1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Neue militärische Macht-Balance: F-35 für Saudi-Arabien?

23. Dezember 2025

Infolge eines Verteidigungsabkommens könnte Saudi-Arabien von den USA bald Kampfjets des Typs F-35 erhalten. Zwar sind Zeitpunkt und Ausführung noch unklar. Doch der Deal sorgt bereits jetzt für Unruhe in Nahost.

https://p.dw.com/p/55szu
Die Herstellerfirma Lockheed Martin präsentiert in einem großen Raum einen neuen, in künstliches blaues Licht getauchten F-35, hier ein Modell für die finnische Luftwaffe, Dezember 2025
Die Herstellerfirma Lockheed Martin präsentiert bei einer Schau in Texas ein Kampfflugzeug aus der Reihe F-35, Dezember 2025Bild: Jeremy Lock/REUTERS

Einen guten Monat ist es her, dass die USA und Saudi-Arabien ein strategisches Verteidigungsabkommen geschlossen haben. In dessen Rahmen will Washington den Saudis unter anderem Kampfflugzeuge des Typs F-35 liefern. So hatte es US-Präsident Donald Trump anlässlich seines Treffens mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (auch MbS genannt) im Weißen Haus erklärt.

Bislang bleiben jedoch zentrale Fragen offen. So etwa, wann die Flugzeuge geliefert werden - und um welche konkrete Version des Jets es sich handeln könnte. Die Nachrichtenagentur Reuters vermutete bereits im November, voraussichtlich dürften die USA an eine technologisch abgespeckte Version denken, also gewissermaßen eine Light-Variante des F-35. Voraussetzung für den geplanten Deal ist allerdings, dass der US-Kongress zustimmt. So könnte es bis zur endgültigen Entscheidung noch unbestimmte Zeit dauern. Allerdings sehen sich die USA gesetzlich aus Sicherheitsgründen verpflichtet, Israels militärischen Vorsprung in der Region zu wahren. Kritiker in Israel und in den USA befürchten, dass der anvisierte Deal diesen Vorsprung zumindest verkürzen könnte.   

Das Abkommen entfaltet bereits jetzt Signalwirkung - auch in der Golfregion selbst. So bekundete Medienberichten zufolgeauch das Emirat Katar Interesse an F-35-Kampfjets. Ebenso wie Saudi-Arabien unterhält Katar bisher keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Israel.

Die F-35 gilt als modernster Mehrzweck-Tarnkappenjäger in fünfter Generation. Ihre besondere Stärke liegt in der Kombination aus Tarnkappentechnologie, hochentwickelter Sensorik und digitaler Vernetzung. Zudem kann der Jet enorme Datenmengen in Echtzeit verarbeiten. Außerdem vermag er Bedrohungslagen frühzeitig zu erkennen und auch in stark verteidigtem Luftraum zu operieren. Laut einer Analyse des Hudson Institute in Washington gilt das Flugzeug als eines der wenigen Waffensysteme, die durch ihre Informationsüberlegenheit den Ausgang eines Konflikts beeinflussen können.

US-Präsident Trump im Gespräch mit Kronprinz Mohammed bin Salman beim Saudi Investment Forum in Washington, November 2025
US-Präsident Trump mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman in Washington, November 2025Bild: Evan Vucci/AP Photo/picture alliance

Zwei Partner, mehrere Motive

Für Washington geht es um mehr als um Rüstungsexporte. Neben wirtschaftlichen Interessen verfolgt die US-Regierung dem Hudson Institute zufolge mehrere strategische Ziele: Sie will ihren Einfluss in einer geopolitisch zentralen Region sichern, dem wachsenden Engagement Chinas entgegenwirken und die militärischen Fähigkeiten verbündeter Golfstaaten gegenüber dem Iran stärken. Zudem ist bekannt, dass Trump die Saudis in Richtung einer Normalisierung der Beziehungen zu Israel bewegen will. Auch dafür könnte ein Deal vorteilhaft sein, jedenfalls aus Sicht Riads. Gleichzeitig betonen US-Vertreter, Israels qualitative militärische Überlegenheit in der Region solle unangetastet bleiben.

Saudi-Arabien wiederum sieht sich von regionalen Krisen umgeben und sucht nach verlässlicher Abschreckung. Die USA seien für Riad seit Jahrzehnten der wichtigste Sicherheitspartner, sagt der Nahost-Experte Sebastian Sons vom Bonner Thinktank CARPO im DW-Gespräch. "Unter Trump verschiebt sich diese Beziehung", meint er und zählt auf: Öl spiele kaum noch eine Rolle, stattdessen gehe es um Militärtechnologie, Investitionen und neue Industrien. Das Königreich sei weiterhin stark auf US-Rüstung angewiesen und strebe echte Sicherheitsgarantien an.

