Gastkommentar: Zehn Jahre nach der Weltfinanzkrise - Haben wir etwas gelernt? | Kommentare | DW | 14.09.2018
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Krisenjahr 2008

Gastkommentar: Zehn Jahre nach der Weltfinanzkrise - Haben wir etwas gelernt?

Die große Krise hallt bis heute nach. Doch weder die Wirtschaft selbst noch die Wirtschaftspolitik oder die Wirtschaftswissenschaften haben wirkliche Konsequenzen gezogen, meint der Ökonom Thomas Straubhaar.

Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an den 15. September 2008. Es war ein Montag. Am Wochenende zuvor hatten der damalige US-Finanzminister Henry Paulson, Fed-Chef Ben Bernanke und führende Köpfe der Wall Street verzweifelt und letztlich vergeblich einen Käufer für die Lehman-Bank gesucht, die nahezu pleite war. Lehman musste Konkurs anmelden. Ein Schuldenberg von 600 Milliarden US-Dollar blieb übrig. 25.000 Lehman-Angestellte verloren ihren Job und Millionen von Menschen große Teile ihrer Vermögen als die Börsenkurse weltweit abstürzten.

Als hätte ein Kurzschluss einen Totalausfall der Stromversorgung verursacht, verlor die Weltwirtschaft ihren Motor. Es folgte die tiefste Rezession der Nachkriegszeit. Die Produktion ging weltweit um mehr als zwei Prozent zurück, der Welthandel sank gar um über zehn Prozent. Nur dank der Verstaatlichung von Banken, der Sozialisierung privater Verluste und der weltweit angeworfenen Geldpressen aller Notenbanken konnte noch Schlimmeres verhütet werden.

New York City Lehman Brothers Zentrale (picture-alliance/AP Photo/L. Lanzano)

Von hier ging das Beben aus: die Zentrale von Lehman Brothers in New York

Die brutale Zerstörung einer ökonomischen Theorie

Der 15. September 2008 bleibt mir auch deshalb in unauslöschlicher Erinnerung, weil er eine ökonomische Theorie brutal zerstörte, an der ich vorher keine Zweifel hatte. Während meines Studiums an der Universität Bern hatte ich das Privileg, mit Jürg Niehans, Karl Brunner und Ernst Baltenperger von drei der klügsten und besten Geldtheoretiker ihrer Zeit ausgebildet zu werden. Sie überzeugten mich von den Grundsätzen des Monetarismus. Diese besagen, dass ein schnelleres Wachstum der Geldmenge als der Gütermenge (bei gleichbleibender Umlaufgeschwindigkeit des Geldes) zu entsprechend steigenden Preisen führen müsse, weil Güter im Vergleich zu Geld knapper und damit teurer würden.

Aber obwohl weltweit die Notenbanken die Finanzmärkte mit Geld fluteten und die Schockwellen bis heute nachhallen, gab und gibt es keine Inflation - trotz einer Geldmenge, die um Dimensionen stärker zugenommen hat als die Gütermenge. Ganz offenbar gilt ein zentrales Grundgesetz der Makroökonomik seit der Finanzmarktkrise nicht mehr: Eine stärker als die Gütermenge wachsende Geldmenge ist höchstens noch eine notwendige, nicht aber mehr eine hinreichende Bedingung für Inflation.

Gelddruck Giesecke & Devrient Auslieferung (Giesecke & Devrient)

Die Notenbanken weltweit haben seit 2008 die Märkte mit neuem Geld geflutet

Andererseits steigen die Preise für Vermögenswerte wie Aktien und Immobilien und damit auch die Wohnungsmieten, was gerade den Alltag weniger wohlhabender Teile der Bevölkerung durchaus substanziell verteuert. Das wiederum führt zu einer heftigen Diskussion, wie genau Inflation überhaupt zu messen sei: Sind hedonische Ansätze, die auch einen möglicherweise steigenden Nutzen bei teurer werdenden Gütern miteinbeziehen, bessere Maßstäbe? Oder sollte man nur auf die Kerninflation schauen, die Preisschwankungen bei saisonalen Produkten und Rohstoffen herauszufiltern versucht? Oder geht es um Vermögenspreise, die ansteigende Börsenkurse oder Häuserpreise abbilden? Auch hier hat die Finanzmarktkrise neue Fragen aufgeworfen, die noch auf Antworten warten.

