#MeToo: Gericht verurteilt Harvey Weinstein wegen Vergewaltigung zu 23-jähriger Haftstrafe | Kultur | DW | 11.03.2020
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Urteil

#MeToo: Gericht verurteilt Harvey Weinstein wegen Vergewaltigung zu 23-jähriger Haftstrafe

Zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden zahlreicher sexueller Übergriffe hat ein New Yorker Gericht den früheren Film-Mogul Harvey Weinstein zu 23 Jahren Haft verurteilt. Die Enthüllungen lösten die #MeToo-Bewegung aus.

Mit der Verkündung des Strafmaßes endete am Mittwoch (11. März 2020) nicht nur ein Gerichtsprozess. Unmittelbar vor der Verkündung des Strafmaßes richtete sich Weinstein US-Medienberichten zufolge zum ersten Mal seit Beginn des Prozesses selbst an Richter und Opfer. "Ich fühle große Reue gegenüber euch allen", sagte er. "Ich fühle große Reue gegenüber allen
Frauen. Ich fühle wirklich Reue für diese Situation. Ich fühle es tief in meinem Herzen. Ich versuche es wirklich, ich versuche wirklich, ein besserer Mensch zu sein." Die Vorwürfe hätten ihn "verwirrt". Vieles würde er heute anders machen, sich zum Beispiel mehr um seine Kinder kümmern, die er nun wohl nie wieder sehen werde.

Das Urteil ist zugleich ein Erfolg und im besten Fall eine Genugtuung für Dutzende Frauen, die von Weinstein sexuell belästigt worden sein sollen. Es ist der vorläufige Schlusspunkt hinter ein schmutziges System von Macht, Abhängigkeit und Ausbeutung, das Weinstein über Jahrzehnte gepflegt hatte, ehe es im Oktober 2017 durch Medienberichte zum Einsturz gebracht wurde.

Zuerst hatte damals die "New York Times" über sexuelle Belästigungen von und Schweigegeld-Zahlungen an Mitarbeiterinnen und Schauspielerinnen berichtet. Wenige Tage später folgte ein Artikel von Ronan Farrow im Magazin "The New Yorker", in dem mehrere Weinstein-Opfer von sexuellen Belästigungen und Vergewaltigungen berichteten.

In Folge der Berichterstattung fassten mehr als 100 Frauen den Mut, sich als sexuelle Opfer des Hollywood-Moguls erkennen zu geben. Auch Frauen, die Weinstein zurückgewiesen hatten, meldeten sich: sie seien daraufhin aus Filmprojekten gestrichen worden. Zudem soll Weinstein anderen Studios empfohlen haben, die jeweiligen Schauspielerinnen nicht mehr zu besetzen. Farrow sowie die "New York Times"-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey erhielten für ihre Enthüllungen den Pulitzer-Preis.

USA Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey (Getty Images for Hearst Magazines/T. Wargo)

Sie brachten den Stein ins Rollen: Die "New York Times"-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey enthüllten Weinsteins Praktiken.

Offenes Geheimnis

Ihre Beiträge waren die ersten substanziellen Artikel zur Causa Weinstein, die innerhalb der Unterhaltungsindustrie Hollywoods schon immer ein offenes Geheimnis war. Neue Mitarbeiterinnen in Weinsteins Produktionsfirma wurden vor dem Chef gewarnt, auf Preisverleihungen und selbst in TV-Serien wie "30 Rock" oder "Action" gab es eindeutige Anspielungen auf dessen berüchtigte Besetzungscouch. Dennoch wagten nicht einmal etablierte Größen des Filmgeschäfts, Weinsteins Verhalten publik zu machen - und machten sich zu Mittätern.

Die US-Schauspielerin Alyssa Milano etablierte nach Bekanntwerden des Skandals auf Twitter den Hashtag #MeToo (deutsch: "Ich auch") und forderte alle Frauen mit ähnlichen Erfahrungen dazu auf, sie öffentlich zu teilen - sie sprach Weinsteins Opfer ebenso an wie Frauen weltweit, die sexuelle Belästigung erfahren haben. Anfang 2018 gründeten mehr als 300 prominente Frauen die Initiative Time's up gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, die sich auch an Frauen aus anderen Berufen richtet und diesen juristischen Beistand bietet.

Weinstein selbst war wenige Tage nach den Enthüllungen im Oktober 2017 von seinen Vorstandskollegen als Chef der Produktionsfirma The Weinstein Company ("The King's Speech", "Django Unchained") abgesetzt worden. Im März 2018 meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Zahlreiche Verbände schlossen Weinstein aus, darunter die Filmakademien, die den britischen Filmpreis Bafta, die TV-Auszeichnung Emmy sowie den Oscar vergeben. Letztere schloss ein halbes Jahr später auch Bill Cosby und Roman Polanski aus, nachdem sie in Folge des Weinstein-Skandals ihren Verhaltenskodex überarbeitet hatte. In der Diskussion über Maßnahmen für den Schutz vor sexueller Gewalt kamen Vorwürfe gegen andere Prominente an die Öffentlichkeit, darunter Kevin SpaceyPlacido Domingo und auch Asia Argento, die ihrerseits zu den Anklägerinnen Harvey Weinsteins zählte.

