Provenienzforschung: Warum die Herkunft von Kunstwerken wichtig ist | Kultur | DW | 10.04.2019
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Tag der Provenienzforschung

Provenienzforschung: Warum die Herkunft von Kunstwerken wichtig ist

Mehr als 60 Institutionen aus fünf europäischen Ländern haben zum ersten Mal einen "Tag der Provenienzforschung" ausgerufen. Die Herkunft von Kunstwerken erzählt viel über deutsche Geschichte und die Gesellschaft.

Seit dem "Fall Gurlitt" 2013 ist das Wort "Provenienzforschung" in aller Munde. Dabei gehörte er vorher schon zum Alltagsvokabular von Kunsthistorikern, die die Herkunft von Kunstwerken erforschen. Untersucht wird vor allem, ob es sich bei den Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen um Nazi-Raubkunst handelt, die aus Beschlagnahmungen oder aus "fluchtbedingten Verkäufen" während der NS-Zeit zwischen 1933 und 1945 stammt.

Häufig gibt es keinerlei Unterlagen mehr. Vielfach mussten die ursprünglichen jüdischen Eigentümer bei ihrer Deportation oder ihrer Flucht ins Exil sämtliche Besitztümer zurücklassen. Manchmal ist es lediglich ein verblasstes Etikett, eine Notiz oder Markierung auf der Rückseite eines Bildes oder Eintragungen in Tagebüchern, die Hinweise auf den ursprünglichen Eigentümer geben.

Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg (picture-alliance/dpa/J. Wolf)

Hier laufen die Fäden der Provenienzforscher zusammen: Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg

Verkaufslisten von Auktionshäusern, Galeristen oder auch den vier Kunsteinkäufern für das seinerzeit geplante Hitlermuseum in Linz, zu denen auch Hildebrand Gurlitt gehörte, können den Forschern manchmal weiterhelfen. Die durch Zufall gefundenen Geschäftsunterlagen des umstrittenen Kunsthändlers Gurlitt sind weltweit online einsehbar.

Resonanz auf "Washingtoner Erklärung"

Noch 1998 hatte die Bundesrepublik Deutschland zusammen mit 44 anderen Staaten die "Washingtoner Erklärung" unterschrieben, die allerdings bis heute eher eine Absichtserklärung geblieben ist. Darin verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, faire und gerechte Lösungen für im Nationalsozialismus geraubte, enteignete und "verfolgungsbedingt entzogene" Kunst, für Bibliotheken und andere Kunstgegenstände zu finden. Damit verbunden ist die Auflage, eventuell vorhandene Provenienzlücken in öffentlichen Sammlungen und Museen zu schließen.

Der Skandal um die umstrittene Raubkunst-Sammlung des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt hat die Handhabung der Provenienzforschung in Deutschland entscheidend verändert: In Deutschland wurde die "Lost Art"-Datenbank gegründet, die weltweit eine Onlinerecherche nach verschollenen Kunstwerken ermöglicht.

Dr. Hildebrand Gurlitt Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen (picture-alliance/dpa)

Nach 1945 konnte Gurlitt (Bildmitte) seine Karriere als Kunstexperte fortsetzen: hier im Kunstvereins Düsseldorf 1952.

Gurlitt war im Zweiten Weltkrieg im Auftrag von Hitler und Hermann Göring viel in den besetzten Ländern Frankreich, Belgien und den Niederlanden unterwegs, um dort Raubkunst und "arisierte" jüdische Kunstwerke aufzukaufen - zu Spottpreisen. Einige der lange verschollenen Kunstwerke sind mittlerweile in der Datenbank "Lost Art" erfasst und verzeichnet.

Zentrale Anlaufstelle für jüdische Erben

Die Gründung des "Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste" in Magdeburg 2015 war eine weitere kulturpolitische Konsequenz, die die Bundesregierung seinerzeit aus dem "Fall Gurlitt" gezogen hat. Das Zentrum ist Ansprechpartner für nationale und internationale Anfragen zu NS-Raubkunst und auch zu Beutekunst der russischen Roten Armee. Die frühere Arbeitsstelle für Provenienzforschung wurde weiter ausgebaut und mit neuen Kompetenzen ausgestattet, damit Anfragen von jüdischen Erben und Institutionen aus dem Ausland besser bearbeitet werden können.

Der neue Dokumentarfilm "Auch das Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden", der im April in die deutschen Kinos kommt, zeigt beispielhaft, wie es um die Provenienzforschung in Deutschland steht: Die staatlichen Kunstsammlungen und Museen schöpfen ihre Möglichkeiten bei Weitem nicht aus.

Nach dem überraschenden Fund der Sammlung Gurlitt kam viel in Bewegung. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat mittlerweile mehrere Millionen Euro für zusätzliches Forscher-Personal bereitgestellt. Doch wie das Geld verwendet wird und wie exakt die Auflagen für eine lückenlose Provenienz bei Leihgaben etwa für Ausstellungen aussehen, steht auf einem anderen Blatt.

Spurensuche im "Fall Max Emden"

Seit 2007 hat der Restitutionsanwalt Markus Stötzl versucht, den Bund zur Rückgabe mehrerer wertvoller Gemälde von Malern wie Canaletto und Monet aus der Sammlung Max Emden zu bewegen. Der jüdische Kaufhausmagnat war gezwungen, nach seiner Flucht in die Schweiz 1928 den grössten Teil seiner Gemäldesammlung zu verkaufen. Er starb 1940 im Exil, sein Sohn wurde von der Gestapo verhaftet, doch gelang ihm noch die Flucht nach Chile. Im Film erzählt der Enkel Juan Carlos Emden aus der Familiengeschichte, auf deren Spurensuche er sich gemacht hatte.

Dokumentarfilm Auch Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden (Florianfilm 2017/Bernd Meiners)

Enkel Juan Carlos Emden vor einem Portrait seines Großvaters Max Emden

Das Bundesfinanzministerium ist bis heute Sachverwalter aller NS-Raubkunstwerke, die von den Besatzungsmächten nach der Kapitulation Deutschlands 1945 zusammengetragen wurden. Später ging der nicht restituierte Teil in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland über. In der Vergangenheit hatte das Finanzministerium verweigert, die Bilder an die Erben von Max Emden zurückzugeben. 

Überraschende Wende im "Fall Max Emden"

Nach Ansicht des Anwaltes der Familie war der durch die Nazis finanziell ruinierte Max Emden, gezwungen, seine wertvolle Kunstsammlung 1938 zu verkaufen. Über Umwege, die der aktuelle Dokumentarfilm "Auch Leben ist ein Kunst - Der Fall Max Emden" detailliert aufzeigt, gelangten einige der wertvollen Gemälde in Hitlers Privatsammlung. Nach 1949  gingen sie dann in den Bestand der Bundesrepublik Deutschland über.

Doch nun empfiehlt die "Limbach-Kommission" der Bundesregierung, die bei Strei­tig­kei­ten über die Rück­ga­be von Kul­tur­gü­tern an­ge­ru­fen wer­den kann und den Film vorab sehen konnte, zwei der Canaletto-Bilder ("Ansicht der Karlskirche in Wien" und "Ansicht des Zwingergrabens in Dresden") an die Erben von Max Emden zurückzugeben. Pikanterweise hing eines der Bilder lange in der Villa Hammerschmidt, dem Bonner Amtssitz des Bundespräsidenten.