Auch Finanzmärkte können versagen

Als wäre das Ende des Monetarismus nicht genug, musste ich mit dem 15. September 2008 auch noch von einem zweiten wirtschaftswissenschaftlichen Glaubenssatz Abschied nehmen. Denn in den Jahren davor hatten mich die Erkenntnisse amerikanischer Wirtschafts-Nobelpreisträger überzeugt, dass auf Finanzmärkten Effizienz die Regel und Marktversagen die Ausnahme sei. Die Deregulierung der Finanzmärkte zur Jahrhundertwende gründete auf eben dieser "Effizienzmarkthypothese": Börsenkurse würden stets alle verfügbaren Informationen rational und richtig widerspiegeln. Neue Informationen führten zu einer sofortigen Anpassung.

Abstieg der Ölpreise (picture alliance/AP Photo/R. Drew)

Der Effizienzmarkthypothese zum Trotz: Schocks bleiben nicht aus

Die Finanzmarktkrise hat die Effizienzmarkthypothese als theoretische Spielerei ohne empirischen Gehalt entlarvt. Erwartungen über die Erwartungen aller anderen Akteure haben das Verhalten auf Finanzmärkten vorangetrieben. Folge davon waren eine immanente Neigung zu Herdenverhalten und selbsterfüllenden Prophezeiungen: Erwarten die Marktakteure einen steigenden Preis, lockt dies Spekulanten an, die auf ansteigende Preise wetten. Dadurch steigt der Preis tatsächlich. Die anfänglichen Erwartungen werden scheinbar gerechtfertigt. Das wiederum provoziert neue Spekulanten zum Mitspielen. Wenn alle Akteure an das falsche Modell glauben, wird dieses scheinbar somit zunächst einmal "wahr". In der Realität jedoch ist es eine Reise nach Jerusalem, die dann abrupt zu Ende ist, wenn einzelne Investoren Kasse machen, andere das Vertrauen in weitere Preissteigerungen verlieren und Panikverkäufe die Blase platzen lassen.

Die Situation heute ist nicht stabiler und krisenfester

Die Finanzmarktkrise hat aufgedeckt, wie stark Eigeninteresse und Egoismen von Bankmanagern, Börsenhändlern, Ratingagenturen und Finanzinstituten zu gesamtwirtschaftlichen Verwerfungen geführt haben. Algorithmen des Hochfrequenzhandels kümmern sich nicht einen Deut um die Realität. Alles was sie interessiert, sind die Börsenkurse, die sie eine Nanosekunde zuvor selber errechnet hatten. Losgelöst von allen makroökonomischen Fundamentaldaten treiben somit Spekulanten die Güter-, Arbeits- und Kapitalmärkte wie einen Spielball vor sich her. Statt Schmieröl der realen Wirtschaft zu sein und dafür zu sorgen, dass Markttransaktionen reibungslos verlaufen, werden die Finanzmärkte zu Brandbeschleunigern und entfachen makroökonomische Brennpunkte zu weltwirtschaftlichen Flächenbränden.

USA Börse in New York (Getty Images/AFP/B. R. Smith)

Das Geschehen an der Börse bildet die Realwirtschaft nur noch bedingt ab

Nicht nur William White, der frühere Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, ist der Meinung, dass Wirtschaftspolitik und Wirtschaftswissenschaften in den vergangenen zehn Jahren wenig bis nichts aus der Lehman-Pleite gelernt haben. Womit ein noch größerer Crash als im September 2008 drohe. Vieles spricht dafür, dass die Situation heute nicht wirklich stabiler oder krisenfester ist als vor zehn Jahren. Unverändert bestehen gewaltige Defizite in Theorie und Praxis, wenn es darum geht, die disruptive Tragweite der Finanzmarktkrise gebührend zu würdigen. Noch immer nutzen Ökonomen viel zu oft veraltete Ideologien, um neue Realitäten verstehen und erklären zu wollen. Noch immer bedrohen und erschweren Eigendynamik, Eigeninteressen und falsche Überzeugungen ein beiderseits effektives Zusammenspiel von Finanzmärkten und Realwirtschaft. Noch hat die ökonomische Zeitenwende kaum einen Geisteswandel herbeigeführt - weder in Wirtschaft noch in den Wirtschaftswissenschaften.

Thomas Straubhaar ist ein Schweizer Ökonom und Migrationsforscher. Er ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Er war von 1999 bis 2014 Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Archivs (HWWA) und des daraus hervorgegangenen Hamburgischen Weltwirtschaftsinsituts (HWWI).

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