Nachwehen der Zinsmanipulationen | Wirtschaft | DW | 09.04.2018
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Finanzmarkt

Nachwehen der Zinsmanipulationen

Für die Manipulation der Zinssätze Euribor und Libor wurden bereits Milliardenstrafen gezahlt. Nun stehen die Banker selber vor Gericht. Ein ehemaliger Händler der Deutschen Bank hat bereits ein Geständnis abgelegt.

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Bankmanager vor Gericht

Kaum wurde der neue Chef der Deutschen Bank verkündet, werden wieder unangenehmen Altlasten aus der Vergangenheit an die Oberfläche gespült. Ein Thema, das schon seit Jahren gärt: Die Manipulationen bei der Berechnung der Zinssätze Libor und Euribor. Ihre Finger im Spiel hatten Händler mehrerer Großbanken - auch der Deutschen Bank. Zwar steht die Deutsche Bank nicht selber vor Gericht, aber einer ihrer Mitarbeiter. Nachdem der Skandal 2012 bekanntgeworden war, hatte der deutsche Branchenprimus mehrere Händler entlassen. Ebenfalls vor Gericht stehen seit Montag Händler der britischen Bank Barclays.

Ihnen wird vorgeworfen, in den Jahren 2005 bis 2009 mittels Tricksereien bei der Berechnung des Euribor-Zinssatzes die Gewinne ihrer Arbeitgeber und so auch die eigenen Boni in die Höhe getrieben zu haben. Über ihre Schuld wird in den kommenden drei Monaten befunden. Ein Urteil wird es voraussichtlich im Sommer geben.

Ursprünglich sollten sich in dem Londoner Verfahren elf Banker verantworten. Vier ehemalige Händler der Deutschen Bank entgingen dem Prozess, weil das Oberlandesgericht Frankfurt und die Staatsanwaltschaft Auslieferungsersuchen der britischen Behörden nicht entsprochen hatten. Ihre Taten seien mittlerweile verjährt, hieß es vom Oberstaatsanwalt Alexander Badle im Februar. 

Das für die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität zuständige britische Serious Fraud Office (SFO) hatte Anfang 2016 Europäische Haftbefehle gegen die Banker beantragt, die bei der Eröffnung der Anklage im Januar nicht vor dem Londoner Gericht Southwark Crown Court erschienen waren.

Zu wenig Kontrolle

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Die Referenzzinssätze Libor und Euribor sind so bedeutend, weil an sie Finanzprodukte über Hunderte von Billionen Dollar und Euro gekoppelt sind - vom Baukredit bis zu Derivate-Geschäften. Sie geben an, zu welchen Konditionen sich Banken gegenseitig Geld leihen. Der Libor (London Interbank Offered Rate) wurde seit Mitte der 1980er Jahre an jedem Bankarbeitstag vormittags von der British Bankers' Association (BBA) in London festgelegt. Für die Berechnung gaben die nach Marktaktivität wichtigsten Banken weltweit an, welche Zinsen sie für Kredite der Konkurrenz zahlen müssen. Der auf dieser Basis für verschiedene Währungen errechnete Libor ist vor allem für Geschäfte in Dollar wichtig. 2014 übernahm der US-Börsenbetreiber ICE die Verantwortung für die Libor-Berechnung.

Für Geschäfte in Euro ist seit Einführung des Euro als Buchgeld zum 1. Januar 1999 entsprechend der Euribor (Euro Interbank Offered Rate) der Maßstab. Zu dessen Berechnung melden täglich mehr als 30 ausgewählte Banken, welches der höchstgebotene Zinssatz dafür ist, dass eine Bank einer anderen Bank mit guter Bonität einen unbesicherten Euro-Kredit gewährt.

