Erneut Verdacht der Steuerhinterziehung beim DFB | Sport | DW | 07.10.2020
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Fußball

Erneut Verdacht der Steuerhinterziehung beim DFB

Wieder steht der Deutsche Fußball-Bund im Fokus der Ermittler: Staatsanwälte klingeln in den Morgenstunden bei Deutschlands größtem Sportverband und bei führenden Verbandsvertretern - und lassen sich nicht abweisen.

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Steuerfahnder beim DFB

Den Tag des Länderspiels gegen die Türkei hatte man sich anders vorgestellt: Wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in besonders schweren Fällen hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main die Geschäftsräume des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sowie Privatwohnungen von Verantwortlichen des Verbandes durchsucht. An der Aktion in Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz waren insgesamt rund 200 Beamte beteiligt, wie die Behörde in Frankfurt mitteilte.

Vermögensverwaltung?

Dabei gehe es um Erlöse aus Heim-Länderspielen der Fußball-Nationalmannschaft. "Die wegen des Verdachts der fremdnützigen Hinterziehung von Körperschafts- und Gewerbesteuern in besonders schweren Fällen geführten Ermittlungen richten sich gegen sechs ehemalige bzw. gegenwärtige Verantwortliche des DFB", so die Ermittler. "Ihnen wird zur Last gelegt, Einnahmen aus der Bandenwerbung von Heim-Länderspielen der Fußball-Nationalmannschaft aus den Jahren 2014 und 2015 bewusst unrichtig als Einnahmen aus der Vermögensverwaltung erklärt zu haben." Damit sei der Verband einer Besteuerung in Höhe von etwa 4,7 Millionen Euro entgangen. 

Schweiz Bellinzona Prozess um Fußball-WM 2006 Wolfgang Niersbach

Nach dem Prozess in der Schweiz gibt es nun neue Anschuldigungen für die Zeit von Niersbachs DFB-Präsidentschaft

Namen der Verdächtigen nannte die Behörde nicht. Präsident des größten Sportfachverbandes der Welt und des größten Einzelverbandes im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) war damals Wolfgang Niersbach, der wegen des immer noch nicht restlos aufgeklärten "Sommermärchen"-Skandals um die WM 2006 zurücktrat. "Nach den bisherigen Ermittlungen besteht der Verdacht, dass die Beschuldigten von dieser steuerlichen Unrichtigkeit wussten, sie aber bewusst wählten, um dem DFB hierdurch einen Steuervorteil von großem Ausmaß zu ermöglichen", erklärte Oberstaatsanwältin Nadja Niesen in der Pressemitteilung.

Die "Bild"-Zeitung schreibt, dass auch der zurückgetretene Verbandschef Reinhard Grindel von der Hausdurchsuchung betroffen gewesen sei. Bestätigt ist das nicht. Auch den Namen des Präsidenten von Borussia Dortmund (BVB), Reinhard Rauball, nennt das Blatt, ebenso den von DFB-Vize Rainer Koch. Rauball hatte zwischenzeitlich auch Verantwortung im Verband, war bis September 2019 kommissarischer Präsident des DFB. Die Staatsanwaltschaft nannte, wie gesagt, keine Namen.

Die Trennung von Infront

Im Mittelpunkt steht die Zusammenarbeit des Fußball-Verbands mit seiner langjährige Schweizer Vermarktungs-Agentur Infront. Beide Seiten hatten kürzlich ihre Zusammenarbeit nach fast 40 Jahren beendet. Begründet wurde dies in Frankfurt mit Ergebnissen einer kritischen Untersuchung des Beratungsunternehmens Esecon. Laut einem Ermittlungsbericht von Esecon habe die Firma Infront 2013 vom DFB den Zuschlag für die Beschaffung von Bande-Werbepartnern für die Spiele der Nationalelf erhalten, obwohl ein Konkurrent bis zu 18 Millionen Euro mehr geboten habe. Schon das wirkte merkwürdig. 

