Meinung: #MeToo in Ägypten - Fluch oder Segen? | Kommentare | DW | 20.09.2020
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Frauenrechte

Meinung: #MeToo in Ägypten - Fluch oder Segen?

Die Vergewaltigung einer Frau in Ägypten hat eine neue #MeToo-Bewegung ausgelöst, die Sexualstraftäter zur Rechenschaft ziehen will. Doch plötzlich stehen die Opfer selbst in der Kritik, kommentiert Wafaa Al Badry.

Ägypten Protest gegen sexuelle Belästigung

Protest gegen Gewalt an Frauen und sexuelle Belästigung in Ägypten

Der ägyptische #MeToo-Moment begann, als in den Sozialen Medien plötzlich verstärkt von erfolgreichen Frauenrechtskampagnen berichtet wurde. Dann kamen Blogs, in denen Frauen anonym über ihre Erlebnisse sprechen konnten, für die sie sich in der Öffentlichkeit schämten. Und weil sie soziale und wirtschaftliche Nachteile fürchteten, wenn ihre Namen bekannt würden.

Die ägyptische Regierung verabschiedete ein Gesetz, das Opfern, die sexuelle Übergriffe offen legen, Anonymität garantierte. Der Nationale Frauenrat des Landes forderte Opfer und Zeugen zur Zusammenarbeit auf und garantierte ihnen Schutz. Die Sozialen Medien hatten in einer Region mit schrumpfenden Ausdrucksmöglichkeiten einen ruhmreichen Moment. Frauenrechtlerinnen konnten einen ihrer seltenen Siege feiern.

Der Wind hat sich wieder gedreht

Doch nach der Verhaftung von Zeugen der "Fairmont-Vergewaltigung", einem aufsehenerregenden Fall von Gruppenvergewaltigung, hat sich der Wind wieder gedreht. Auf einmal wurden die Sozialen Medien in einer umgekehrten #MeToo-Welle zum öffentlichen Pranger für die Opfer, Zeugen und ihre Unterstützer. Es hagelte Drohungen. Videos der mutmaßlichen Vergewaltigung wurden "zum Vergnügen" geteilt, sogar auf Pornoplattformen tauchten sie auf. Andere private Videos von Zeugen wurden im Netz veröffentlicht, um deren Glaubwürdigkeit zu untergraben. Das Opfer und die Zeugen wurden massiv für ihren Lebensstil kritisiert und dafür, dass sie gerne auf Partys gingen.

Deutschland Berlin | DW Journalistin | Wafaa Albadry

DW-Redakteurin Wafaa Al Badry

In einem Land, in dem Frauen von ihren Familien verstoßen, diskreditiert und sozial isoliert werden, nur weil sie sexuellen Missbrauch anzeigen, haben sie kaum noch Möglichkeiten. Eine Anzeige bei der Polizei bedeutet, zu entwürdigenden Jungfräulichkeits- oder Analtests gezwungen zu werden, wie es im Fall "Fairmont" geschehen ist.

Die Filmemacherin Salma Eltarzi veröffentlichte kürzlich einen langen persönlichen Essay in der unabhängigen Online-Zeitung 'Mada Masr'. Sie beschrieb, wie sie selbst eine Vergewaltigung durchleben musste und ihre Verwirrung und Angst danach. Der Artikel verbreitete sich rasend schnell in den Sozialen Medien. Sie erhielt viel Zuspruch. Doch Eltarzi erntete auch Kritik, regelrecht angegriffen, ihre Gefühle und Motive wurden in Frage gestellt.

Das Schicksal jeder betroffenen Frau ist politisch

Als aufmerksame Beobachterin habe ich erlebt, wie Frauen Hasstiraden, Hexenjagden und Diffamierungen ausgesetzt waren. Ich kenne auch die Forderung, dass Frauen "glaubwürdigere" Zeugen finden sollten, um über sexuelle Gewalt zu sprechen, anstatt auf anonyme Zeugenaussagen in den Sozialen Medien zu verweisen. All dies führt jedoch nur dazu, dass sich weniger Frauen zu Wort melden und immer neue Frustration entsteht.

Der #MeToo-Moment hat sich inzwischen auf andere Länder in der Region ausgebreitet. Mit ihm aber auch ein Gefühl der Verzweiflung. In einem herausfordernden politischen und sozialen Umfeld versuchen Frauen, einen Raum zu schaffen, in dem sie ihren Erfahrungen Ausdruck verleihen können. Die Opfer allein haben das Recht, den Weg und das Medium für ihre Enthüllungen auszuwählen. Die Gesellschaft muss sich aber auch darüber klar werden, welche Nachteile Frauen erfahren, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen oder ihre Identität preisgeben. Das Schicksal jeder einzelnen dieser Frauen ist politisch - es ist für jede Frau und ihre Sicherheit von Bedeutung. Die Sozialen Medien sind der Raum, um genau diese Fragen zu diskutieren.

Frauen müssen weiter mutig bleiben

Trotz ihrer zunehmenden Verzweiflung müssen Frauen auch weiter den Mut aufbringen, Alternativen zu finden - vom anonymen Bloggen bis hin zur Eröffnung von Gruppendiskussionen zu Tabufragen wie "Was ist einvernehmlicher Sex? Und was nicht?". Frauen müssen in diesem #MeToo-Moment selbstverständlich die Sozialen Medien nutzen.

Und diejenigen, die wirklich Veränderungen in der Region wollen, müssen darüber nachdenken, wie sie Hass und Häme im Netz bekämpfen und ahnden können. Vor allem aber müssen sie aufhören, bestimmen zu wollen, wo, wann und wie sich Frauen zu Wort melden. Sondern vielmehr gegen diejenigen vorgehen, die versuchen, jeden Fortschritt von Frauen zu untergraben und sie allein zu Opfern zu machen.

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