Mutter der Nation? | Live aus Westeros | DW | 15.09.2014
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Game of Thrones – 20 Jahre DW Online

Mutter der Nation?

Der Personenkult um Daenerys Targaryen

Die Perspektive verrät vieles. Daenerys Targaryen blickt von ihrem Balkon an der Spitze ihrer Pyramide auf Meereen herab - nach Astapor die zweite Metropole der Sklavenbucht, die vor dem Ansturm ihrer Truppen kapitulierte. Die uralte Stadt unter dem Zeichen der Harpyie liegt ihr buchstäblich zu Füßen. Ebenso aussagekräftig ist der Blick zurück: Der Blick des Meereener Bürgers, der aus den labyrinthischen Gassen der antiken Großstadt zu seiner neuen, uneingeschränkten Herrscherin aufsieht. Dass die beiden Blicke sich je treffen, ist aus vielen Gründen unwahrscheinlich. Dass der namenlose Meereener die Freiheit je wird genießen können, die ihm versprochen wurde, ist gleichermaßen fraglich.

Daenerys I., die Unwahrscheinlichste

Daenerys Targaryen, von ihren Bewunderern "Khaleesi" genannt, war nur wenige Jahre zuvor vollkommen unbekannt. Als Urenkelin von König Aegon „dem Unwahrscheinlichen" hat die schmächtige Blondine sogar beste Chancen, ihrem berühmten Ahnen den Titel abzuringen. Denn während Aegon zumindest theoretisch Teil der Erbfolge war, schien Daenerys durch eine simple Tatsache von jeglicher Machtposition ausgeschlossen - seit Robert Baratheons Rebellion hielt man die Schwester des Kronprinzen Rhaegar Targaryen für tot.

Die vermeintliche Ermordung von Daenerys und ihrem Zwillingsbruder Viserys erwies sich als eine der am meisten kolportierten Lügen einer an Lügen nicht armen Gesellschaft. Und als eine der langlebigsten: so überzeugt waren Presse und Öffentlichkeit, dass nicht einmal die Hochzeit der angeblich Toten mit dem berüchtigten Warlord Khal Drogo beachtet wurde.

Von der Trophy Wife zum Superstar

Diese Verbindung, die dem ebenfalls höchst lebendigen Viserys Targaryen die Loyalität von Khal Drogo sichern sollte, brachte Daenerys nicht nur ihren heutigen Titel "Khaleesi" ein. Drei versteinerte Dracheneier, die ihr während der Zeremonie überreicht wurden, erwiesen sich als das gefährlichste Hochzeitsgeschenk seit Pandoras Büchse. Denn während "Khaleesi" binnen weniger Monate auf mysteriöse Weise sowohl ihren Mann als auch ihren Bruder verlor, gelang es ihr, diese drei Eier zu reaktivieren. Damit war eine Teenagerin auf einen Schlag nicht nur Anführerin des räuberischen Nomadenstamms der Dothraki, sondern auch im Besitz dreier Massenvernichtungswaffen.

Zu einer ernstzunehmenden Spielerin im "Spiel der Throne" wurde die junge Targaryen jedoch erst, als sie die Kontrolle über eine Söldnerarmee in Astapor übernahm. Ein solches Geschäft hatte man schlicht für unmöglich gehalten, da die frischgebackene "Khaleesi" nur über geringe Vermögensreserven verfügte. Ihre Lösung war ebenso einfach wie erschreckend: Im Tausch gegen ein Heer war Daenerys übereinstimmenden Berichten zufolge bereit, ihren Geschäftspartnern den größten der drei Drachen zu überlassen. Auch wenn sich dieser Deal schließlich als von langer Hand geplanter Betrug herausstellen sollte – die Tatsache, dass die Drachen als Verhandlungsmasse angesehen werden, versetzte Proliferationsexperten weltweit in Aufregung. Dass Geheimdienste zudem nicht in der Lage waren, diesen Griff nach der Macht in der Sklavenbucht zu prognostizieren, wirft erneut die Frage nach deren Wirksamkeit auf.

Mit Unterstützung der Söldnertruppe der „Unbefleckten“ unterwarf Daenerys zunächst Astapor und schließlich das stolze Meereen. Von der dortigen Bevölkerung, die sich zu einem nicht unerheblichen Teil in einem Zustand der Leibeigenschaft befand (und damit der Sklavenbucht erst ihren Namen gab), wurde sie als Befreierin gefeiert. Die kaltblütige Ermordung der bis dahin herrschenden Oligarchen hat jedoch das Bild der prinzipientreuen Kämpferin für die Freiheit schwer beschädigt.

Fragwürdige Mittel

Heute wird Daenerys Targaryen als treusorgende „Mhysa“ (Mutter) der unterprivilegierten Astapori verehrt. Seit sie offiziell die Tagesgeschäfte der Stadt übernommen und die große Pyramide bezogen hat, ist diese Mutter für ihre „Kinder“ aber nur noch eine ferne, unnahbare Erscheinung. Aufgerieben zwischen den verschiedenen Fraktionen der früheren Machthaber und mit schwindender Kontrolle über ihre Drachen konfrontiert, sah sich die unwahrscheinliche Herrscherin außerdem gezwungen, sich von einem ihrer engsten Berater zu trennen.

Die mächtigste Frau der Welt gründet ihren Einfluss weiter auf ihre drei Drachen und auf unbedingten Gehorsam. Ob sie diese Taktik bis nach Königsmund auf den Eisernen Thron bringt, der einst ihrem Großvater gehörte, wird die Zukunft zeigen.

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