Olga Tokarczuk: ″Literatur ist zum Denken da″ | Bücher | DW | 11.10.2019
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Interview

Olga Tokarczuk: "Literatur ist zum Denken da"

Literatur soll provozieren, Zweifel wecken, über nicht offensichtliche Dinge sprechen, meint die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Dass ihre Bücher politisch werden, war allerdings nicht ihre Absicht.

Die polnische Autorin und Psychologin Olga Tokarczuk hat ein internationales Publikum mit ihren Romanen begeistert. Dafür erhielt sie am 10. Oktober den Literaturnobelpreis rückwirkend für das Jahr 2018. In ihrem Buch "Unrast", das die Jury besonders beeindruckt hat, beschäftigt sich Tokarczuk mit der Reiselust und dem Nomadentum des modernen Menschen. Mal in Form von Reiseerzählungen, mal in mythologischen Geschichten oder philosophischen Betrachtungen. 
Olga Tokarczuk ist auch politisch aktiv. Sie ist bekannt als Frauenrechtlerin und Anwältin sexueller Minderheiten. In den vergangenen Jahren hat sie sich oft zu Wort gemeldet, wenn es um gesellschaftliche und politische Veränderungen in ihrer Heimat ging. Zur Zeit ist sie gerade auf Lesereise in Deutschland mit ihrem Roman "Die Jakobsbücher" (2014).

 

Gestern sind Sie als Schriftstellerin Olga Tokarczuk in Potsdam ins Auto gestiegen...

... die ihr neues Buch in Deutschland vorstellt. Und ich stieg in Bielefeld als Nobelpreisträgerin aus. Und um ehrlich zu sein, kann ich es immer noch nicht glauben. Ich kann meinen Namen mit dem neuen Begriff nicht zusammensetzen.

Sie haben den Literaturnobelpreis unter anderem für das Buch "Unrast" erhalten, in dem Sie geschrieben haben, dass der stärkste menschliche Muskel die Zunge ist. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Zunge mit der heutigen Regierung in Polen in Konflikt geraten ist? Kulturminister Piotr Gliński hat immerhin gesagt, dass er jetzt vor allem ihr Buch "Die Jakobsbücher" zu Ende lesen sollte.

Buchcover von Unrast von Olga Tokarczuk.

Nobelpreiswürdig: "Unrast" von Olga Tokarczuk

Das hat er gesagt? Das ist gut. Meine Bücher sind in dem Sinne nicht "politisch", ich stelle keine politischen Forderungen. Sie beschreiben eigentlich das Leben. Aber wenn wir das menschliche Leben betrachten, schleicht sich die Politik überall ein. Das Buch "Der Gesang der Fledermäuse" erzählt eigentlich von dem Wahnsinn einer alten Dame, die den Mord an Tieren nicht ertragen kann. Und plötzlich, in diesem neuen Kontext, der sich in Polen öffnete, wird dieses Buch streng politisch. (Es geht um die Diskussion über die neuen Jagdgesetze in Polen, Anm. der Redaktion.) Das war nicht meine Absicht. Es sollte kein politisches Buch sein.

Sondern?

Ich schreibe vielmehr Bücher, um die Köpfe der Menschen zu öffnen, um neue Sichtweisen, neue Perspektiven zu zeigen. Dass das, was sie als offensichtlich ansehen, nicht so offensichtlich ist. Dass man eine triviale Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann und plötzlich andere Bedeutungen und Ebenen enthüllt. Dafür ist die Literatur da. Damit wir unser Bewusstsein erweitern können, die Fähigkeit entwickeln, unser eigenes Leben zu interpretieren und zu sehen, was mit uns passiert.

Zum Beispiel, dass die Protagonistin ihres Romans, die mordet, um die Tiere zu schützen - also objektiv gesehen ein Verbrechen begeht - möglicherweise nicht schuldig ist? Als ich mir ansah, gegen was sie kämpfte, hatte ich ein Problem damit, ihre Schuld anzuerkennen.

Im eigentlichen Sinne ist sie schuldig, aber das ist meine Art, ihre Geschichte zu erzählen. Damit ich in Ihnen, dem Leser, Zweifel wecke. Dafür ist Literatur da. Um zu provozieren, Zweifel zu wecken, und über Dinge zu sprechen, die nicht offensichtlich sind. Literatur ist zum Denken da. 

Um den polnischen Kulturminister zu zwingen, Sie wieder zu lesen, mussten Sie den Nobelpreis bekommen. Würden Sie sich mit Minister Gliński treffen?

Natürlich! Ich habe nichts dagegen. Ich fühlte mich nicht besonders betroffen, dass er meine Bücher nicht lesen konnte. Ich weiß, dass meine Bücher nicht für jedermann geeignet sind. Es hängt vom Temperament, vom literarischen Geschmack und bestimmten Gewohnheiten ab. Also dränge ich nicht alle, Tokarczuk zu lesen.

Die polnische Regierung schürt Ängste innerhalb der Bevölkerung gegenüber sexuellen Minderheiten. Wie kommt das, dass plötzlich die intimste Sphäre des Menschen, die Sexualität - in Ihren Büchern sehr präsent - zu einer Waffe wird, zu einem politisch-gesellschaftlichen Konfliktfeld in Polen?

Wir leben in einer Zeit des Paradigmenwechsels. Die Religionen kompromittieren sich vor unseren Augen. Entweder werden sie fundamentalistisch, oder sie sind nicht mehr in der Lage, einen Menschen zu begleiten. 

Bild von Demonstrierenden bei der Gay Pride in Warschau 2019. (Reuters/K. Pempel)

Im Fadenkreuz der Konservativen: Polens LGBT-Community

Die Welt ist in zwei Hälften gespalten. Die einen meinen, die beste Idee wäre zu dem zurückzukehren, was einmal war und versuchen, die alten Werte, genannt Tradition, zu restaurieren. Die anderen sagen: nein! Das reicht nicht aus! Wir müssen die Welt irgendwie anders konzipieren. Weil die alte Ordnung den Planeten zerstörte, die Diskriminierung einführte, und so viele Ungleichheiten brachte. Und jetzt suchen wir nach einer Antwort. Aber das ist keine Frage an eine Schriftstellerin…

Eine Schriftstellerin? Polnische Literaturnobelpreisträgerin!

Fragen Sie lieber den Papst. Oder große Philosophen! Ich erzähle Geschichten und versuche das ehrlich zu machen, damit sich die Menschen dafür interessieren und Spaß daran haben. Aber vor allem, damit sie in ihren Köpfen etwas breiter sehen und unruhig werden. Damit die Menschen beginnen, zu hinterfragen, was für sie bisher selbstverständlich war.

Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit dem DW-Partnerportal wirtualna polska.

Das Gespräch führte Michal Gostkiewicz.