Ging so der Trick? 

Die Erklärung der Staatsanwaltschaft zu den aktuellen Vorwürfen kann so gedeutet werden: Möglicherweise hat der DFB das Geschäft mit den Werbebanden an Infront verpachtet, um Steuerzahlungen zu entgehen. Die Anklagebehörde erklärt im einzelnen: "Durch Vertrag vom 11. Dezember 2013 soll der DFB die Rechte zur Vergabe der Werbeflächen in den Spielstätten von Länderspielen der Fußball-Nationalmannschaft für den Zeitraum 2014 bis 2018 an eine schweizerische Gesellschaft verpachtet haben.

Fußball DFB Länderspiel in Frankfurt | Adidas Werbung

Steuerrelevanter Einnahme-Faktor: Werbebanden bei Nationalspielen

Dieser Gesellschaft soll allerdings bei der Auswahl der Werbepartner kein Handlungsspielraum verblieben sein", hieß es nun von der Staatsanwaltschaft: "Vielmehr soll sie sich verpflichtet haben, die Exklusivität des Generalsponsors und des Generalausrüsters der Nationalmannschaft zu berücksichtigen und keine Rechte an deren Konkurrenten zu vergeben. Stattdessen soll der DFB trotz der Verpachtung der Rechte über seine Sponsorenverträge aktiv bei der Vergabe der Bandenwerbeflächen mitgewirkt haben." Generalausrüster war schon damals die Firma Adidas. 

Infront? Keine Kenntnis ...

Infront wies nach der Razzia beim DFB die steuerliche Verantwortung von sich. Man sei von den Ermittlungen nicht betroffen, teilte das Unternehmen mit. Es habe auch keine Durchsuchungen von Geschäfts- oder Privaträumen von Mitarbeitern gegeben. "Die steuerliche Deklaration von Einnahmen aus Vermarktungsverträgen ist Sache des Empfängers, also des ursprünglichen Rechtehalters DFB. Infront hat keine Kenntnis darüber, wie die betreffenden Einnahmen aus Bandenwerbeverträgen auf Seiten des DFB steuerlich behandelt wurden", erklärte Infront-Kommunikationschef Jörg Polzer.

Folgen des "Sommermärchen"-Skandals

Das ist die graue Gegenwart. Im Rückblick hat der DFB zudem immer noch mit den Folgen des erwähnten "Sommermärchen"-Skandals zu kämpfen. Bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft ist noch ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung anhängig. Die juristischen Nachwehen der WM 2006 drehen sich um eine dubiose und immer noch nicht aufgeklärte Zahlung von 6,7 Millionen Euro. Diese hatte der damalige WM-OK-Chef Franz Beckenbauer 2002 als Darlehen vom inzwischen verstorbenen Unternehmer Robert Louis-Dreyfus erhalten. Der DFB überwies die Summe im April 2005 an den Weltverband FIFA als Beitrag für eine später nie stattgefundene Gala.

DFB-Integrationspapier Türkiyemspor Berlin

Als Reformer und Aufklärer aufgetreten: der heutige DFB-Präsident Fritz Keller

Einen Überblick verschaffen

Das Verfahren unter anderem gegen drei ehemalige Top-Funktionäre des DFB in der Schweiz war Ende April wegen der Verjährung eingestellt worden. Auf Antrag des aktuellen DFB-Chefs Fritz Keller will der Verband die damaligen Vorgänge aber noch einmal eingehend untersuchen lassen. Zu den neuen Vorwürfen sagte Keller, er wolle "vollumfänglich kooperieren". Im Rahmen der Bundespressekonferenz zu einer Initiative "Meine Stimme gegen Hass" erklärte Keller am Mittwoch: "Ich bin für Aufklärung, um eine saubere Zukunft für den Fußball zu haben." Er betonte aber auch, er müsse sich nun erst einmal einen Überblick verschaffen, Fachleute kontaktieren und bei der Staatsanwaltschaft nachfragen.

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