Mit der kürzlich erfolgten Einstufung Saudi-Arabiens als "major non-NATO ally" (wichtiger Nicht-NATO-Alliierter) öffnet Washington dem Königreich zugleich den Zugang zu sensiblerer Militärtechnologie. Die Führung des Königreichs sieht dies als Teil einer breiteren Strategie. "Saudi-Arabien ist von Konflikten umgeben und braucht Abschreckung ebenso wie verlässliche Partner", so Sons. Ziel sei es, die eigene Sicherheit zu stärken und zugleich die wirtschaftliche Transformation voranzutreiben. Dabei verstehe sich das Land allerdings zunehmend als eigenständiger Akteur - nicht mehr als bloßer Erfüllungsgehilfe der USA.

Ankunft der ersten F-35-Kampfjets der belgischen Luftwaffe. Ein Soldat steht vor zwei der Flugzeuge, Oktober 2025
Nicht nur in Nahost gefragt: Kampfjets des Typs F-35 - hier Exemplare der belgischen LuftwaffeBild: Xpi/Photo News/IMAGO

Die Sorgen Israels 

Besonders aufmerksam verfolgt Israel die Entwicklung. Bislang verfügt es als einziges Land im Nahen Osten über F-35-Jets. Die Vorstellung, ein weiterer Regionalstaat könnte Zugang zu vergleichbarer Technologie erhalten, sorgt dem mit sicherheitspolitischen Fragen befassten US-amerikanischen Magazin 'The National Interest' zufolgein israelischen Regierungskreisen für erhebliches Unbehagen. Zwar betont die israelische Regierung, der qualitative Vorsprung bleibe gewahrt. Die Vereinigten Staaten und Israel hätten eine langjährige Übereinkunft, zitiert Reuters den Sprecher israelischen Regierungssprecher Shosh Bedrosian. "Demnach behält Israel im Bereich der Verteidigung den qualitativen Vorsprung." Allerdings warnen israelische Militärvertreter vor langfristigen Verschiebungen im regionalen Kräfteverhältnis.

Auch Politik-Analysten betrachten das Abkommen als potenziell folgenreich. "Strategisch gesehen rückt das Abkommen Saudi-Arabien näher an Fähigkeiten heran, die lange Zeit allein Israel vorbehalten waren", heißt es in der vom 'Cambridge Middle East and North Africa Forum' (MENAF) herausgegebenen Online-Publikation 'Manara Magazine'. Washington festige so Saudi-Arabiens Rolle als zentralen Sicherheitspartner. Für Israel bedeute dies, dass seine privilegierte Stellung bei US-Waffenlieferungen nicht mehr selbstverständlich sei, so das Fachmagazin.

Saudi-Arabien wiederum betrachte ein Gleichgewicht der Kräfte als Voraussetzung für regionale Stabilität, meint Experte Sebastian Sons: "Riad will seine wirtschaftliche Transformation nicht in einem Umfeld permanenter Unsicherheit vorantreiben." Deshalb diene das Abkommen auch dazu, aus einer Position der Stärke heraus zu handeln - gegenüber Iran, aber auch gegenüber anderen regionalen Rivalen.

Ein israelischer F15-Kampfjet wirft eine Leuchtrakete über dem Gazastreifen ab, August 2025
Ein israelischer F15-Kampfjet wirft eine Leuchtrakete über dem Gazastreifen ab, August 2025Bild: Amir Cohen/REUTERS

Ungewissheit erzeugt Unruhe

Auch wenn der Deal noch nicht umgesetzt ist: Die Auswirkungen reichen über den Golf hinaus - und berühren nicht nur Israels Interessen. Vor allem der Iran dürfte das Abkommen als Teil einer Eindämmungsstrategie interpretieren und könnte mit Gegenmaßnahmen reagieren. Auch bestehende Konflikte, etwa mit den Huthi im Jemen, könnten eine neue Dynamik erhalten. Klar scheint: Der Deal berührt die militärische Macht-Balance in Nahost - ab noch ist unklar, in welchem Ausmaß. Gerade weil Zeitpunkt, Umfang und technologische Qualität möglicher F-35-Lieferungen an die Saudis vorerst offen bleiben, sorgt der Deal für Unruhe.

DW Kommentarbild | Autor Kersten Knipp
Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika
Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen