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Musik

Mit Beethoven groß geworden: Schott-Musikverlag

Gaby Reucher
18. Juni 2020

Beethoven war für den Musikverlag Schott ein Glücksfall, Wagner hat Nerven und Geld gekostet. Bis heute pflegt Schott Music seine zeitgenössischen Komponisten, die immer öfter aus dem Ausland kommen.

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Gemälde zeigt Beethoven beim Komponieren
Bild: picture-alliance/akg-images

"Der Verlag der Verlage", so wird "Schott Music" auch genannt, und darauf ist Verlagsleiter Peter Hanser-Strecker stolz. "Im Jubiläumsjahr freuen wir uns darüber, dass mittlerweile 50 - teils schon im 19. Jahrhundert gegründete - Verlage zur Schott-Gruppe gehören und hier mit ihren Werken eine neue verlegerische Heimat gefunden haben." Schott Music ist der führende Musik- und Musikbuchverlag in Deutschland mit internationalen Tochterfirmen weltweit.

Porträt des Musikverlegers Dr. Peter Hanser-Strecker
Verlagsleiter Peter Hanser-Strecker setzt sich auch für internationale Komponisten einBild: Schott Music

Über 400 Musikverlage gehören zum Deutschen Musikverleger-Verband (DMV), rund 130 widmen sich der sogenannten klassischen oder "ernsten" Musik. Darunter ist auch der älteste Musikverlag der Welt, Breitkopf & Härtel, der schon Johann Sebastian Bach unter Vertrag hatte. "Von daher verfügt Deutschland international gesehen über die traditionsreichste Musikverlagskultur", sagt Birgit Böcher, Geschäftsführerin des DMV. "Auch heute zählen deutsche Musikverlage zu den international anerkanntesten, wenn es um das Papiergeschäft geht".

Verlagsgründer Bernhard Schott auf einem Gemälde
Verlagsgründer Bernhard Schott und seine Söhne waren begabte "Notenstecher"Bild: Schott Music

Beethoven, ein Glücksfall

Der Schott-Verlag, der 1770 von dem Notenstecher und Klarinettisten Bernhard Schott gegründet wurde, gehört zu den traditionsreichen Verlagen der Branche und ist in sechster Generation in Familienbesitz. Seinen großen Durchbruch Anfang des 19. Jahrhunderts verdankt der Verlag Ludwig van Beethoven, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr ebenfalls gefeiert wird. Bei Schott ließ der weltberühmte Komponist seine "Missa Solemnis" und vor allen Dingen seine "Neunte Sinfonie" verlegen.

"Wir waren der 32. und letzte Verleger von Beethoven", erzählt Unternehmenssprecherin Christiane Albiez im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Er war ein schwieriger Verhandlungspartner. Und ein Stück wie die 'Neunte Sinfonie' - in einem solchen sinfonischen Ausmaß und dann auch noch gesungen - zu verlegen war sicher auch ein Risiko." Damals habe man noch nicht absehen können, welch ein Quantensprung diese Sinfonie gewesen sei.

Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt Peter Hanser-Strecker neben Ludwig Strecker (Schott Söhne)
Peter Hanser-Strecker übernahm die Verlagsleitung von seinem Großvater Ludwig StreckerBild: Schott Söhne

Internationalität ist Programm

Schon früh ließ sich der Schott-Verlag auch im Ausland nieder. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es Filialen in Brüssel, Paris und London, 1840 öffnete der Verlag Büros in Sydney und Melbourne. Heute agiert Schott auf den wichtigsten internationalen Märkten mit Niederlassungen, etwa in London, Madrid, New York, Tokio und Peking. "Die Internationalisierung, das war für mich eines der wichtigsten Themen", erzählt Peter Hanser-Strecker, der seit über 45 Jahren in der Geschäftsleitung des Verlags ist. "Als ich im Verlag in leitender Position war, habe ich als erstes in New York und in Tokio zwei Niederlassungen aufgemacht."

Wie in Japan, so wird auch in China klassische Musik westlicher Prägung sehr geschätzt. Für das Büro in Peking ebnete Beethoven den Weg. "Da wir die 'Neunte Sinfonie' neu verlegt haben und die Komponisten in China das erfahren haben, haben sie gesagt: 'In dem Verlag wollen wir auch verlegt werden.' Das hat es uns leichter gemacht, und insofern sind wir da sehr glücklich", sagt Hanser-Strecker.

Verlagsgebäude von Schott Music Mainz
Hauptsitz von Schott Music: der Serenadenhof in MainzBild: Schott Music

Weltweit beschäftigt Schott Music rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 30 in den internationalen Büros. "Mit unseren verschiedenen Büros im Ausland versuchen wir die musikalischen Stimmen anderer Gesellschaften und Kulturen kennenzulernen und in unser Portfolio zu integrieren. Das spielt auch heute noch in unserer Firmenphilosophie eine wichtige Rolle", sagt Christiane Albiez, die in der Geschäftsleitung unter anderem für Aufführungsrecht und Lizenzen zuständig ist.

