Normen sichern Marktmacht - DIN sorgt für Wettbewerbsvorteil
5. Juni 2026
In Deutschland wird viel darüber geklagt, dass eine überbordende Bürokratie mit zu vielen Regeln und Vorschriften die Wirtschaft lähmt. Eine andere Seite der Geschichte ist aber: Genau solche Regeln können wirtschaftliche Tätigkeiten vereinfachen und Marktmacht sichern und ausweiten.
In Deutschland entstehen Normen beim Deutschen Institut für Normung (DIN). Da sie festlegen, wie Dinge am besten gemacht werden, prägen sie Produktionsprozesse, Lieferketten, Qualitätsanforderungen und Produktdesigns. Wer sie mitgestaltet, gestaltet Märkte.
Internationaler Einfluss deutscher Normen
Das ist für die deutsche Wirtschaft vor allem dann wertvoll, wenn deutsche Normen über Grenzen hinaus Wirkung entfalten. Genau das geschieht regelmäßig: Deutschland hat großen Einfluss beim europäischen Normungsinstitut (CEN) und auch bei der Internationalen Organisation für Normung (ISO). In dieser Hinsicht ist die Bundesrepublik "Exportweltmeister von Normen": Kein anderes Land prägt die Entstehung von europäischen oder internationalen Normen so stark wie Deutschland.
Wie stark Normen Märkte verändern können, zeigt ein Blick in die Geschichte: die Standardisierung von Containern im Jahr 1968. Vorher wurden Waren für den Transport in Säcke, Tonnen oder Kisten verpackt. Mit der Einführung genormter Containern hat sich der internationale Handel radikal verändert. Sie lassen sich perfekt stapeln und passen genau auf dafür gebaute Containerschiffe, Zugwaggons oder LKWs. So wurde der globale Handel schneller, effizienter und günstiger.
"Wer internationale Standards setzt, prägt Märkte und sichert Technologieführerschaft", sagt daher Christoph Winterhalter, Vorstandsvorsitzender von DIN.
Normen = Wie wird etwas am besten gemacht?
Diese starke Wirkung haben Normen, obwohl sie nicht gesetzlich vorgegeben sind, sondern Unternehmen freiwillig entscheiden, ob sie sich an Normen halten oder nicht. In der Regel entscheiden sie sich dafür, weil Normen die Frage beantworten, wie etwas am besten gemacht wird. So muss nicht mehr jedes Unternehmen selber nach der besten Lösung suchen, was für mehr Sicherheit sorgt und Kosten senkt.
So fördern Normen eine bessere internationale Zusammenarbeit, wie das Beispiel der Container zeigt. Sie reduzieren nichttarifäre Handelshemmnisse und vereinfachen internationale Lieferketten. Anhand von Normen können weltweit agierende Unternehmen besser überprüfen, ob Zulieferer geeignet sind. Normen erhöhen zudem das Vertrauen der Verbraucher und senken das Produkthaftungsrisiko. Außerdem erleichtern sie den Marktzugang für Produkte und Dienstleistungen. Wenn Normen also im Interesse deutscher Unternehmen gestaltet sind, verbessern sie deren Wettbewerbsposition im Markt.
Normenexportweltmeister
Und ein solcher Einfluss ist möglich, weil viele der internationalen Normen ihren Ursprung beim DIN haben und weil in den DIN-Ausschüssen, in denen Normen entstehen, vor allem Personen aus der Wirtschaft mit am Tisch sitzen. Auch wenn zudem noch Vertreter von Verbraucherinteressen, NGOs und andere mit dabei sind - es sind die großen Unternehmen, die es sich leisten können, Mitarbeitende für längere Zeit zu entsenden. Dabei versuchen sie natürlich ihre eigenen Lösungen und Interessen in Standards zu verankern.
Das DIN wiederum schickt Expertinnen und Experten zu europäischen Normungsorganisationen wie CEN und zur Internationale Organisation für Normung ISO, und beeinflusst so die Entstehung internationaler Normen. So werden die Interessen der deutschen Wirtschaft in die Welt getragen und als internationaler Standard etabliert. Fast 30 Prozent der europäischen und 17 Prozent der internationalen Projekte laufen unter dem Projektmanagement von DIN, sagt Winterhalter, Chef von DIN in einem Interview gegenüber der Tagesspiegel.
China setzt Schwerpunkte
Inzwischen haben auch andere Länder diese Vorteile erkannt. Laut einer Studie der Weltbank hat China internationale Normen lange Zeit lediglich übernommen. Ab der Jahrtausendwende hat die chinesische Regierung sich verstärkt engagiert, um eigene Normen zu festzulegen. Dabei hat - wie in anderen Bereichen auch - der chinesische Staat beim Normungsprozess viel mehr die Hand im Spiel als der deutscher Staat. Schon in den letzten zehn Jahren ist China so sehr stark in Normungsprozessen in Bezug auf Zukunftstechnologien geworden.
