Private Geldtransfers nach Afrika: Der Boom des teuren Geldes | Afrika | DW | 25.07.2019
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Rücküberweisungen

Private Geldtransfers nach Afrika: Der Boom des teuren Geldes

Immer mehr Menschen in Afrika sind von Überweisungen ihrer Angehörigen im Ausland abhängig. Banken und Transferdienste verlangen hohe Gebühren und verdienen kräftig mit. Informelle Transfermethoden haben großen Zulauf.

Eines der Länder Afrikas, die am meisten von Überweisungen ihrer Auswanderer profitieren, sind die Kapverden: Mehr als 21 Milliarden kapverdische Escudos (circa 190 Millionen Euro) haben Emigranten 2018 als sogenannte "Rücküberweisungen" (engl. "Remittances") auf die kleine Inselgruppe mit circa 450.000 Einwohnern überwiesen. Nach Angaben der kapverdischen Zentralbank bedeutet das einen Zuwachs von mehr als sechs Prozent im Vergleich zu 2017.

Das ist ein Trend, der in vielen Ländern Afrikas zu beobachten ist, bestätigt auch die Weltbank in ihrem im April veröffentlichten Bericht "Migration und Rücküberweisungen". Nie sei so viel Geld von Migranten an Angehörige in ärmeren Ländern überwiesen worden wie 2018, heißt es in der von der Bundesregierung mitfinanzierten Studie. Von den weltweit circa 430 Milliarden US-Dollar seien 46 Milliarden nach Subsahara-Afrika geflossen. In diesem Jahr soll dort die 50-Milliarden-Marke überschritten werden, schätzt die Weltbank.

European Development Days Dilip Ratha (DW/E. Rheinheimer)

Dilip Ratha von der Weltbank

Fundament der nationalen Wirtschaftssysteme

In zahlreichen Entwicklungsländern machen diese Rücküberweisungen einen Großteil der gesamtwirtschaftlichen Leistung aus. In vielen Fällen überstiegen diese Geldbeträge sogar die internationalen Entwicklungshilfezahlungen und Auslandsinvestitionen, sagt Dilip Ratha, Leiter der Abteilung Migration und Rücküberweisungen der Weltbank. Er geht davon aus, dass die reellen Überweisungssummen die offiziellen Zahlen weit übersteigen.

Gerade kleine afrikanische Länder mit hohen Emigrationsraten erhalten besonders hohe Beträge an Rücküberweisungen. Auf den Kapverden entspricht der Wert der Geldtransfers aus dem Ausland inzwischen bereits mehr als 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auf den Komoren sind es laut dem Weltbankbericht sogar 19 Prozent, ähnlich sieht es etwa in Lesotho aus.

Kapverden: Auslandsüberweisungen ersetzen Sozialsystem

"Wir sind eine Nation von Auswanderern. Allein im Großraum Lissabon, in Portugal, leben circa 50.000 Menschen mit kapverdischen Wurzeln, die regelmäßig kleinere Geldbeträge an die Verwandten in der Heimat schicken. Viele Kinder und ältere Leute sind darauf angewiesen", sagt der kapverdische Wirtschafts- und Finanzfachmann Paulino Dias im Gespräch mit der DW.

Paulino Dias Ökonom aus Kap Verde (Privat)

Ökonom Paulino Dias

Die Rücküberweisungen seien für die kapverdische Wirtschaft praktisch unentbehrlich, so Dias: "Die Familien, die das Geld bekommen, beleben als Konsumenten den Einzelhandel gerade in abgelegenen Gebieten. Manchmal fließt das Geld auch in größere Projekte, etwa den Bau oder die Renovierung von Wohnungen, und das schafft Arbeitsplätze. Die Schecks aus dem Ausland ersetzen oft die sehr schwachen Sozialsysteme."

Dilip Ratha von der Weltbank sieht es ähnlich: Das überwiesene Geld fungiere wie eine Art Versicherung für ärmere Menschen. "Es kommt direkt bei denen an, die es brauchen, ohne dass Regierungsinstanzen dazwischengeschaltet sind. Es wird also viel effizienter eingesetzt." Die Bedeutung der Geldtransfers für die Bekämpfung der Armut könne nicht hoch genug eingeschätzt werden, das Geld werde für Bildung und für Gesundheit, aber auch zur Finanzierung von außergewöhnlichen Feierlichkeiten wie Hochzeiten und Beerdigungen eingesetzt.

