Meinung: Vom Scheitern der Reformer | Sport | DW | 08.10.2020
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Kommentar

Meinung: Vom Scheitern der Reformer

Ja, der DFB nun wieder. Der nächste Skandal. Wer die Steuervorwürfe gegen den Fußball-Bund so deutet, übersieht ein größeres Problem: Es ist fast unmöglich, als Sportfunktionär "den Laden aufzuräumen", so Marko Langer.

Ein eingeschriebener Brief des Finanzamtes oder ein Anruf des Finanzamtes für Steuerstrafsachen ( .... ja, so etwas gibt es) kann in Sportvereinen hektische Betriebsamkeit auslösen. Und bei den Vorständen schlaflose Nächte. Eine Steuernachzahlung ist da noch das kleinste Übel, selbst wenn der Verein das Geld nicht hat. Was wird aus der Gemeinnützigkeit? Was denken die anderen Mitglieder? Und stehe ich - als persönlich haftendes - Vorstandsmitglied vielleicht schon vor Gericht, wenn nicht sogar mit einem Bein im Gefängnis? So ist es im Kleinen.

Ruhe bewahren?

Die führenden Figuren im Deutschen Fußball-Bund (DFB) dürften sicher etwas entspannter auf die Razzia am Mittwoch reagiert haben. Sind sie doch Ärger gewohnt, die meisten haben gute Rechtsanwälte. Eine der Persönlichkeiten, in dessen Privathaus am Mittwoch die Razzia stattfand, war sogar selbst einmal Justizminister. Ruhe bewahren, alles bekannte Geschichten, es wird schon nichts passieren. 

Es ehrt den ja immer noch recht frischen DFB-Präsidenten Fritz Keller, dass er in seiner Stellungnahme darauf verwies, dass er sich erst einmal einen Überblick verschaffen müsse. Und dass er - und damit sind wir aber wieder bei den üblichen Reflexen - den Steuerbehörden und Ermittlern bei der Staatsanwaltschaft umfassende Kooperation zusagte. 

Marko Langer Kommentarbild App PROVISORISCH

Marko Langer, DW-Autor

Keller ist im September 2019 angetreten, um den DFB wieder in ruhigere Fahrwasser zu steuern. Nur einige Stichworte: der Vorgänger, der diese teure Uhr angenommen hat. Die 6,7 Millionen Euro, die nicht nur das Sommermärchen verdorben, sondern auch die einstige Lichtgestalt des deutschen Fußballs fast zu einer Unperson gemacht haben. Der Zwist zwischen Profis und Amateuren. Die millionenschwere und - wie sich mehr und mehr herausstellt - mit vielen strategischen Problemen belastete (langweilige) DFL. Und, und, und.

Keller wird inzwischen nachdenklich sein. Und vielleicht erinnert er sich daran, wie sein Vorvorvorgänger Wolfgang Niersbach einmal begonnen hat. Auch er war, Sportjournalist, nicht Berufsfunktionär, einmal unkonventionell gestartet. Auch mit seiner Person verbanden sich viele Hoffnungen. Heute wird Niersbach froh um den wegen Verjährung eingestellten Prozess in der Schweiz und um jeden Vorwurf sein, der ausgeräumt werden kann. Man mag sich einen solchen Sportmanager im Ruhestand nur bedingt als glückliche Person vorstellen. 

Eine Kanzlei, die nächste Kanzlei ...

Es ist, so zeigt das Beispiel DFB einmal mehr, in diesen Zeiten des milliardenschweren Business Profisport eine Herkules-Aufgabe, einen Verband zu sanieren, aufzuräumen, aufzuklären. Unter Kellers Ägide bemüht sich inzwischen eine Kanzlei (Esecon) unter anderem das zu überprüfen, was eine andere Großkanzlei (Freshfields) schon einmal ... überprüft hat. 

Kein Wort mehr

Der DFB ist da kein Einzelfall. Sebastian Coe, der beim Leichtathletik-Weltverband IAAF einmal als Reformer angetreten ist, verheddert sich zunehmend und musste zuletzt mit ansehen, wie die Diskussion um die südafrikanische Läuferin Caster Semenya (Mann? Frau? Was denn?) die ganze Organisation in Misskredit brachte. Im Welttennis sind die Verbände ITF, WTA, ATP in herzlicher Abneigung verbunden, der frühere ATP-Chef Chris Kermode, der die Dinge für die männlichen Profis nach vorne brachte, wurde unter tatkräftiger Mithilfe von Novak Djokovic von seinem Posten entfernt. Den DOSB kann man nur schwer als Zentrum von Reformen bezeichnen, wenn ein verbandsferner Manager wie Michael Mronz die nächste Olympiabewerbung für Deutschland vorantreibt. Womit wir beim IOC wären. Und das ist ein gutes Ende für diesen Kommentar: IOC und Reformen? Kein Wort mehr.  

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