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Politik

Keine Versöhnung ohne Entschuldigung

Pelz Daniel Kommentarbild App
Daniel Pelz
29. August 2018

Die Rückgabe menschlicher Gebeine aus der Kolonialzeit an Namibia ist ein wichtiger Schritt zur Versöhnung. Doch ohne deutsche Entschuldigung für den Völkermord wird er wertlos bleiben, meint Daniel Pelz.

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Deutschland Namibia Geschichte Charité gibt Gebeine zurück Schädel
Bild: picture-alliance/dpa

Endlich eine kleine Geste. Die Rückgabe der menschlichen Gebeine ist ein Zeichen an Namibia, dass Deutschland es ernst meint. Dass Deutschland die Verbrechen derKolonialzeit bereut. Den blanken Rassismus, der selbst nicht davor halt machte, Grabstätten zu plündern und menschliche Gebeine für fragwürdige Forschungen ins damalige Deutsche Reich zu bringen. Der im Völkermord an zehntausenden Herero und Nama seinen blutigen Höhepunkt fand.

Fehler auf allen Seiten

Eine Geste, die zur richtigen Zeit kommt. Nach Jahren ergebnisloser Verhandlungen, Streit um Entschädigungen, eisigem Schweigen und verbalen Ausfällen. Vor zwei Jahren schon hat die Bundesregierung versprochen, sich für den Völkermord zu entschuldigen - über 100 Jahre nach dessen Ende. Doch darauf wartet Namibia, warten die heute lebenden Herero und Nama immer noch. In Namibias Bevölkerung drängt sich längst der Eindruck auf, die Bundesregierung wolle sich zur deutschen Schuld am Genozid gar nicht bekennen.

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DW-Korrespondent Daniel Pelz

Sicher - für die jahrelangen Verzögerungen ist die Bundesregierung nicht allein verantwortlich. Wenn auch ungewollt hat sich jede Seite längst auf Positionen festgelegt und Forderungen aufgestellt, die eine Einigung bisher unmöglich machten. Die Bundesregierung will sich erst entschuldigen, nachdem die leidige Entschädigungsfrage zu ihrer Zufriedenheit geklärt ist. Namibias Regierung tut nichts, um Herero- und Nama-Vertreter einzubinden, die ihr kritisch gegenüber stehen, kokettierte andererseits aber öffentlich mit einer Klage gegen Deutschland. Und einige Herero und Nama-Vertreter fallen bei allem berechtigten Ärger über die fehlende Entschuldigung mit unrealistischen Forderungen und verbalen Ausfällen Richtung Deutschland auf.

In dieses aufgeheizte Klima fällt nun die Schädel-Rückgabe. Eine Gelegenheit, einmal innezuhalten, sich die Kolonialzeit und ihre Verbrechen bewusst zu machen. Vor allem das nach gegenwärtigem Wissensstand wohl schlimmste deutsche Kolonialverbrechen: den Mord an zehntausenden - manche sagen sogar hunderttausend - Herero und Nama. Männer, Frauen und Kinder, die von deutschen Kolonialsoldaten in Konzentrationslager gesperrt oder zum sicheren Verdursten in die Wüste gejagt wurden. Unzählige Opfer, deren Namen und Schicksale längst vergessen sind. Menschen, denen sogar die Totenruhe verweigert wurde und deren Gebeine über Jahrzehnte in Pappschachteln in deutschen Klinik-Magazinen lagerten. Und nicht zuletzt auch die heute lebenden Herero und Nama, die ihre Vorfahren niemals würdevoll bestatten konnten.

Chancen für neue Schritte aufeinander zu

Es ist eine Chance für alle Seiten, aufeinander zuzugehen. Für beide Regierungen, deren Verhandlungsführer sich am Freitag zu einem erneuten Gespräch treffen wollen. Aber es ist auch eine Chance für beide Regierungen, auf jene Herero und Nama zuzugehen, die Deutschland in New York verklagt haben. Es ist eine Chance, sie endlich ernsthaft in die Verhandlungen einzubeziehen. Und es ist eine Chance für jene ihrer Vertreter, Maximalpositionen zu räumen und zu akzeptieren, dass ein Vertrag letztlich zwischen den Regierungen geschlossen werden muss. Dass nun wohl auch einer ihrer Vertreter bei der Zeremonie sprechen darf, ist ein erster, ermutigender Schritt. Dass kritische Vertreter der deutschen Zivilgesellschaft draußen bleiben müssen, dagegen nicht.

Denn bei aller Bedeutung dieses Tages: Wirkliche Versöhnung braucht eine Entschuldigung! Das ist bei jedem Streit im Privatleben so - und bei Verbrechen dieses Ausmaßes erst recht.