Nach dem Tod von George Floyd: Wenn Protest global wird | Welt | DW | 08.06.2020
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Bürgerrechtsbewegung

Nach dem Tod von George Floyd: Wenn Protest global wird

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis bewegt inzwischen Menschen weltweit - auch in Deutschland. Selbst Aktivisten sind überrascht über diese globale Resonanz.

Protestbanner am Berliner U-Bahnhof Mohrenstraße (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Protestbanner am Berliner U-Bahnhof Mohrenstraße

George Floyd war nicht der erste Schwarze, den weiße US-Polizisten bei einem Einsatz töteten. Trotzdem ist die Reaktion darauf dieses Mal viel intensiver; in den Vereinigten Staaten wie auch im Rest der Welt. In ungezählten Städten auf allen Kontinenten kamen allein an diesem Wochenende insgesamt Hunderttausende zusammen, um gegen systemischen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren.

Neue Rassismus-Debatten

"Das hat mich wirklich überrascht", sagt Tahir Della. Der 58-Jährige ist im Bundesvorstand der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) aktiv, einer der ältesten Interessengruppen des Landes. Ihn überrascht, "dass das jetzt so eine durchschlagende Öffentlichkeit erreicht, dass so viele Menschen sich weltweit solidarisieren", und dass plötzlich über "systemischen Rassismus" in der breiten Öffentlichkeit debattiert wird.

Black-Lives-Matter-Protest in München (picture-alliance/Zumapress/S. Babbar)

Black-Lives-Matter-Protest in München

So viele Medienanfragen wie in diesen Tagen habe die ISD noch nie gehabt, sagt Della. Aber insgesamt habe sich, seit er sich vor 33 Jahren in dem Bündnis zu engagieren begann, einiges getan: Schwarze Menschen forderten inzwischen aktiver ihr Mitspracherecht in der Gesellschaft ein, sagt Della. Es gibt nun afrodeutsche Landtags- und Bundestagsabgeordnete sowie Europa-Parlamentarierinnen. Doch angesichts der - Schätzungen zufolge - einer Million schwarzen Bürger in Deutschland - sind diese in der Öffentlichkeit offensichtlich immer noch unterrepräsentiert.

Wandel erhält Einzug

Andere Länder seien in ihrer Definition von Rassismus weiter als Deutschland, sagt Della: "Es gibt immer noch das Verständnis, dass Rassismus oder rassistisches Handeln erst dann auch so zu bezeichnen ist, wenn eine Intention nachweisbar ist." Tatsächlich seien rassistische Handlungen jedoch auch ohne Absicht möglich, weil dies von Kindesbeinen anerzogen werde.

Tahir Della | Inititiative Schwarze Menschen in Deutschland (DW)

Tahir Della

Tahir Della arbeitet auch als Fachreferent eines öffentlich finanzierten Berliner Programms, wo er sich mit Antirassismus und Postkolonialismus beschäftigt. Als Fortschritt wertet er auch die Wortwahl nach dem Anschlag in der hessischen Stadt Hanau im Februar, bei dem ein Attentäter acht Menschen mit Migrationshintergrund ermordete: "Damals wurde zum ersten Mal von den Medien das Wort Rassismus in dem Kontext für den Täter verwendet", früher sei in solchen Fällen von "Ausländer-" oder "Fremdenfeindlichkeit" gesprochen worden. Diesen Wandel führt Della auch auf die andauernde Lobbyarbeit verschiedener Verbände zurück.

Junge, politisierte Generation

Doch die größere Sensibilisierung erklärt nur zu einem Teil, warum der Tod George Floyds weltweit so starke Reaktionen hervorruft. Della vermutet, "dass da jetzt ganz viele Sachen zusammenkommen, die für ein internationales Echo sorgen": Die heftige Reaktion in den Vereinigten Staaten, und auch die Corona-Pandemie, die den durchschnittlich ärmeren und schlechter mit Gesundheitsleistungen versorgten schwarzen Menschen in den USA besonders heftig zusetzt. Nicht zuletzt das Amateurvideo, auf dem festgehalten wurde, wie ein weißer Polizist minutenlang auf Floyds Hals kniet, dieser "I can't breathe" röchelt, er könne nicht atmen, schließlich bewusstlos wird.

