Putin bei Erdogan: Die Harmonieshow | Europa | DW | 03.04.2018
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Türkisch-Russische Beziehungen

Putin bei Erdogan: Die Harmonieshow

Der Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin bei Recep Tayyip Erdogan soll Einigkeit suggerieren. Wirtschaftlich sind Russland und die Türkei eng verbunden. Im Syrienkonflikt verfolgen sie diametrale Interessen.

Händeschütteln, Blitzlichtgewitter, Lächeln für die Kameras: Die gemeinsame Pressekonferenz von Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan zu Beginn des zweitägigen Besuchs des russischen Präsidenten gerät am Dienstag Nachmittag in Ankara zur öffentlichkeitswirksamen Harmonieshow. Offizieller Grund für den Besuch: Die beiden Staatschefs wollten gemeinsam den Baubeginn des ersten türkischen Atomkraftwerks zelebrieren. Laut türkischen Medienberichten soll die von Russland gebaute 20 Milliarden Dollar teure Nuklearanlage Akkuyu an der Mittelmeerküste der südtürkischen Provinz Mersin nach Inbetriebnahme ganze zehn Prozent des türkischen Strombedarfs decken. 

Es ist nicht die einzige Kooperation zwischen der Türkei und Russland im Energiebereich. Kristian Brakel, Leiter der Heinrich Böll Stiftung in Istanbul, betont gegenüber der DW die Bedeutung, die die Zusammenarbeit im Energiesektor für beide Länder hat: "Russland ist sehr wichtig für den türkischen Gasmarkt, ungefähr 63% der Gaslieferungen in die Türkei kommen aus Russland. Man plant seit einiger Zeit die Pipeline Turkeystream, mit deren Hilfe auch Gas in die EU geliefert werden soll. Das ist für beide Seiten von Vorteil: Zum einen möchte Russland für die EU energiepolitisch relevant zu bleiben. Zum anderen will sich die Türkei als Energiedrehkreuz etablieren."

Türkei Gazprom Pipeline (picture-alliance/dpa)

Enge Wirtschaftsbeziehungen: Vor allem in Energiefragen arbeiten Ankara und Moskau eng zusammen

Russland und die Türkei kooperieren nicht nur im Energiemarkt: Laut Angaben der Welthandelsorganisation (WTO) importiert die Türkei nur aus der Europäischen Union mehr Produkte als aus Russland. Rund elf Prozent der türkischen Importe stammen aus Russland. Neben Öl und Kohle wird von dort vor allem Eisen in die Türkei exportiert. Auch der Tourismus spielt eine wichtige Rolle. Rund vier Millionen Russen machen jährlich im Schnitt in der Türkei Urlaub. Im Gegenzug exportiert die Türkei neben landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Zitronen und Sonnenblumenkernen vor allem Auto- und Schiffsteile nach Russland. Nach Angaben der Statistischen Division der Vereinten Nationen (UNSD) belief sich der Außenhandel der beiden Länder im Jahr 2016 auf 17 Milliarden Dollar.

Syrien bleibt Knackpunkt

Trotz dieser engen wirtschaftlichen Verflechtungen ist es nicht einmal zweieinhalb Jahre her, dass die Beziehungen eine ernsthafte Krise durchmachten. Das türkische Militär hatte im November 2015 einen russischen Kampfjet abgeschossen, der auf dem Weg nach Syrien in den türkischen Luftraum eingedrungen war. Das Flugzeug stürzte ab. Ein Pilot starb. Die türkisch-russischen Beziehungen waren im Keller.

Heute ist es vor allem die Region Idlib im Nordwesten Syriens unweit der türkischen Grenze an der die divergierenden Interessen von Moskau und Ankara sichtbar werden. Syrien-Experte Sam Heller von der International Crisis Group ist überzeugt, dass das Schicksal von Idlib bei Verhandlungen hinter den Kulissen zwischen der Türkei und Russland entschieden wird: "In Idlib versammeln sich Assads größten Feinde, weshalb Russland versucht sein könnte, grünes Licht für eine Offensive des Regimes in der Provinz zu geben".

Karte Syrien DEU

Syrischer Bürgerkrieg: Entgegen russischen Interessen will die Türkei im Norden des Landes eine Pufferzone errichten

Dieser Schritt, so Heller, hätte allerdings weitreichende Folgen für die Türkei, da eine Offensive hunderttausende Menschen zur Flucht über die Grenze in die Türkei zwingen würde.

Dies will Ankara unbedingt verhindern. Seit 2016 kontrolliert die türkische Armee Teile der angrenzenden Provinz Aleppo. Ende März eroberte sie mit verbündeten syrischen Rebellen zudem die Kurdenregion Afrin. In diesen Gebieten unter ihrer Kontrolle will die türkische Regierung einen Teil der 3,5 Millionen syrischen Flüchtlinge ansiedeln, die seit 2011 in die Türkei geflohen sind und dort zunehmend für Spannungen sorgen.

Für Syrien-Experte Heller ist klar: Die Türkei wolle Idlib als "Puffer gegen den Krieg" erhalten.

Türkischer Spagat im Fall Skripal

Ende März hatten Schlagzeilen die Runde gemacht, dass die Türkei sich nicht den Entscheidungen vieler NATO- und EU-Mitglieder anschließen und russische Diplomaten ausweisen werde. Dies hatten viele westliche Staaten als Antwort auf den Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter in Großbritannien getan.

Doppelagent Sergei Skripal und Tochter (picture-alliance/Globallookpress)

Doppelagent Sergei Skripal und Tochter: Schwieriger Balanceakt für die Türkei

Türkei-Experte Kristian Brakel mag im Schritt Ankaras jedoch keine Abkehr vom Westen erkennen. Auch von einer neuen russisch-türkischen Allianz gegen Europa mag er nicht sprechen: "Es gibt ja auch eine ganze Reihe von EU-Mitgliedstaaten, zum Beispiel Ungarn, die auch keine russischen Diplomaten ausgewiesen haben. Im Großen und Ganzen war das eine Aktion der EU-Kernländer wie Deutschland, den skandinavischen Ländern und den Benelux-Staaten. Für die türkische Seite ist es ein Spagat. Einerseits gilt es, die Bindung zu Europa, gerade Großbritannien, zu bewahren und gleichzeitig Russland nicht zu verärgern."  

Diese Balance zu halten, gleicht einem Drahtseilakt, wie ein Blick auf die Wirtschaftszahlen offenbart. Nicht nur Russland ist ein wichtiger Handelspartner für die Türkei. Mit einem Volumen von knapp zwölf Milliarden Dollar rangierte Großbritannien 2016 auf Rang Zwei der wichtigsten Exportmärkte für türkische Produkte.

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