Manipuliert werden konnten die Zinssätze, weil die beteiligten Mitarbeiter die Zinssätze fast ohne Kontrolle festlegten. Statt realer Daten - also Kosten von tatsächlichen Krediten - waren nämlich Umfragen die Grundlage der Berechnung: Händler schätzten, zu welchem Zins sich ihr Haus von anderen Banken Geld leihen könnte. Wie realistisch diese Angaben waren, war kaum nachprüfbar. Für die Händler waren Tricksereien also verlockend, denn selbst geringe Veränderungen konnten Banken Millionen an Extragewinn bescheren - und so auch den Bonus der Händler in die Höhe treiben.

Strafen in Milliardenhöhe gezahlt

Für diese Tricksereien haben etliche Großbanken bereits erheblich geblutet. Die Deutsche Bank musste gleich mehrfach hohe Strafen zahlen. Im Dezember 2013 verhängte die EU-Kommission 1,7 Milliarden Euro Bußgelder gegen mehrere Geldhäuser, den Löwenanteil von 725 Millionen Euro musste die Deutsche Bank tragen.

Im April 2015 verglich sich Deutschlands größte Bank mit Behörden in den USA und Großbritannien. Dafür wurden 2,5 Milliarden Dollar fällig - die höchste bis dato verhängte Buße im Libor-Fall.

Deutsche Bank in Frankfurt

Deutsche Bank hat schon für Zinsmanipulationen hohe Strafen gezahlt

Im Oktober 2017 schaffte die Deutsche Bank in den USA Libor-Klagen von Börsenhändlern und 45 Bundesstaaten gegen Zahlung von 300 Millionen Dollar aus der Welt, im Februar 2018 einigte sich das Institut mit Investoren wie der Stadt Baltimore und der Yale-Universität auf einen Vergleich und akzeptierte eine Zahlung von 240 Millionen Dollar.

Und auch mit dem Prozess in London ist noch kein endgültiges Ende der Geschichte in Sicht. Es laufen noch weitere Zivilverfahren, bei denen Firmen und Privatleute von der Deutschen Bank Schadenersatz als Ausgleich für Verluste wegen Zinsmanipulationen durchsetzen wollen. Die Zeitung FAZ berichtet, dass laut dem Geschäftsbericht der Deutschen Bank 44 Zivilklagen anhängig sind - 43 in den USA und eine in Großbritannien. Eine Summe für fünf der US-Klagen schwebt auch schon in der Luft: 1,25 Milliarden Dollar. Hier haben die Kläger bereits konkrete Entschädigungssummen gefordert.

Ein Händler hat sich bereits für schuldig erklärt

Einer der prominentesten Händler, die an den ZInzmanipulationen beteiligt waren, ist Christian Bittar, der damals für die Deutsche-Bank arbeitete. Er erklärte sich nach Angaben der britischen Strafverfolgungsbehörde SFO bereits vorab für schuldig, den Euribor manipuliert zu haben.

Vor Jahren hatten der gebürtige Franzose Bittar für Schlagzeilen gesorgt, weil er für das Jahr 2008 sagenhafte 80 Millionen Euro Bonusanspruch angehäuft hatte. Sein Arbeitsvertrag garantierte ihm einen festen Prozentsatz der von ihm erzielten Spekulationsgewinne. Die Hälfte des Rekordbonus behielt die Bank wegen der Ermittlungen in Sachen Zinsmanipulation ein. 2011 trennte sich die Bank von ihm.

Bittar sitzt zurzeit in Untersuchungs-Haft. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Sein Geständnis könnte aber strafmildernd wirken.

Alternativen zu Libor und Euribor

Weltweit wird seit dem Zinsskandal nach Alternativen zu Euribor und Libor gesucht. So treibt auch die Europäische Zentralbank (EZB) Pläne für einen eigenen Geldmarkt-Referenzzins voran. Im April hat die Fed New York drei neue Zinssätze veröffentlicht. Einer, der Secured Overnight Financing Rate (SOFR), ist ausdrücklich als Ersatz für den Dollar-Libor gedacht. Seine Nutzung wird sich aber voraussichtlich erst nach und nach durchsetzen. Die Schweizer Alternative heißt Saron (Swiss Average Rate Overnight). Er wird von der Schweizer Börse SIX täglich berechnet.

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