George-Floyd-Internetvideo (picture-alliance/AP Photo/D. Frazier)

George-Floyd-Internetvideo

Das Video ist auch aus Sicht von Aladin El-Mafaalani ein wichtiger Faktor für die globalen Reaktionen. Der Dortmunder Soziologe hatte in seiner nordrhein-westfälischen Heimatstadt eine Demonstration besucht und sich daraufhin gefragt, wie es sein könne, dass ein geografisch so weit entferntes Ereignis mehr Menschen auf die Straße bringt als entsprechende Geschehnisse in Dortmund selbst. Dort erschoss im April 2006 die Neonazi-Terrorgruppe "NSU" den Kioskbetreiber Mehmet Kubaşık. Dass es sich dabei um einen Fall in einer rassistischen Mordserie handelt, wurde im November 2011 bekannt.

Die größere Anteilnahme im Fall George Floyd sei dadurch zu erklären, so Mafaalani, weil das Video insbesondere auf Instagram viele junge Menschen erreicht habe - "eine neue Generation, die auch durch Fridays for Future vernetzter ist und eine neue Kultur des Demonstrierens entwickelt hat". Der Dortmunder Soziologe geht davon aus, dass die heutigen Schülerinnen und Schüler "täglich mit dem amerikanischen Präsidenten konfrontiert werden, mit Dingen, die im Zusammenhang mit AfD, Rechtspopulismus und Ähnlichem passieren, und die entsprechend auf eine ganz andere Art und Weise politisiert sind".

Zustände in Europa

Die Proteste machten von Beginn an deutlich, dass rassistische Polizeigewalt kein alleiniges Problem der USA sind. Die Initiative Death in Custody recherchiert zu Fällen, bei denen schwarze Menschen und andere sogenannte People of Color in Deutschland in Gewahrsam ums Leben gekommen sind - seit 1990 sind es laut Angaben der Gruppe mindestens 159 gewesen.

Der sicherlich bekannteste Fall ist der von Oury Jalloh, der 2005 in Dessau in Sachsen-Anhalt bei einem Brand in seiner Gewahrsamszelle starb. Gutachten zufolge wurde er vor seinem Tod schwer misshandelt, beim Feuer kamen demnach Brandbeschleuniger zum Einsatz.

Das Vertrauen von Schwarzen und People of Color in die Polizei sei am Schwinden, glaubt Tahir Della, "weil bei den Menschen immer noch das Gefühl vorherrscht, die Polizei ist nicht umfassend für mich da. Ich kann mich nicht ohne Angst und Furcht beschweren oder um Hilfe bitten - und das muss wiederhergestellt werden."

Della steht im Austausch mit Initiativen in anderen europäischen Ländern, die alle einst Kolonialstaaten waren. Auch dort gebe es konkrete politische Kampagnen gegen rassistische Polizeiarbeit. "Es gibt da sehr viele Parallelen trotz der Tatsache, dass die Gesellschaften sehr sehr unterschiedlich sind."

Proteste trotz Corona

Was in den USA unter dem Motto #BlackLivesMatter - "schwarze Leben zählen" - ausgetragen wird, ist in praktisch allen Ländern Thema, in denen schwarze Menschen diskriminiert werden. Tahir Della freut sich, dass sich auch Teile der Mehrheitsgesellschaft anschlössen, "aber nicht in paternalistischer Form, sondern in solidarischer Form".

Nur der Zeitpunkt ausgerechnet während der Corona-Pandemie mache ihn "zwiegespalten", sagt Della. Zwar tragen viele Demonstranten Mundschutz - in den großen Menschenmengen sind epidemiologisch sinnvolle Mindestabstände aber kaum einzuhalten. Della fordert deshalb von Organisatoren und Teilnehmer der Kundgebungen Besonnenheit: "Achtet bitte drauf, dass das mit im Blick bleibt, dass es hier nicht wieder zu einem Ansteigen der Infektionszahlen kommt."

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