Nadia - vom Flüchtlingskind zum Fußballprofi | Filme | DW | 13.05.2022
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Fußballfilmfestival 11mm

Nadia - vom Flüchtlingskind zum Fußballprofi

Der Dokumentarfilm "Nadia" erzählt die unglaubliche Geschichte von Nadia Nadim, die als Kind vor den Taliban fliehen musste und zu einem Fußballstar wurde.

Nadia Nadim, Szene aus dem Film Nadia

Nadia Nadim war 12 Jahre alt, als ihrer Familie die Flucht aus Afghanistan gelang

Nadia Nadim ist 8 Jahre alt, als ihr Vater von den Taliban ermordet wird - hingerichtet mit einem Schuss in den Hinterkopf. So zumindest wurde es ihrer Mutter Hamida zugetragen, erzählt Nadia Nadim zu Beginn des Dokumentarfilms "Nadia", für den sie sich anderthalb Jahre lang von der Kamera begleiten ließ. Ruhig und gefasst blickt sie in dieser ersten Szene in die eigene Geschichte zurück, stellt mehr fest, als dass sie erzählt. Die Kamera ist nah bei ihr, zeigt sie in einem sterilen Raum, den die letzten Strahlen des Tageslichts in ein seltsam bläuliches Licht tauchen. 

Dann ein harter Cut: Treibende Geigenmusik untermalt Szenen von Nadia Nadim bei Spielen für den französischen Fußballclub Paris Saint-Germain (PSG), immer wieder unterbrochen mit zum Teil verstörendem Archivmaterial aus Afghanistan von weinenden Kindern, verprügelten Frauen und zerstörten Städten. Innerhalb von nur fünf Minuten sind die großen Linien dieses eindringlichen Dokumentarfilms gezeichnet: Es geht es um Krieg, Flucht, und Fußball. 

Nadia mit ihren Mitspielerinnen bei Paris Saint-Germain - Szene aus dem Film Nadia

2021 gewinnen Nadia und ihre Mitspielerinnen bei Paris Saint-Germain die französische Meisterschaft

Eine vielseitige Protagonistin

"Ich habe einfach versucht, so ehrlich wie möglich gegenüber Nadia zu sein", sagt Regisseurin Anissa Bonnefont im Gespräch mit der DW, "und Nadia vereint all diese komplexen Themen in ihrer Person." Als Anissa Bonnefont ihre junge Protagonistin 2019 zum ersten Mal trifft, verstehen sich die Frauen auf Anhieb. Diese Nähe ist durch den ganzen Dokumentarfilm hindurch zu spüren. Nadia Nadim lässt Anissa Bonnefont und damit die Zuschauenden sehr nah an sich und ihre Geschichte heran. Dabei bleibt Nadia stets würdevoll, der Blick der Kamera ist nie voyeuristisch.

Ihre Familie und allen voran Nadias mutige Mutter Hamida lernen wir während der knapp 85-minütigen Doku kennen: Nach dem Tod des Vaters war Hamida mit ihren fünf Töchtern auf sich allein gestellt. Als alleinstehende Frau hatte sie während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 im Grunde keine Chance. Afghanistan erlebte in dieser Zeit eine Schreckensherrschaft. Frauen mussten die alles verhüllende Burka tragen, durften weder ohne ihre Männer das Haus verlassen, noch einer Arbeit nachgehen oder ein Erbe antreten. Wie durch ein Wunder gelingt der Familie 2000 die Flucht. Zunächst nach Pakistan und von dort aus nach Europa.

Nadia Nadim und ihre Mutter Hamida machen einen Fistbump. Szene aus dem Film Nadia

Ein starkes Team: Nadia mit ihrer Mutter Hamida

Über Umwege gelangten die sechs Frauen und Mädchen schließlich nach Dänemark. Dort entdeckt Nadia den Fußball für sich. Ein Glücksfall - Nadia liebt den Sport, ihr Talent bleibt nicht lange unentdeckt. Als junge Frau spielt sie unter anderem für die dänische Nationalmannschaft und Manchester City. Während der Dreharbeiten kickt sie bei Paris Saint-Germain und wird mit ihrer Mannschaft 2021 sogar französische Meisterin. Neben ihrer Fußballkarriere schließt sie sogar noch ein Medizinstudium ab. 

