmutterhalskrebs verhindert.

Der Clip taucht in einem KI-generierten Nachrichtenvideoauf, in dem eine KI-generierte Sprecherin erklärt, dass "ein amerikanischer Arzt Bedenken hinsichtlich der Verabreichung des HPV-Impfstoffs an junge Mädchen geäußert hat." 

Ausschnitt aus einem KI-Video auf TikTok, in dem eine mit KI erzeugte Nachrichtensprecherin in die Kamera spricht. Unten im Bild steht auf einem roten Streifen Breaking News
Das Video über angebliche Nebenwirkungen einer HPV-Impfung auf dem TikTok-Kanal @iai.news.official wurde mit Künstlicher Intelligenz erzeugt Bild: TikTok

DW-Faktencheck: Falsch

Das Video stammt von einem nicht verifizierten Instagram-Account, der regelmäßig KI-generierte Clips mit unbelegten Behauptungen verbreitet, ohne Quellen anzugeben. Die DW konnte die Identität des sogenannten Arztes nicht überprüfen.

Umfangreiche Untersuchungen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC)und der Ständigen Impfkommission (STIKO)in Deutschland widersprechen diesen Behauptungen. Studien mit Kindern und Erwachsenen haben keine schwerwiegenden Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der HPV-Impfung festgestellt. 

Eine Studie aus dem Jahr 2024mit fast 3,5 Millionen Menschen bestätigte, dass eine HPV-Impfung Infektionen und präkanzeröse Läsionen, die zu Gebärmutterhalskrebs führen können, signifikant reduziert.

Mythos Unfruchtbarkeit

Der religiöse Anführer und Politiker Rashid Mehmood Soomro aus Pakistan in einem Instagram Post
Rashid Mehmood Soomro, bekannter Anführer einer rechtsreligiösen Partei in Pakistan, erklärte kürzlich in Karachi, dass "die Töchter Pakistans durch HPV-Impfungen unfruchtbar gemacht werden"Bild: Instagram

Behauptung: Der Impfstoff verursacht Unfruchtbarkeit.

Rashid Mehmood Soomro, ein pakistanischer Politiker der ultra-konservativen Partei Jamiat Ulema-e-Islam (Fazl) in der Provinz Sindh, behauptet, dass der HPV-Impfstoff Unfruchtbarkeit verursache. Bei einer öffentlichen Veranstaltung Anfang dieses Monats kritisierte erdie Kampagne als verdächtig und schädlich.

DW-Faktencheck: Falsch

Wissenschaftliche Beweise stützen diese Behauptung nicht. Eine von Fachkollegen begutachtete US-Studiefand keinen Zusammenhang zwischen der HPV-Impfung und Unfruchtbarkeit bei Frauen im Alter von 18 bis 33 Jahren.

Ebenso kam eine vom ECDC beauftragte Studie zu dem Schluss, dass es keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der HPV-Impfung und einer Eierstockinsuffizienz gibt.

"Es gibt laut wissenschaftlichen Untersuchungen keinen Zusammenhang zwischen der HPV-Impfung und Unfruchtbarkeit oder einer verminderten Empfängnisfähigkeit", erklärte der pakistanische Arzt und Lehrer für Gesundheitswissenschaften Mohammad Ahmad Abdullah von der pakistanischen Health Services Academy in Islamabad gegenüber der DW.

Mädchen mit weißen Schleiern krümmen sich und reiben sich ihre juckenden Augen.
Diese Mädchen leiden nicht unter den Nebenwirkungen einer HPV-Impfung, sondern unter den Folgen von versprühtem Tränengas Bild: X

Virales Schulvideo stellt Ereignisse falsch dar

Behauptung: Ein virales Video zeigt Mädchen, die nach der HPV-Impfung ohnmächtig werden.

Ein Video mit über 330.000 Aufrufen auf X gibt vor, Schulmädchen zu zeigen, die nach der Impfung zusammenbrechen. Es wurde auch auf Instagramund Facebookgeteilt und erreichte Tausende von Nutzenden.

DW-Faktencheck: Falsch

Das Filmmaterial steht in keinem Zusammenhang mit der HPV-Kampagne. Eine Bilderrückwärtssuche ergab, dass der Clip aus dem vergangenen Jahr stammtund zeigt, wie Schülerinnen, die mehr Rechte fordern, mit Tränengas besprüht wurden. DW-Faktencheck konnte Versionen des Videos bis Mai 2024 zurückverfolgen.

Sowohl pakistanischeals auch indische Medien berichteten, dass es bei dem Vorfall zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten wegen Stromsteuern gekommen war. Tränengasgranaten trafen eine nahegelegene Schule und verursachten bei den Schülerinnen Unruhe.

Traditionelles Misstrauen gegenüber Impfstoffen

Die Skepsis gegenüber Impfstoffen beruht in Pakistan auf religiösen und gesellschaftlichen Faktoren. Zu den weit verbreiteten Gerüchten gehört die Verschwörungstheorie, dass Impfstoffe aus dem Westen dazu beitragen sollen, das Wachstum der muslimischen Bevölkerung zu verringern.

Zu den häufigen Falschbehauptungen über HPV-Impfungen gehört unter anderem auch die Aussage, dass dadurch der Hormonhaushalt von jungen Mädchen gestört und sexuelle Aktivitäten stimuliert würden. Immer wieder wird behauptet, dass nur Frauen mit vielen Sexualpartnern sich mit sexuell übertragbaren Infektionen anstecken könnten.

In der Praxis führen die Gerüchte und Falschbehauptungen zu Angriffen auf das einheimische Gesundheitspersonal, wie die pakistanische Zeitung Dawn berichtet. Viele private Schulen seien vorübergehend geschlossen worden, um keine staatlichen Impfteams zu empfangen. Und viele Eltern weigerten sich, einer Impfung ihrer Kinder zuzustimmen.

Todesursache Gebärmutterhalskrebs

Beamte befürchten, dass die Desinformation den Erfolg der Impfkampagne gefährden könnte. Nach Berichten der pakistanischen Zeitung Dawnhatten bis zum Abschluss der ersten Phase am 27. September weniger als die Hälfte der Zielgruppe von elf Millionen Mädchen im Alter von neun bis 14 Jahren eine Impfdosis verabreicht bekommen.

Dies bedeutet, dass der Schutz von Millionen von Mädchen vor Gebärmutterhalskrebs gefährdet ist. Dabei machen Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs einen signifikanten Anteil der Krebstodesursachen bei Frauen in Pakistan aus, da viele Fälle erst im späten Stadium erkannt werden.

"Jedes Jahr wird bei etwa 5.000 Frauen in Pakistan Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert, und fast 60 Prozent von ihnen sterben daran", erklärte der Impfexperte Mohammad Ahmad Abdullah im DW-Gespräch. Diese Zahl wird durch nationale HPV-Datengestützt.

Islamabad hält an Kampagne fest

Pakistan steht mit seiner Impfskepsis nicht allein da. In einigen Studienwurde Europa als die Region mit dem geringsten Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen identifiziert.

In Deutschland stellt das Robert Koch-Institut (RKI) fest, dass die HPV-Impfquoten nach wie vor niedrig sind, was Initiativen wie "InveSt HPV"zur Steigerung der Impfbereitschaft veranlasst hat.

Pakistans Regierung versucht, die Kampagne trotz des medialen Gegenwinds aufrechtzuerhalten. So ließ Pakistans Gesundheitsminister Syed Mustafa Kamal bei einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz am 20. September seine Tochter öffentlich gegen HPV impfen, um die Sicherheit des Impfstoffs zu beweisen.

Unter Mitarbeit Irfan Haider Sherazi und Alima de Graaf. Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert und aktualisiert. 

DW-Mitarbeiterin Monir Ghaedi
Monir Ghaedi Mitglied des DW-Faktencheck-Teams