Noch kein Schlussakt deutscher Kolonialgeschichte | Afrika | DW | 29.08.2018
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Völkermord an Herero und Nama

Noch kein Schlussakt deutscher Kolonialgeschichte

Hundert Jahre nach dem Ende der Kolonial-Ära hat Deutschland menschliche Gebeine an Namibia zurückgegeben. Doch der Streit um den Umgang mit dem Völkermord an den Herero und Nama flammt auch beim Gedenkgottesdienst auf.

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Rückgabe menschlicher Gebeine an Namibia: Gespräch mit Christian Kopp, Historiker

Zwei Schädel liegen ganz vorne vor dem Altar. Hinter ihnen die namibische Flagge und ein Strauß weißer Nelken. Insgesamt 19 Schädel und andere menschliche Gebeine gibt Deutschland zurück - hundert Jahre nach dem Ende der Kolonialherrschaft im damaligen "Deutsch-Südwestafrika". "Wir wollen etwas tun, was wir schon seit Jahrzehnten hätten tun müssen", räumt Petra Bosse-Huber, die Auslandsbischöfin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ein. In der Französischen Friedrichstadtkirche drängen sich Minister und Abgeordnete aus beiden Ländern, aber auch Herero und Nama-Vertreter in traditionellen Gewändern.

Der Gottesdienst in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin soll eine Versöhnungsgeste sein. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat ihn gemeinsam mit namibischen Partner organisiert. Gebetet wird in vier Sprachen: Deutsch, Englisch, OvaHerero und Nama. Doch auch hier lässt sich die Tatsache nicht ausklammern, dass es noch immer keine offizielle deutsche Entschuldigung für den Genozid an den Herero und Nama gibt. Zehntausende Männer, Frauen und Kinder kamen zwischen 1904 und 1908 im damaligen "Deutsch-Südwestafrika" ums Leben, nachdem deutsche Soldaten einen Aufstand gegen die Kolonialherrschaft brutal niederschlugen. "Nichts und niemand soll uns stören", mahnt der namibische Bischof Ernst Gamxamub zu Beginn mit ernster Miene. Er will einen Eklat wie bei der letzten Übergabezeremonie 2011 vermeiden. Diese hatten einige Herero- und Nama-Vertreter mit wütenden Forderungen nach einer deutschen Entschuldigung für den Völkermord gestört.

Eine Frau hält ein Plakat mit dem Titel Repatriation without an official apology vor der Friedrichstadtkirche (picture-alliance/AA/A. Hosbas)

Herero- und Nama-Vertreter forderten vor der Kirche eine schnelle deutsche Entschuldigung

Angst vor einem neuen Eklat

Doch heute bleibt alles ruhig. Schon 2017 hatte die Evangelische Kirche in Deutschland um Vergebung für die Rolle evangelischer Missionare beim Völkermord gebeten. "Wir wiederholen dies heute ausdrücklich vor dieser Gemeinde und bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und des zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Verzeihung", sagt Bischöfin Petra Bosse-Huber.

Die Schädel seien eine "Anklageschrift" für die Ungerechtigkeit, die den Menschen in Namibia angetan worden sei, sagt ihr namibischer Kollege Ernst Gamyamub. "Dieser barbarische Akt fordert restaurative Gerechtigkeit für die ganze namibische Nation, die noch immer vom Genozid betroffen ist", donnert er – eine direkte Aufforderung an die Bundesregierung, die beim Thema Entschädigungen zurückhaltend bleibt.

Deutliche Worte Richtung Bundesregierung

So sehen das auch viele der traditionellen Herero- und Nama-Vertreter. Nach dem Gottesdienst treten sie nacheinander ans Rednerpult, die meditative Stimmung verfliegt schnell. Gute zwei Stunden hören die Regierungsvertreter nun Klartext: Die Bundesregierung sei "arrogant", wettert Vekuii Rukoro, ein scharfer Kritiker Deutschlands. Rukoro hat die Bundesregierung vor einem US-Gericht auf Entschädigungen verklagt, an den offiziellen Regierungsverhandlungen nimmt er nicht teil. "Die Opposition in Deutschland, die deutsche Öffentlichkeit, die Weltöffentlichkeit: alle sprechen von Völkermord. Die einzigen, die nach fünf Jahren Verhandlungen noch immer nicht zu dieser Erkenntnis gelangt sind, sind die deutsche und die namibische Regierung. Da stimmt doch etwas nicht", sagt er unter lautem Applaus.

Staatsministerin Michelle Müntefering (links) und die namibische Kulturministerin Katrina Hanse-Hirmawa (rechts) stehen vor den menschlichen Gebeinen, die mit einer namibischen Flagge bedeckt sind (picture-alliance/dpa/G. Fischer)

Staatsministerin Michelle Müntefering (links) und die namibische Kulturministerin Katrina Hanse-Hirmawa bei der Übergabe der menschlichen Gebeine

Andere Vertreter sehen das ähnlich – auch einige, die an den Regierungsverhandlungen teilnehmen: "Wir sind uns alle in einer Sache einig: Deutschland muss den Genozid an unseren Völkern anerkennen, sich dafür entschuldigen und dieser Entschuldigung müssen Entschädigungen folgen", sagt Manase Zeraeka, auch er ein traditioneller Vertreter.

'Deutschland hat einiges nachzuholen'

Bei der Aufarbeitung der Kolonialzeit habe Deutschland einiges nachzuholen, das gibt auch Staatsministerin Michelle Müntefering in ihrer Rede zu. Deutschland bekenne sich zu seiner historischen Schuld, sagt sie sichtlich bewegt. "Die damaligen im deutschen Namen begangenen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde." Über die Schädel in der Kirche sagt sie: "Sicher ist: Sie hatten eine Familie. Sie gehörten zu ihrem Volk, sie gehörten zu ihrem Land, sie waren Menschen. Das Menschsein, die Würde hat man ihnen damals genommen." Am Ende ihrer Rede bittet sie um Verzeihung

Auch Namibias Kulturministerin wird emotional. Sie spreche als Nachfahrin der Herero und Nama, sagt Katrina Hanse-Himarwa unter lautem Applaus. Auch sie wirbt für Versöhnung: "Die heute lebenden Deutschen haben den Genozid an meinen Vorfahren nicht begangen. Aber sie müssen anerkennen, dass der Genozid im Namen Deutschlands begangen wurde." Auch Namibias Regierung erwartet eine Entschuldigung, stellt Hanse-Himarwa klar. "Die gemeinsam bekannte Geschichte kann unsere gemeinsame Geschichte werden, die für die Versöhnung der Völker Deutschlands und Namibias steht." Doch wann es eine offizielle deutsche Entschuldigung für den Völkermord geben wird, sagt niemand. Am Freitag sollen zunächst die menschlichen Gebeine in Namibia mit einem Staatsakt in Empfang genommen werden.

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