Gibt es eine Rückkehr nach Afghanistan?

Und dennoch habe Nadia auch "diese Seite eines traurigen Clowns", meint Regisseurin Bonnefont. "Sie hat eine echte Narbe, einen echten Riss." Nie hat sie abgeschlossen mit dem Tod ihres Vaters. Ihr großer Wunsch ist es, nach Afghanistan zurückzukehren, um seine Kriegsmedaillen, die der ehemalige afghanische General wie einen Schatz hütete, wiederzufinden. Um sie vor den Taliban zu verstecken, bat Nadias Mutter ihre in Afghanistan gebliebenen Verwandten sie zu vergraben.

Mit dieser Geschichte erhält der Film eine weitere Dimension: Just zu dem Zeitpunkt, als die Taliban mit dem Truppenabzug der USA und weiterer NATO-Staaten wieder an Macht gewinnen, plant Nadia in das Land ihrer Geburt zu reisen. Ob es ihr gelingt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. 

"Wir haben im September 2019 mit der Arbeit an diesem Projekt begonnen, und bis der Film im Oktober 2021 in Frankreich gezeigt wurde, hat sich die Lage in Afghanistan immer dramatischer verschlechtert", blickt Filmproduzentin Myriam Weil zurück. "Das, was wir als Archivmaterial wahrgenommen hatten, als wir mit dem Schnitt begannen - nämlich die Frauen, die ausgepeitscht wurden - , war von Archivmaterial zu aktuellem Material geworden."

In Gesprächen, die Nadia unter anderem mit einem in Afghanistan stationierten Chirurgen, Najeehbullah Bina, und David Martinon, dem französischen Botschafter in Kabul, führt, wird die dramatische Lage des Landes thematisiert. Der Film wird dabei aber nicht politisch oder gleitet in moralische Floskeln ab. Dennoch streben sowohl die Protagonistin als auch die Macherinnen mehr mit ihrem Film an. 

Ein Film mit einer Botschaft

Die Produktionsfirmen "federation entertainment" und "eco studio" haben unter anderem Sondervorführungen für den Film organisiert, um Spendengelder für Flüchtlinge zu sammeln. Bei einer dieser Aktionen kamen etwa 20.000 Euro für den Verein "Singa" zusammen, der Flüchtlinge mit Menschen zusammenbringt, die sie im eigenen Heim aufnehmen wollen.

"Wir wollen den Blick auf Flüchtlinge ändern", so Myriam Weil. Das sei gerade in der jetzigen Zeit, in der wieder mehr Menschen aufgrund von Krieg, Krisen aber auch der Klimaerwärmung zur Flucht gedrängt würden, wichtig. 

Bereits vor dem Dokumentarfilm war Nadia Nadim sozial sehr engagiert: Unter anderem ist sie Sonderbeauftragte für die UNESCO, engagiert sich für "Ärzte ohne Grenzen" und die NGO "From Street to School", die die Bildung von Mädchen fördert. Im vergangenen Jahr ist sie von PSG zu Racing Louisville, USA, gewechselt. Zwei Jahre will sie dort noch ihrer Profikarriere nachgehen. Danach möchte sie sich als Ärztin niederlassen, spezialisiert auf rekonstruktive Chirurgie. 

"Mein Leben war bereits so verrückt. Ich habe schon so viel erlebt", erzählt Nadia am Ende des Films. "Es fühlt sich wie sieben oder acht Leben an und ich bin erst 33!" Sie wünsche sich, dass ihr Leben intensiv bleibe, aber vielleicht mit einer kleinen Pause hier und dort.

Zum Schluss treffen wir Nadia wieder in dem sterilen Zimmer vom Anfang wieder. Die Sonne ist nun ganz untergegangen, man sieht nur noch schemenhaft. Was hängen bleibt, ist noch lange danach ihr ansteckendes Lachen.

Der Dokumentarfilm wird am Sonntag, 15. Mai 2022, im Rahmen des Fußballfilmfestivals 11mm im Berliner Babylon Kino zu sehen sein. 

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