Medien- und Filmgewerkschaften formulierten Leitfäden, um in der Branche zu mehr Sicherheit beizutragen, und rieten von Arbeitstreffen in Hotelzimmern ab. Dort hatte Weinstein, bevorzugt in einen Bademantel gekleidet, zahlreiche Frauen empfangen, die zu seinen Opfern wurden.

 #MeToo-Demonstration in New York (picture-alliance/Pacific Press/E. McGregor)

Weltweit schlossen sich Frauen und Männer der #MeToo-Bewegung an. Die Schauspielerin Alyssa Milano hatte den Hashtag nach Bekanntwerden des Skandals auf Twitter etabliert.

Bereits kurz nach den Enthüllungen hatten mehrere Behörden Ermittlungen eingeleitet, viele Fälle waren strafrechtlich jedoch bereits verjährt und konnten nicht zur Anklage gebracht werden. Weil der US-Bundesstaat New York Verjährungsfristen für nach dem Jahr 2001 begangene Sexualstraftaten 2006 aufgehoben hatte, musste sich Weinstein dort für die Vergehen an drei Frauen vor Gericht verantworten.

Nachdem im Mai 2018 die Anklage gegen Weinstein verlesen wurde, kam der damals 66-Jährige gegen Zahlung einer Kaution frei, die zunächst eine Million Dollar betrug, später aber auf fünf Millionen Dollar erhöht wurde. Zudem musste Weinstein eine Fußfessel tragen und seinen Pass abgeben. Außergerichtlich verhandelten die Anwälte des früheren Produzenten mit weiteren Opfern über Entschädigungszahlungen.

Inszenierung als gebrochener Mann

Der Prozessauftakt folgte nach mehreren Aufschüben am 6. Januar 2020 in New York. Weinstein präsentierte sich als gebrochener Mann, lief nach einer Rücken-OP in Folge eines Autounfalls am Rollator, was viele Beobachter als Inszenierung interpretierten. Vor Gericht verweigerte er die Aussage. Weil es noch vor Beginn des Verfahrens nach widersprüchlichen Aussagen Zweifel an der Glaubwürdigkeit einer der drei Frauen gab, um deren Missbrauchsfälle es vor Gericht gehen sollte, wurden schließlich nur noch jene Anklagepunkte verhandelt, die sich auf die anderen beiden Frauen bezogen.

Im Verfahren berichteten sechs Hauptzeuginnen mit teils drastischen Details von ihren Erfahrungen. Ihre Aussagen ergaben das Muster eines Mannes, der seine Machtposition in der Filmindustrie systematisch ausnutzte, um sich Frauen gefügig zu machen und sie zum Geschlechtsverkehr zwang, wenn sie nicht einwilligten. Weinsteins Verteidigung beharrte darauf, dass jeglicher Sex einvernehmlich erfolgt sei.

Gerichtszeichnung von Harvey Weinstein im Gerichtssaal (Reuters/J. Rosenberg)

Sieben Wochen dauerte der Prozess gegen Weinstein in New York. Dann verurteilten ihn die Geschworenen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung.

Nahe an der Höchststrafe: 23 Jahre Haft

Am 24. Februar 2020 sprach die zwölfköpfige Jury Weinstein schließlich in zwei Anklagepunkten schuldig: wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Vom Vorwurf des "raubtierhaften sexuellen Angriffs", der womöglich eine lebenslange Haft zur Folge gehabt hätte, sprach ihn die Jury frei. Seit dem Schuldspruch saß Weinstein in Haft, wo er sich nach Herzproblemen einem kleineren Eingriff unterzog.

Vor der Verkündung des Strafmaßes hatten Weinsteins Verteidiger den Vorsitzenden Richter gebeten, die Gesundheit und das Alter ihres Mandanten zu berücksichtigen.Sie erachteten eine Strafe von fünf Jahren Gefängnis - das Mindeststrafmaß - als angemessen. Tatsächlich muss Weinstein als überführter Vergewaltiger nun aber eine 23-jährige Haftstrafe verbüßen. Damit liegt die verhängte Strafe näher an der möglichen Höchststrafe von 29 Jahren. 

Der New Yorker Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance bedankte sich nach der Verkündung des Strafmaßes bei dem Gericht "für eine Strafe, die eine Warnung an alle Sexualstraftäter und gewalttätigen Partner in allen Bereichen der Gesellschaft" sei. Die Schauspielerin Mira Sorvino, die Weinstein ebenfalls sexuelle Übergriffe vorwirft, kommentierte per Twitter, sie habe "Tränen des Staunens und des Dankes" geweint. Das Justizsystem habe diesmal für alle Opfer gearbeitet. 

Weinsteins Verteidiger kündigten hingegen bereits an, gegen das Urteil in Revision zu gehen.  Star-Anwältin Donna Rotunno bezeichnete die Strafe als "obszön" und "lächerlich".Schon während des Prozesses hatten sie dem Richter Befangenheit vorgeworfen.  

Bei einem erneuten Prozess in New York könnte es zu Terminproblemen kommen, denn zeitgleich mit dem dortigen Prozessauftakt hatte die Staatsanwaltschaft von Los Angeles Anfang Januar wegen zweier mutmaßlicher Sexualverbrechen Anklage gegen Weinstein erhoben. Noch ist unklar, ob es in Los Angeles ebenfalls zu einem Gerichtsverfahren kommen wird.

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