Nach der Lehman-Pleite: Wann kommt der nächste Crash? | Wirtschaft | DW | 14.09.2018
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Weltfinanzkrise

Nach der Lehman-Pleite: Wann kommt der nächste Crash?

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite wächst die US-Wirtschaft und die Amerikaner sind optimistisch. Doch Ökonomen warnen: Der Schein trügt. Der nächste Crash lauert schon. Sophie Schimansky aus New York.

Zehn Jahre ist es her, da platzte die Blase am amerikanischen Immobilienmarkt und stürzte die Wirtschaft in eine Rezession. Der Aktienmarkt stürzte ab, knapp sieben Billionen Dollar der Anleger lösten sich in Luft auf. Innerhalb von zwei Jahren verloren fast neun Millionen Amerikaner ihren Job.

Die amerikanischen Steuerzahler bezahlten die Rechnung und der Gesetzgeber legte mit dem sogenannten Dodd-Frank-Act der Finanzbranche strengere Zügel an. Rund um den Globus fluteten die Notenbanken die Märkte mit Geld und senkten die Zinsen auf Null, in der Hoffnung: Unternehmen würden sich günstig Geld bei den Banken leihen, um zu investieren, Konsumenten, um zu konsumieren und so würde die Wirtschaft angekurbelt. Der Plan ging auf.

US-Wirtschaft floriert - nur schöner Schein?

Die amerikanische Wirtschaft wuchs die vergangenen Quartale mit über vier Prozent, die US-Unternehmen schreiben Quartal für Quartal neue Rekordgewinne, der Arbeitsmarkt vermeldet nahezu Vollbeschäftigung und die Kurse an der Wall Street eilen von einem Rekordhoch zum nächsten.

In den letzten Wochen haben gleich zwei US-Konzerne die Marktbewertung von einer Billion Dollar geknackt: Apple und Amazon. Das Barometer für die Verbraucherstimmung ist auf einem Zehn-Jahres Hoch. Der amerikanische Präsident Donald Trump freut sich auf Twitter über "großartige Ergebnisse". Selbst die amerikanische Notenbank äußert sich wiederholt optimistisch über die Wirtschaft.

Weltwirtschaftsforum 2018 in Davos: US-Präsident Donald Trump beim Dinnerm mit Unternehmenslenkern (Reuters/C. Barria)

Sieht die US-Wirtschaft auf Erfolgskurs: Präsident Donald Trump

Die Kehrseite: Staatsschulden auf Rekordhoch

Doch es gibt einen Wermutstropfen. Durch die lockere Geldpolitik ist der globale Schuldenberg von Haushalten, Unternehmen und Staaten seit dem Vorabend der Finanzkrise bis 2017 um 74 Prozent gewachsen und liegt dieses Jahr auf einem Rekordhoch von 247 Billionen Dollar. Das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Zum Vergleich: Die Wirtschaftsleistung der USA beträgt rund 19 Billionen Dollar. Allein im ersten Quartal 2018 wuchs der Schuldenberg laut dem Institute of International Finance um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Überhitzen des Kreditmarktes und einem anschließenden wirtschaftlichen Abschwung, sagt Itay Goldstein, der an der Universität zu Pennsylvania Finanzen unterrichtet.

Risikoreiche Unternehmens-Anleihen florieren

Die Nullzinspolitik hat noch einen weiteren Effekt: Sie macht risikoreiche Anleihen mit höherer Rendite attraktiver. Diese sogenannten Junkbonds, Ramsch-Kredite oder, etwas zahmer, "hochverzinsliche Anleihen" haben ein hohes Ausfallrisiko, etwa weil das ausgebende Unternehmen rote Zahlen schreibt. Und so sind unter den Krediten jede Menge dieser Junkbonds. Weltweit lag der Wert der ausgegeben Ramschanleihen zuletzt bei jährlich zwei Billionen Dollar - zweieinhalb mal so hoch wie in 2007.

"Je besser die Wirtschaft läuft, desto risikobereiter und optimistischer werden Anleger", meint Goldstein. Er hat untersucht, in welchem Ausmaß institutionelle Anleger wie Vanguard oder Black Rock das Geld ihrer Anleger in Zeiten ökonomischen Aufschwungs von sicheren zu risikoreichen Anlagen wie Junkbonds umschichten. Schaut man auf die Beliebtheit von Ramschanleihen fühlen sich Anleger momentan offenbar sehr sicher.