Bis 2035 will China eine Führungsrolle bei globalen Technologiestandards übernehmen, dazu gehören künstliche Intelligenz (KI), Quanten- und Biotechnologie, Big Data, Blockchain, Gesundheitswesen, neue Energien und neue Materialien. Dieses strategische Ziel ist im Nationalen Entwicklungsrahmen für die Normung, der im Jahr 2021 veröffentlicht wurde, festgehalten.
Sich auf bisher Erreichtem auszuruhen, sollte Deutschland daher nicht. "Normung wird weltweit zum geopolitischen Instrument", warnte Winterhalter vom DIN. Deutschland müsse aus dieser Entwicklung lernen und seine Stärken gezielt in Zukunftsfelder übertragen.
Wer setzt wo Duftmarken
Noch dominiert Deutschland in seinen industriellen Kernbranchen, heißt es im DIN Normungsbarometer 2025. In der internationalen Normung (ISO) führen die Deutschen in den Bereichen Umwelt, Maschinenbau, Querschnittsthemen und Spezialtechnologien. Auf europäischer Ebene (CEN) hält DIN knapp 30 Prozent aller Sekretariate und ist damit klarer Marktführer in Europa. Besonders stark ist Deutschland in den Bereichen Gesundheit und Arbeitssicherheit, Maschinenbau und chemischen Erzeugnissen.
In digitalen Themenfeldern dagegen führen die USA mit gut 31 Prozent der ISO-Sekretariate im IT-Bereich, gefolgt von Großbritannien. Südkorea ist stark im Bereich Standardisierung des Metaverse und Japan bei der Sprachverarbeitung. Deutschland hat im IT-Bereich nur vier Prozent, stärkt aber seinen Einfluss bei Quantentechnologie und beim Digitalen Produktpass.
Große Unternehmen haben großen Einfluss
Auch wenn es der deutschen Wirtschaft nutzt - die Tatsache, dass viele Wirtschaftsvertreter in den Normungsausschüssen Einfluss nehmen, sorgt in Deutschland auch für Kritik. Tendenziell sind es große Unternehmen, die hier mitwirken. "Leider ist die Zusammensetzung der DIN-Gremien nicht immer ausgewogen und transparent", beklagt Sascha Steuer, Hauptgeschäftsführer beim Verband Beratender Ingenieure (VBI). "Die unabhängigen Ingenieurinnen und Ingenieure spielen oft nur eine untergeordnete Rolle."
Kleinere Unternehmen oder Mittelständler (KMU) können es sich nicht unbedingt leisten, Mitarbeitende für längere Zeit abzustellen, um solche Normfindungsprozesse zu begleiten. "KMU tragen die Last dieser Komplexität überproportional. Wer nicht dauerhaft Mitarbeiter in Normungsgremien entsenden kann, hat schlicht keinen Einfluss auf Standards, die seinen Alltag bestimmen," sagt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Deutsches Baugewerbe.
Ähnlich sieht es aus bei der Beteiligung von Personen aus den Bereichen Forschung, Verbraucherschutz sowie Umweltverbände und Gewerkschaften, die ebenfalls zwar in den Ausschüssen des DIN vertreten sind, aber weniger stark auftreten können.
Normen blähen Bürokratie auf
Zudem besteht die Sorge, dass Normen die Bürokratie weiter aufblähen. Allein in Deutschland gibt es rund 35.000 DIN‑Normen. Mit vielen Normen gehen Dokumentationspflichten einher.
"Wir haben zu viele und vor allem zu hohe Normen", so Steuer vom VBI. Auch Pakleppa kritisiert "in den vergangenen 25 Jahren ist das Regelwerk zu einem Dickicht angewachsen, das selbst Fachleute kaum noch durchdringen." Jede Eventualität bekomme eine neue Unterklausel, jeder Komfortwunsch werde zur Pflicht. "Während unsere europäischen Nachbarn mit funktionalen Schutzzielen arbeiten, verstricken wir uns in kleinteiligen Ausführungsvorschriften. So ist das Bauen hierzulande teurer, langsamer und innovationsfeindlicher geworden," beklagt Pakleppa.
Max Flaig von Deutscher Mittelstands-Bund (DMB) meint dagegen, Normen könnten Bürokratie sogar reduzieren, weil sich die Beteiligten auf einheitliche Regelwerke einigen. "Ohne Normen müsste vieles im einzelnen Vertrag geregelt und jedes Mal neu verhandelt werden."
Einmal Norm - immer Norm, das sei keine Regel, heißt es dagegen vom DIN. Nach fünf Jahren werde jede Norm überprüft und im Zweifel wieder abgeschafft.