Polen setzt auf Militärtraining für Zivilisten
6. November 2025
Vom Grundschüler bis zum Senior: Polen lädt seine Bürger zur freiwilligen Militärschulung ein. Das Programm "In Bereitschaft" reicht von Überlebenstraining bis zum Schutz vor Cyberangriffen. Allein in diesem Jahr sollen 20.000 Menschen geschult werden, teilt das Verteidigungsministerium in Warschau mit. 2026 sollen es 400.000 Bürger sein.
Demnach ist es das größte militärische Ausbildungsprogramm in Polens Geschichte. Grund ist das Verhalten des großen Nachbarn im Osten. Polen stuft Russland zunehmend als Gefahr ein.
Die Pilotphase des Projekts werde am 22. November beginnen, sagte Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz in Warschau. "Wir leben in den gefährlichsten Zeiten seit dem Zweiten Weltkrieg. Hinter unserer Grenze tobt ein Krieg, es gibt Sabotageakte in der Ostsee und Kämpfe im Cyberspace", sagte Kosiniak-Kamysz mit Blick auf das von Russland angegriffene Nachbarland Ukraine. Deshalb habe man das Programm ausgearbeitet.
Buchung per App
Es richte sich an "alle polnischen Bürger, die daran teilnehmen möchten": Kinder, Arbeitnehmer, Rentner - also polnische Zivilisten fast aller Altersklassen. Die Freiwilligen sollen sowohl einzeln als auch in der Gruppe ausgebildet werden.
Das Programm besteht aus vier Modulen: Grundlagen zum Thema Sicherheit, Survival, Erste Hilfe und Cybersicherheit. Die Schulungen finden am Wochenende statt, jedes Modul dauert in der Regel einen Tag, wie Polens Ministerium für Digitalisierung mitteilte.
Interessierte können sich über die in Polen vielgenutzte staatliche App "mObywatel" melden, über die Bürger sich ausweisen und zahlreiche Verwaltungsdienstleistungen erledigen können. Per Smartphone kann jeder Schulungen, die ihn interessieren, in der Nähe seines Wohnortes buchen. Unternehmen können zudem Gruppenschulungen für die gesamte Belegschaft vereinbaren.
Der stellvertretende Verteidigungsminister Cezaryk Tomczyk machte bei der Vorstellung von "In Bereitschaft" in Warschau deutlich: Ziel des Ausbildungsprogramms sei es, angesichts des seit über dreieinhalb Jahren andauernden Kriegs in der Ukraine, "die nationale Verteidigungsfähigkeit und die gesellschaftliche Widerstandskraft zu stärken".
Polen hofft auf mehr Soldaten für seine Armee
Mit Blick auf den russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 sagte Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz, die Bevölkerung dort sei "kalt erwischt worden" und habe erst während des Kriegs ihre Fähigkeiten zur Krisenreaktion erworben. Polen müsse daher auf "jedes Szenario" vorbereitet sein. Er verwies darauf, dass die Verteidigungsausgaben Polens im kommenden Jahr voraussichtlich 4,8 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erreichen werden.
Polen ist Mitglied der NATO und Teil der Europäischen Union. Das Land ist einer der engsten politischen und militärischen Verbündeten der Ukraine. Es hat auch eine wichtige Funktion als logistische Drehscheibe für die Militärhilfe des Westens für die Ukraine.
Keine Dienstverpflichtung
Polens Streitkräfte zählen nach Angaben des Verteidigungsministeriums vom Sommer 210.300 Männer und Frauen, darunter 37.000 Freiwillige im Heimatdienst WOT. Das Land will seine Armee auf eine Stärke von 300.000 Soldatinnen und Soldaten ausbauen. Um mehr Bürger für den Dienst an der Waffe zu gewinnen, experimentiert das Land schon seit längerem mit militärischen Kurztrainings in unterschiedlichen Formaten.
Doch das Digitalministerium stellt in Sachen "In Bereitschaft" klar: "Die Verteidigungsschulungen sind nicht mit dem Dienst in der Armee gleichzusetzen, sie enden nicht mit einem Eid oder der Eintragung in die Liste der Reservisten."
AR/fab (dpa, afp, rtr)