Meinung: Wenn Angela Merkel wegen Corona die Fassung verliert | Kommentare | DW | 26.01.2021
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COVID-19

Meinung: Wenn Angela Merkel wegen Corona die Fassung verliert

Glaubt man der "Bild"-Zeitung, ist Bundeskanzlerin Angela zurzeit entsetzt über den deutschen Kampf gegen die Pandemie. Ist uns das Virus wirklich entglitten? Jens Thurau kommentiert.

Sitzt Deutschland in der Corona-Pandemie auf einem "Pulverfass"? Ist den Verantwortlichen "das Ding entglitten"? Wenn nur die Hälfte der Zitate stimmt, die laut der "Bild"-Zeitung aus einer internen Schalte Angela Merkels mit den Bundesländern stammen, dann erleben wir gerade eine Kanzlerin, der die Geduld endgültig abhanden gekommen ist. "Wir müssen noch strenger werden, sonst sind wir in 14 Tagen wieder da, wo wir waren", soll Merkel gesagt haben.

Wie angefasst die Kanzlerin mittlerweile ist, zeigt ihre Reaktion auf die nach wie vor große Reiselust der Menschen in Deutschland. "Weihnachten sind 50.000 auf die Kanaren und die Malediven geflogen", soll sie gesagt haben. Und weiter: Hundertmal habe sie die Frage gestellt, warum man solche Reisen nicht einfach verbieten könne? Und bekomme dann die auf frühere DDR-Bürger gemünzte Antwort, dass Deutschland eben ein freies Land sei. Wenn die Worte so gefallen sein sollten und Merkel tatsächlich stets diese Antwort bekommt, ist sie zu Recht verletzt. Auch die teils rechtsextremen Corona-Leugner verweisen ja gern auf Merkels DDR-Biografie, wenn sie die von ihnen als unzumutbar empfundenen Einschränkungen der Bürgerrechte in der Pandemie anprangern.

Merkels Nervenstärke ist legendär

Ist Deutschland das Ding entglitten? Fest steht, dass die Infektionszahlen aktuell wieder leicht sinken, aber offenbar nicht schnell genug, bevor gefährliche Mutationen des Virus sich auch in Deutschland weiter verbreiten. Fest steht auch, dass viel Zeit verloren wurde bei der mühsamen EU-Genehmigung des Impfstoffes, der jetzt nur verzögert geliefert wird. Und es ist ein beunruhigendes Zeichen, wenn die Kanzlerin, deren Nervenstärke über viele Jahre in unzähligen Verhandlungen zu diversen Themen legendär ist, wenn diese Frau die Fassung verliert.

Thurau Jens Kommentarbild App

DW-Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Merkel ist im Januar 2021 das, was die Amerikaner eine "lame duck" nennen. Sie hört im Herbst auf im Kanzleramt. Alle wissen das, auch deshalb hat ihr Wort offenbar nicht mehr das Gewicht wie in früherer Zeit. Zumal für die Umsetzung aller Beschlüsse im Wesentlichen die Bundesländer zuständig sind. Viele der Ministerpräsidenten aber, mit denen Merkel verhandeln muss, wollen wiedergewählt werden und wissen, dass die Menschen der Pandemie müde sind und Lockerungen herbeisehnen.

Merkel aber will am Ende ihrer Kanzlerschaft nicht als eine dastehen, die auf den letzten Metern ihrer Regierungszeit an der Bewältigung der Pandemie gescheitert ist. Nachdem sie erst die Finanzkrise überstanden hat, dann die heftigen Auseinandersetzungen um die vielen Flüchtlinge im Herbst 2015 sowie in den Jahren danach. Und dann war da auch noch Donald Trump, dessen Präsidentschaft für Merkel das Gegenteil eines Vergnügens war.

Jammern auf sehr hohem Niveau

Außerdem ist Merkel, sicher nicht ganz zu Unrecht, der Ansicht, dass die Menschen in Deutschland in der Pandemie - vorsichtig gesprochen - auf sehr hohem Niveau jammern. Auch der jetzige Lockdown, der nun endlich erste Wirkung zeigt, ist bei Weitem nicht so streng wie ähnliche Beschränkungen etwa in Italien, Spanien oder Frankreich. Mit anderen Worten: Geschlossene Restaurants, abgesagte Flugreisen und ein paar Wochen ohne einen frischen Haarschnitt hält diese Kanzlerin einfach mal für zumutbar. Womit sie allerdings sicher nicht das Schicksal vieler Restaurantbesitzer und Kulturschaffenden meint, die wie tausende andere Selbstständige und deren Angestellte um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.

Die Pandemie in Deutschland ist ein Rennen gegen die Zeit. Der schleppende Impfstart ist einfach nur ärgerlich, mehr Beschränkungen als die, die es aktuell bereits gibt, sind kaum durchsetzbar. Dazu hat das verwirrende Hin und Her unzähliger Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin zu sehr an den Nerven aller gezerrt. Bleibt fast nur die Hoffnung, dass die Schreckensszenarien über die Mutationen des Virus sich nicht ganz bewahrheiten. Im Moment steht Deutschland aber reichlich ratlos da. Der Frühling jedenfalls und mit ihm eine langsame Wiederkehr zur Normalität scheint noch weit weg zu sein.

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