Plexiglas-Boom in der Coronakrise | Wirtschaft | DW | 11.05.2020
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Unternehmen

Plexiglas-Boom in der Coronakrise

Acrylglas schützt die Mitarbeiter an Supermarktkassen, in Apotheken oder Banken vor dem Coronavirus. Seit die Pandemie Deutschland erreicht hat, kann sich ein Unternehmen aus Darmstadt vor Aufträgen kaum retten.

Der Name ist so geläufig wie Tesa bei Klebestreifen oder Tempo bei Papiertaschentüchern: Plexiglas. Nur eine Firma darf das berühmte Plexiglas unter diesem Namen herstellen und zwar seit 1933, als der Chemiker Otto Röhm das transparente Acrylglas erfand. Gegründet hatte er sein Unternehmen schon 1905 in Darmstadt und bis heute stellt die Röhm GmbH Plexiglas in ihrem nahe gelegenen Werk in Weiterstadt her.

Seit knapp zwei Monaten boomt die Nachfrage nach dem transparenten Markenprodukt und Röhm kann sich kaum vor Aufträgen retten. "Mit dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland wurden wir mit Bestellungen für unsere Plexiglas-Platten ab Mitte März förmlich überrannt", sagt Geschäftsführer Michael Pack. Seitdem wird bei Röhm praktisch rund um die Uhr Plexiglas hergestellt, um die riesige Nachfrage einigermaßen zu befriedigen: "Wir produzieren, was möglich ist. Insgesamt hat sich das Volumen je nach Typ um das Fünf- bis Zehnfache erhöht."

BG Corona-Pandemie Innovationen | Frisör mit Plexiglas (Imago Images/J. Tack)

Die Zukunft hinter Acrylglas: Trennwände werden in vielen Geschäftsbereichen jetzt gebraucht

Vielseitig im Einsatz

Mit rund 4000 Mitarbeitern und weltweit 15 Produktionsstandorten gehört Röhm zu den weltweit führenden Herstellern im Geschäft mit Polymethylmethacrylat, wie Plexiglas chemisch heißt, und hat Standorte in Deutschland, China, den USA, Russland und Südafrika. Obwohl Plexiglas weniger als zehn Prozent des Unternehmensumsatzes von zwei Milliarden Euro (2018) ausmacht. Schon vor der Coronakrise lief das Geschäft mit dem transparenten Kunststoff gut.

Plexiglas kommt in Autos, Flugzeugfenstern, Bildschirmen oder Displays, als Bauverglasung, Lärmschutz oder in der Werbebranche zum Einsatz. In zahlreichen Großaquarien in Europa, dem Nahen Osten und Fernost trennen meterhohe Plexiglasscheiben riesige Schaubecken mit Haien oder Piranhas von staunenden Besuchern. Auch die Auto-Rücklichter mit der britischen Flagge beim Mini kommen aus der Plexiglasschmiede von Röhm, genauso wie die transparenten Licht-Installationen am Stadion des Bundesligisten FC Augsburg.

LED-Rückleuchte an einem BMW Mini

LED-Rückleuchte an einem BMW Mini

Kurze Lieferketten

Als vielen deutschen Unternehmen mit langen, internationalen Lieferketten schon früh Zulieferkomponenten oder Rohstoffe ausgingen, fuhr Röhm einfach die Produktion seines Vorprodukts Methylmethacrylat im rund 50 Kilometer entfernten eigenen Werk hoch: "Das Rohmaterial wird uns von unserem größten Standort in Worms nach Weiterstadt bei Darmstadt angeliefert, wo wir die Platten produzieren: Die Wege sind kurz und schnell, unser CO2-Fußabdruck in der Logistik sehr niedrig. Da haben wir sicherlich einen Vorteil gegenüber einigen Herstellern, die ihre Vorprodukte aus dem Ausland beziehen müssen", erklärt Michael Pack.

Methylmethacrylat wird auch bei der Herstellung von Lacken, Bodenbeschichtungen, Klebstoffen und Dentalprodukten verwendet. Aus Methacrylat-Harz entstehen Industriefußböden und Fahrbahnmarkierungen oder Cyanide, die zur Gewinnung von Edelmetallen in der Bergbauindustrie dienen.

Längerer Boom in Sicht

Die Aussichten für das weltweite Acrylglas-Geschäft sind weiterhin gut. Ende April prognostizierten die Analysten des US-Marktforschungsunternehmens Adroit Market Research einen Zuwachs von sechs Prozent pro Jahr bis 2025. Jetzt sorgt die Coronakrise für weiteren Schwung, auch beim bekanntesten Markenprodukt unter den Acrylglasen. Nach Angaben seines Herstellers Röhm ist Plexiglas besonders langlebig, extrem widerstandsfähig und bruchsicher - und es vergilbt nicht.

Vorschläge für eine alternative Flugpassagier-Beförderung wegen Corona (Aviointeriors)

So könnte die Zukunft des Fliegens aussehen: Acrylglas-Trennwände soll Ansteckung verhindern

"Wir stehen hier erst am Anfang der Entwicklung und rechnen mit einer länger anhaltenden hohen Nachfrage. Jetzt, wo die Beschränkungen vorsichtig gelockert werden und immer mehr Geschäfte aufmachen dürfen, erwarten wir eine zweite große Auftragswelle", sagt Michael Pack.

Schutzwände werde es in Zukunft vermutlich in allen Lebensbereichen und Branchen geben, in Schulen, Banken, Friseursalons und Restaurants oder in Bussen und Taxis. Das Coronavirus habe das Hygienebewusstsein der Menschen nachhaltig geändert - davon ist Pack überzeugt.

Trend zum öffentlichen Leben hinter Plexiglas

Der Chef des Plexiglas-Herstellers rechnet damit, dass in Zukunft auch großflächige Anwendungen gefragt sind: Kaufhäuser können so ganze Kassenbereiche mit Schutzscheiben ausstatten oder Industrieunternehmen Plexiglas-Scheiben zum Schutz der Mitarbeiter in ihren Produktionshallen einsetzen - auch Röhm selber.

Pressebild Röhm GmbH | Produktion (Röhm GmbH)

Röhm hat in der Coronakrise seine Plexiglas-Produktion ausgeweitet

Um die Mitarbeiter in der Plexiglas-Produktion zu schützen, gelten besondere Hygiene-Maßnahmen und ein Mindestabstand von 1,5 Meter, erklärt Michael Pack: "Die Schichtübergaben erfolgen sogar teilweise am Telefon, um Kontakte zu minimieren."

US-Finanzinvestor mit gutem Timing  

Seit dem Frühjahr 2019 firmiert die Röhm GmbH wieder als eigenständiges Unternehmen unter dem Dach des US-Finanzinvestors Advent International. Die Beteiligungsgesellschaft aus Boston hatte damals für rund 2,5 Milliarden Euro das Acrylglas-Geschäft vom Essener Evonik-Konzern gekauft.

In den Vereinigten Staaten produziert Röhm genauso wie in Südafrika und China derzeit so viel Plexiglas wie möglich. "Auch in den USA profitieren wir von unserer Verbundstruktur vor Ort: Wir stellen alle Rohstoffe und Vorprodukte, die wir für die Produktion der Schutzplatten benötigen, ausschließlich inländisch in unseren eigenen Anlagen her. Die Lieferkette ist intakt, mit kurzen Wegen und ohne Grenzübergänge."

Viele deutsche Unternehmen dürften da beim Blick auf ihre Lieferketten ins Grübeln kommen.

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