Kein Verlag ohne seine Komponisten

Seit seiner Gründung hat der Schott-Verlag mit zeitgenössischen Komponisten gearbeitet, auch das ist bis heute so geblieben. "Die Erfolgsgeschichte eines Verlages bemisst sich immer an den Erfolgen seiner Komponisten", sagt Chistiane Albiez. Ohne die Komponisten, für die wir arbeiten durften, wäre eine solche Erfolgsgeschichte über 250 Jahre überhaupt nicht denkbar gewesen."

Porträt von Richard Wagner (Schott Söhne)
Richard Wagner kostete den Schott Verlag zwar Nerven, brachte ihm aber auch viel Geld einBild: Schott Söhne

Einer, der am meisten zum Erfolg von Schott beigetragen hat, war Richard Wagner. "Wagner hat den Schott-Verlag vor bis dahin unbekannte Herausforderungen gestellt. Er wollte einen Vorschuss auf noch nicht geschriebene und nicht einmal konzipierte Werke für ein noch nicht gebautes Opernhaus, nämlich Bayreuth", sagt Albiez. Vom Verlag habe er Geldsummen verlangt, die bis dahin völlig unvorstellbar gewesen seien. Doch der Erfolg gab ihm Recht und ließ auch beim Schott-Verlag die Kassen klingeln. Wagner blieb dem Verlag sein Leben lang treu und ließ sein gesamtes kompositorisches Werk bei Schott verlegen.

Unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts waren unter anderen Paul Hindemith und Carl Orff prägend. Schott hat Orffs gesamtes Schulwerk verlegt. Mittlerweile ist seine Anleitung zu einem spielerischen Umgang mit Instrumenten weltweit in 36 Sprachen übersetzt. "Das ist eine der wichtigsten Schülerpädagogiken, die wir haben und auch weiter betreiben", sagt Hanser-Strecker. Gerade gäbe es Gespräche, diese Pädagogik auch an den Schulen in China einzuführen. "Viele Institutionen haben dort bereits im Sinne von Orff etwas aufgebaut, ohne dass es eigentlich Orff ist."

Jubiläum in Corona-Zeiten

Neben Spiel- und Unterrichtsliteratur, Urtextausgaben, Konzert- und Opernliteratur vertreibt der Verlag auch Musikbücher, Fachzeitschriften und Tonträger und deckt mit E-Books und Apps alle Bereiche des Musiklebens ab.

Die Musikerziehung liegt Verlagsleiter Peter Hanser-Strecker dabei besonders am Herzen. "Das war für mich mein ganzes Leben lang ein wichtiges Thema, dass wir an der Quelle anfangen müssen, das Publikum, die zukünftigen Hörer und die Musiker gut ausbilden."

Titelblatt der "Neuen Zeitschrift für Musik" aus dem Jahr 1967 (Schott Söhne)
Die schon von Robert Schumann herausgegebene "Neue Zeitschrift für Musik" ist bis heute Teil des VerlagsprogrammsBild: Schott Söhne

Die hauseigene Strecker-Stiftung macht sich besonders für die Musikerziehung stark und will gerade Kindern aus sozial schwächeren Familien im wahrsten Sinne des Wortes eine Stimme geben. "Das Singen ist gerade für Kinder aus Migrationsfamilien eine wunderbare Möglichkeit, ihre eigenen Lieder mitzubringen und ihre eigene Identität zu zeigen. Das fördert das gegenseitige Verständnis und den Zusammenhalt in der Klasse", ist Peter Hanser-Strecker überzeugt. Das entsprechende Projekt "Singen ist Klasse" will der Verlag im Jubiläumsjahr mit 250.000 Euro unterstützen.

Doch auch Schott wurde von der Corona-Krise hart getroffen. "Bei uns, wie auch bei anderen Musikverlagen, gab es durch Corona einen niemals vorhersehbaren Einbruch der Einnahmen. Wir können uns im Moment noch nicht vorstellen, wie wir das auffangen sollen", sagt Christiane Albiez. Anlässlich des Jubiläums hat der Verlag immerhin Entdeckungen aus dem Notenarchiv neu editiert, in der Reihe "Joy of Music". Außerdem erscheint in Kürze das Buch "Die Schott Music Group: 250 Jahre Verlagsgeschichte". Die Feierlichkeiten sind allerdings auf unbestimmte Zeit verschoben oder müssen sogar ganz ausfallen, sagt Christiane Albiez. "Für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist das eine herbe Enttäuschung."