"Offener Krieg" zwischen Pakistan und Afghanistan
27. Februar 2026
In der Nacht zu Freitag flog Pakistans Luftwaffe Angriffe auf Ziele in der afghanischen Hauptstadt Kabul sowie in Kandahar und der an Pakistan angrenzenden Provinz Paktika. Dabei nahm sie militärische Posten, Hauptquartiere und Munitionsdepots der Taliban ins Visier. Nur einen Tag zuvor hatten diese eine Großoffensive entlang der gemeinsamen Grenze gestartet. Die Taliban gaben an, bereits mehrere pakistanische Grenzposten eingenommen zu haben. Beide Seiten berichten von schweren Verlusten; so sollen mehr als 130 Taliban-Kämpfer und über 50 pakistanische Soldaten getötet worden sein. Unabhängig überprüfen lassen sich die Zahlen nicht.
Warum eskalieren die Spannungen gerade jetzt?
Die Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan sind schon seit Jahren angespannt. Seit 2024 kam es bereits mehrfach zu militärischen Zwischenfällen entlang der Grenze, zuletzt im Oktober 2025. Nur mühsam konnte in Doha unter Vermittlung Katars und der Türkei ein Waffenstillstand ausgehandelt werden, der jedoch danach mehrfach gebrochen wurde und mittlerweile als gescheitert gilt.
Pakistan wirft den Taliban im Nachbarland vor, den radikalislamischen Milizen der Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) einen Rückzugsraum zu gewähren, damit diese von dort aus Anschläge in Pakistan planen und durchführen und das Land so destabilisieren können.
Am 6. Februar wurde in Pakistans Hauptstadt Islamabad ein schwerer Selbstmordanschlag auf eine Moschee verübt, bei dem 36 Menschen getötet wurden. Die Regierung macht die TTP dafür verantwortlich. Seitdem haben die Spannungen immer weiter zugenommen. Am Freitag erklärte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Muhammad Asif auf X: "Unsere Geduld ist am Ende. Jetzt herrscht offener Krieg zwischen uns und euch."
Wer ist die TTP?
Die Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) – auch bezeichnet als "Pakistanische Taliban" – sind eine militante dschihadistische Gruppierung, die 2007 gegründet wurde. Sie entstand aus verschiedenen militanten Gruppen in den pakistanischen Stammesgebieten entlang der Grenze zu Afghanistan. Die TTP verfolgt das Ziel, die pakistanische Regierung zu stürzen und einen Staat nach ihrer strengen Auslegung der Scharia zu errichten. UN-Berichten zufolge soll die TTP rund 6.500 Kämpfer unter Waffen haben. Seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan 2021 haben die Angriffe der TTP in Pakistan massiv zugenommen.
Die TTP unterhält enge Beziehungen zum Terrornetzwerk Al Kaida, ein UN-Bericht aus dem Jahr 2023 beschreibt die Beziehungen beider Gruppen gar als "symbiotisch": Die TTP lasse Al-Kaida-Kämpfer in ihren Lagern trainieren, dafür verleihe Al-Kaida der TTP religiöse Führung, taktische Ausbildung und ideologische Legitimation. Pakistan wiederum wirft der afghanischen Taliban-Regierung vor, dies unter ihrem Schutzschirm geschehen zu lassen, was Kabul bestreitet.
Was hat der Grenzverlauf mit dem Konflikt zu tun?
Das Verhältnis zwischen beiden Ländern gilt seit Jahrzehnten als angespannt. Dazu beigetragen hat auch die Grenzziehung im Jahre 1893 als sogenannte "Durand-Linie". Doch der Verlauf der bis heute so genannten, rund 2.600 Kilometer langen Durand-Linie ist umstritten; während Pakistan die Linie als rechtmäßige Staatsgrenze sieht, argumentiert Kabul, sie sei den Afghanen damals aufgezwungen worden.
Außerdem wurde die Grenze ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung gezogen. Bis heute zerschneidet sie das Siedlungsgebiet der Paschtunen. Dies führt dazu, dass ihre lokalen Stämme oft loyaler gegenüber ihren Verwandten auf der anderen Seite der Grenze sind als gegenüber den Regierungen in Kabul oder Islamabad. Auch sind sowohl die afghanischen als auch die pakistanischen Taliban fast ausschließlich paschtunisch geprägt.
Zudem führt die Durand-Linie durch unwegsames und dünn besiedeltes Hochgebirge – Schmuggel, illegale Grenzübertritte und das Einsickern militanter Gruppen sind daher kaum zu kontrollieren. Auch deshalb begann Pakistan 2017 mit dem Bau eines massiven Grenzzauns aus Stacheldraht und Wachtürmen – was die Spannungen mit der Regierung in Kabul weiter verschärfte.
Welche Rolle spielen die afghanischen Flüchtlinge?
Noch Ende 2023 hielten sich in Pakistan rund vier Millionen afghanische Geflüchtete auf; geflohen waren sie vor jahrzehntelangen Kriegen, vor der Herrschaft der Taliban, aber auch vor der massiven Armut oder aufgrund von Naturkatastrophen wie Dürren oder Erdbeben. Doch dann begann Pakistan mit massenhaften Abschiebungen - bis heute hat sich die Zahl afghnischer Geflüchteter in Pakistan quasi halbiert.
Pakistan steckt selbst in einer schweren Wirtschaftskrise mit hoher Inflation und argumentiert damit, dass die Flüchtlinge eine zu hohe Belastung für die Staatskasse darstellen. Die Regierung in Islamabad macht aber auch afghanische Staatsbürger direkt für den Anstieg der Gewalt im eigenen Land verantwortlich. Durch die massenhaften Rückführungen will sie Kabul unter Druck setzen, stärker gegen die TTP vorzugehen.
Humanitäre Organisationen wie Amnesty International und das UNHCR kritisieren dieses Vorgehen scharf, da Rückkehrer in Afghanistan unter dem Taliban-Regime oft Verfolgung, Armut und einem Mangel an Grundversorgung ausgesetzt sind. Auch die afghanische Regierung reagierte abweisend, was die Spannungen zwischen beiden Ländern immer weiter verschärfte.
Wer könnte vermitteln?
Dazu käme gleich eine ganze Reihe von Staaten in Frage: Katar und die Türkei gelten dabei als die etabliertesten Mediatoren, da sie bereits den letzten Waffenstillstand im Oktober 2025 vermittelt hatten – auch wenn der nicht lange hielt. Auch China hatte bereits erklärt, über "eigene Kanäle" vermittelnd einzugreifen. Peking sorgt sich nicht zuletzt um seine wirtschaftlichen Projekte entlang des China-Pakistan Economic Corridors (CPEC). Aber auch der Iran, Saudi-Arabien und Russland boten bereits ihre Vermittlerrolle an.
Eine langfristige und tragfähige Einigung dürfte jedoch extrem schwierig werden, da Pakistan den Stopp aller Angriffe durch die TTP und ein konsequenteres Vorgehen der afghanischen Regierung gegen die Miliz als Vorbedingung stellt, während Kabul jegliche Verantwortung für diese Angriffe bestreitet.