Gefahr durch hohe Schuldenberge

Die massiven Schuldenberge sind dann gefährlich, wenn sich Zahlungsausfälle mehren. Und die werden wahrscheinlicher, wenn die Zinsen so wie derzeit steigen. Denn den größten Teil ihrer Schulden werden Unternehmen tilgen, indem sie neue Schulden aufnehmen - zu einem neuen, höheren Zinsniveau. Das erhöht ihre Kosten.

Erschwerend kommt hinzu: Auch für Konsumenten steigen die Zinsen für Kreditkarten, Auto- und Haus-Darlehen. Im Zweifel schrecken sie vor Ausgaben und Krediten zurück und schnallen den Gürtel enger. Das Geld bleibt dann unterm Kopfkissen und landet nicht in den Kassen der Unternehmen. Das ist eine doppelte Belastung für diese, denn neben steigenden Kosten sinken ihre Einnahmen.

Und so sind dieses Mal nicht die Banken das Problem. "Die sind seit der Krise viel besser reguliert”, sagt Susan Lund, eine der Autorinnen der McKinsey Studie zur globalen Verschuldung. Der Schuldenberg, den die Unternehmen weltweit angehäuft haben, liegt bei 66 Billionen Dollar, so die Studie von McKinsey. In Kombination mit steigenden Zinsen, möglicherweise sinkender Nachfrage durch Konsumenten und einer müden Konjunktur dürfte das Problem dieses Mal hier liegen, warnen Ökonomen.

Ein Mitarbeiter der Bank Lehman Brothers verlässt am 15. September 2008 die Zentrale des Unternehmens in New York City (picture-alliance/AP Photo/L. Lanzano)

Ein Mitarbeiter von Lehman Brothers verlässt am 15. September 2008 die Zentrale des Unternehmens.

Aufgeblähte Aktienpreise

Und auch am Aktienmarkt zeichnen sich durch die hohe Verschuldung Risiken ab. Denn die Unternehmen haben mit dem geliehenen Geld vor allem eines getan: ihre eigenen Aktien gekauft. Aktienrückkäufe stehen derzeit auf Rekordniveau, die 500 im wichtigsten Wall Street-Index S&P 500 gelisteten Unternehmen werden dieses Jahr insgesamt eine Billionen Dollar in ihre eigenen Aktien stecken.

Das erklärt die Rekordpreise an der Wall Street, denn die Unternehmen erhöhen dadurch die Nachfrage nach ihren Aktien einfach selbst. Somit steigt auch der Gewinn pro Aktie und lässt sie dadurch noch attraktiver aussehen. Die europäischen Unternehmen werden allein in diesem Jahr 10 Milliarden Euro für Aktienrückkäufe ausgeben.

Am Ende eines Zyklus?

Die aktuelle Phase der Erholung ist die zweitlängste der amerikanischen Geschichte. Doch die Wirtschaft wächst und schrumpft zyklisch, sagen Ökonomen wie Lakshman Achuthan. Er ist Gründer des Economic Cycle Research Institute, das ökonomische Zyklen untersucht. Auf eine Krise wie die von 2008 folgen niedrige Zinsen. Konsumenten, Staaten, Unternehmen nehmen günstig Kredite auf, die Schulden wachsen, die Wirtschaft wächst. Um ein Überhitzen der Wirtschaft in Form von Inflation vorzubeugen, erhöht die Notenbank die Zinsen. Der Kreis schließt sich.

Achuthan glaubt daher, eine Abkühlung der amerikanischen Wirtschaft stehe bevor. Investoren geben ihm Recht: Der milliardenschwere Investor Ray Dalio ist Gründer des weltgrößten Hedgefunds Bridgewater Associates und glaubt, dass die amerikanische Wirtschaft noch nicht in einer Blase sei, aber kurz davor stehe. Das Risiko für eine Rezession noch vor der nächsten Präsidentschaftswahl 2020 sei mit 70 Prozent "relativ hoch".

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