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Weltbank: Überweisungen nach Afrika sind zu teuer

Doch Banken und Transferagenturen verlangen nach wie vor hohe Gebühren für ihre Dienstleistungen. Die Gebühren, die bei solchen Geldtransfers anfallen, seien in der Regel um ein Vielfaches höher als bei Überweisungen zwischen Industrieländern, stellt die Weltbank fest. Subsahara-Afrika sei die teuerste Zielregion der Welt: Im Frühjahr 2019 kostete ein Transfer von 200 US-Dollar nach Afrika durchschnittlich 9,3 Prozent des Geldwertes. Eines der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung schreibt fest, dass die Kosten auf drei Prozent sinken sollen.

Äthiopien Commercial Bank of Ethiopia in Addis Abeba (DW/E. Bekele)

Niedergelassene Banken - hier in Addis Abeba - fallen in der Gunst der Nutzer.

Wenn der Trend anhält und die Rücküberweisungen weiter zunehmen, könnte eine Senkung der Gebühren große wirtschaftliche Potenziale freisetzen, so die Weltbank."Die Überweisungspreise sind aus vielen Gründen hoch, einschließlich der in einigen Ländern unterentwickelten Finanzinfrastruktur, des eingeschränkten Wettbewerbs, regulatorischer Hindernisse sowie des mangelnden Zugangs der Überweisungssender und -empfänger zum Bankensektor", heißt es im Online-Auftritt der Weltbank.

Der wichtigste Faktor für hohe Überweisungskosten sei jedoch die mangelnde Transparenz für die Verbraucher. Preise für Überweisungen setzen sich aus einer Vielzahl von Gebühren zusammen. Zu Gebühren für den Versand eines bestimmten Betrags und einer Marge, die auf den Wechselkurs angewendet wird, kommt manchmal noch eine Gebühr für den Empfänger des Geldes. Diese Komponenten können variieren, je nachdem, wie schnell die Überweisung abgewickelt werden soll und in welcher Form der Empfänger sein Geld erhält (in bar oder durch Gutschrift auf ein Konto).

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Transferdienstleister: Schneller und unkomplizierter als Banken

Nach Angaben der Weltbank bevorzugen Kunden für Überweisungen nach Afrika Geldtransferdienstleister wie die US-Unternehmen Western Union oder MoneyGram gegenüber normalen Geschäftsbanken. In Ost- und Westafrika träten zudem vermehrt Anbieter von mobilen Zahlungsdiensten als glaubwürdige Wettbewerber auf dem Geldtransfermarkt auf.

Afrika | Mobile money (picture-alliance/dpa/Godong)

Bargeldloses Zahlen ist die Regel - immer häufiger auch per Handy

"Western Union, MoneyGram, Ria und andere Geldtransferdienstleister dominieren weitgehend den Markt, weil sie oft billigere und schnellere Dienste anbieten als Banken und zudem längere Öffnungszeiten haben", heißt es bei der Weltbank. Bei diesen Anbietern seien keine Bankkonten erforderlich, um Geld zu überweisen. Auch der bürokratische Aufwand zur Einhaltung der Geldwäschebekämpfungsvorschriften sei deutlich geringer.

Über eine MoneyGram-Filiale kann durch Einzahlung in einer Filiale ein Geldbetrag zwischen zwei Personen transferiert werden. Der Einzahler erhält hierbei eine Referenznummer. Der Empfänger kann sich, nachdem ihm die Referenznummer vom Einzahler übermittelt wurde, den für ihn bestimmten Geldbetrag nahezu verzögerungsfrei in einer Filiale an seinem Aufenthaltsort auszahlen lassen. Einzahler und Empfänger müssen sich ausweisen. Die Grundidee dabei ist, Personen, die kein eigenes Girokonto haben, den bargeldlosen Zahlungsverkehr zu ermöglichen.

Informeller Geldversand birgt Gefahren

Experten der Weltbank schätzen, dass auf informellen Wegen - z. B. über Busfahrer, reisende Familienmitglieder oder über das muslimische Hawala-Überweisungssystem - weitere 250 Milliarden Dollar in der alten Heimat ankommen. Mit dem Hawala-System kann Geld über ein Netz von Mittelsmännern übermittelt werden. Die Geschäfte hinterlassen keine Spur, was eine Strafverfolgung im Missbrauchsfall extrem erschwert. Experten sagen, diese informellen Überweisungssysteme würden auch von kriminellen oder terroristischen Organisationen etwa bei Drogen- oder Waffengeschäften genutzt.

"Das Risiko kann man nie ausschließen", sagt der kapverdische Ökonom Paulino Dias. "Die Regierung der Kapverden hat aber - anderes als viele andere Länder der Region - eine Menge in die Prävention derartiger Risiken investiert." Es gehe darum, die Beträge der Rücküberweisungen zu erhöhen, aber auf eine sichere Weise und im Einklang mit den Gesetzen. Nur so könne ein positiver Effekt auf die lokale Wirtschaft sichergestellt werden.

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