Oskar Roehlers ″Herkunft″ | Bücher | DW | 14.09.2011
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Oskar Roehlers "Herkunft"

Was hatten Sie für ein Verhältnis zu Ihrer Mutter?

Gar keins. Ich bin von ihr von Anfang an eigentlich abgelehnt worden. Sie hat sich dann noch mehr exponiert und ihre Rolle noch viel krasser gespielt, zum Teil Dinge zurecht gelegt, die nicht so waren. Um dieses makabere Menschenbild, was sie so hatte - eben die Verachtung von Kindern - noch zu zelebrieren. Sie hat vielleicht auch Dinge erfunden. Sie hat sich darüber ausgelassen, dass sie versucht habe, mit Alkohol und Zigaretten schon den Fötus im Mutterleib abzustoßen, bis dahin, dass sie in das eiskalte Wasser eines Sees gestiegen ist. Und das hätte alles nichts genutzt. Sie glaubte, mein Vater hinters Licht führen zu müssen, was die Schwangerschaft angeht und den Urheber der Schwangerschaft. Dass diese Sachen nicht geklärt sind. Das hat sie mir in einem Zustand erzählt, als sie eigentlich in ihrer Paranoia versunken ist und, glaube ich, nicht mehr genau unterscheiden konnte, was Erfindung und was Wirklichkeit war. Und um mich später zu verunsichern. Sie hat gerne Leute verunsichert.

Sie stellen sich selbst im Roman auch nicht gerade als Sympathieträger vor. Wie haben Sie sich gesehen, als Sie als Erwachsener dann in Berlin gelebt haben?

Das war so eine Selbstfindungsphase. Ich war da noch das Opfer der ganzen Verstrickungen. Ich habe eine ganz tolle Erfahrung gemacht. Ich war auf den Dreharbeiten zum Schlingensief-Film, als plötzlich ein Anruf kam.

Welcher Schliengensief-Film?

Ich glaube, das war "Terror 2000". Christoph war ja ein Freund von mir, der mich immer sehr unterstützt hat. Und dann kam ein Anruf. Und mein Mitbewohner meinte dann: "Übrigens, ich habe Dir etwas ganz Schreckliches zu berichten. Deine Mutter ist gestorben. Sie hat sich umgebracht". Und ich habe erst mal tief ausgeatmet und gemerkt, wie um mich herum alles leichter wurde. Wie ich viel leichter wurde. Und ab dem Moment fing bei mir eigentlich auch an, dass sich meine schon immer vorhandenen kreativen Kräfte, die ich vorher immer so destruktiv benutzt hatte, ins Positive gewendet haben. Das ist dem Tod meiner Mutter geschuldet. Die Tatsache, dass sie nicht mehr hier auf diesem Planeten weilte, war für mich der größte Befreiungsschlag meines Lebens.

Schauspielerin Hannelore Elsner im Film Die Unberührbare

Im Film "Die Unberührbare" zeigt Oskar Roehler das Alter Ego seiner Mutter - Gisela Elsner

Gibt es auch etwas an Ihrer Mutter, das Sie schätzen können? Vielleicht als Schriftstellerin?

Ja. Ein gewisser makaberer, übersteigerter Sinn, auch die Wahrnehmung.

Davon haben Sie auch etwas, oder?

Das entdecke ich jetzt mittlerweile so. Ich benutze und sehe es als kleine Gabe, die sie mir vielleicht mitgegeben hat. Ich habe immer gedacht, dass ich ihre Art Talent gar nicht geerbt habe, aber es stimmt nicht. Ich mag eigentlich auch zum Teil die Überzeichnung und Überhöhung. Ich kann meine Mutter auch verstehen, weil sie so ein extrem verlorener Mensch war. Das sieht man in den Augenblicken, wo sie mit sich allein ist und eine unglaubliche Traurigkeit in ihrem Blick hat, und ganz verträumt ist. Ganz angreifbar, ganz empfindlich. Dass sie sich dann panzern und wappnen musste mit Wort und Schwert und Denken. Und dem Körper nichts geschenkt hat. Und nur den Geist fanatisch hochgehalten hat. Das macht sie mir trotzdem nicht sympathisch.

Regisseur Oskar Roehler (Foto: Concorde Film)

Oskar Roehler

Wann sind Sie erwachsen geworden?

Eigentlich im Grunde, als ich meine Frau kennenlernte. Vor zwölf oder dreizehn Jahren. Die hat mir das zurück gegeben, was ich über ganz lange Jahre und immer wieder vermisst habe. Einfach an zwischenmenschlichem Verständnis und wie man miteinander umgeht. Trotz aller Mängel, die der Andere vielleicht hat. In dem Fall ich. Dass sie nicht immer alles gleich auf die Waagschale legt, aufzählt und aufwiegt.

Ihre Eltern haben Sie etwas boshaft "Bourgeois" genannt.

Ja gut, es gehörte auch dazu. Das gehörte genauso dazu, wie jemanden, der dreieinhalb ist, auf den Schrank zu setzen, weil er schreit. Und dann wegzugehen. Das waren Empfehlungen, die andere Schriftsteller meinen Eltern gegeben haben.

Was ist für Sie Zuhause?

(Pause– Red.) Ich habe eigentlich keins.

Schwer, da jetzt noch etwas hinzuzufügen...

(Lächeln - Red.) Der Tod. Was danach kommt. Ich lebe nicht in der Gegenwart. Und ich lebe mit meiner Frau zusammen, die komischerweise so eine Seelenverwandtschaft mit mir hat. Und der es ähnlich geht und immer schon ging. Meine Frau ist mein einziges Zuhause. Aber wir haben eigentlich keins.

Das Gespräch führte Gabriela Schaaf
Redaktion: Mariya Ruettinger

Das Buch:
Oskar Roehler: Herkunft. Roman. Ullstein Verlag September 2011. 592 S. 19,99 €. ISBN 9783550088445

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