Meinung: Debatte über Sputnik in Deutschland kommt zur Unzeit | Kommentare | DW | 09.04.2021
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Impfkampagne

Meinung: Debatte über Sputnik in Deutschland kommt zur Unzeit

Deutsche Politiker wollen im Alleingang den russischen Impfstoff bestellen. Dabei liegt eine Zulassung noch in weiter Ferne. Das ist Populismus, findet Jens Thurau.

Eines vorweg: In der gegenwärtig fast schon verzweifelten Corona-Lage in Deutschland, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern, sollte eigentlich jede Hilfe willkommen sein, auch die aus Russland, auch die bei der Bereitstellung von Impfstoffen. Wenn täglich Menschen sterben, weil die EU zu wenig Impfstoffe bestellt hat oder immer wieder an seiner schwerfälligen Bürokratie scheitert, dann ist Flexibilität und Improvisation gefordert.

Aber deshalb gleich auf den russischen Impfstoff Sputnik V setzen, wie es etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nun tut? Der hat seinem Bundesland in einem Vorvertrag rund 2,5 Millionen Dosen gesichert, obwohl das Serum von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA noch gar nicht zugelassen ist.

Erhebliche Bedenken, nicht nur Zweifel

Die EMA hat nämlich erhebliche Bedenken, ob die bisher bekannten und aus Russland bereitgestellten Informationen über den Impfstoff und seine Wirksamkeit seriös sind. Dem Wunsch der EMA, sich in Russland selbst Informationen zu beschaffen, begegnet Moskau nur zögerlich.

Und in der Slowakei haben 200.000 Sputnik-V-Dosen für eine handfeste Regierungskrise gesorgt: Erst bestellte die Regierung unter viel Getöse das Serum, jetzt gibt die nationale Arzneimittelbehörde den Impfstoff nicht frei. Mit einer Begründung, die auch Söder oder andere deutsche Politiker, die mit dem russischen Impfstoff liebäugeln, alarmieren sollte: Der Impfstoff, der jetzt vorliege, so die Behörde, unterscheide sich von demjenigen, dem eine Fachzeitschrift noch im Februar eine Wirksamkeit von über 90 Prozent bescheinigt hatte.

Politik in heller Panik

Eigentlich zeigt der hektische Versuch, an russischen Impfstoff zu gelangen, nur, wie groß die Panik ist, die die deutsche Politik befallen hat. Die Infektionszahlen steigen rasant, die aktuellen Zahlen nehmen Experten wegen der Ostertage, in denen einfach weniger Daten übermittelt wurden, nicht mehr ernst. Ein Fiasko für die Glaubwürdigkeit der Corona-Politik im Bund und in den Ländern. Längst schauen die Experten auf die schnell steigende Belegung der Intensiv-Betten in den Kliniken, und von dort kommen schrille Hilferufe. 

Kommentatorenfoto Jens Thurau

DW-Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Deutschland leistet sich eine Debatte um die Sinnhaftigkeit weiterer Beschränkungen und Lockdowns, die im Kern kaum noch ein Bürger versteht. Eine weitere Konferenz der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten am nächsten Montag ist abgesagt worden. Erst in dieser Woche konnten die Hausärzte in Deutschland mit dem Impfen beginnen, obwohl sie seit langen ihre Bereitschaft dazu verkündet hatten.

Und in dieser Lage können einzelne Politiker wie eben Söder der Versuchung nicht widerstehen, mit dem Ruf nach dem russischen Impfstoff Schlagzeilen zu produzieren. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will mit Russland über Sputnik V sprechen, was auch immer das konkret heißt.

AstraZeneca sollte als Beispiel reichen

Das Beispiel des britisch-schwedischen Impfstoffes von AstraZeneca hätte doch eigentlich genügen müssen. Der Impfstoff wird breit in Europa eingesetzt, vor allem in Großbritannien, auch in Deutschland. Und die EMA hat erst vor wenigen Tagen noch einmal erklärt, dass sie weiter auf das Serum setzt, auch wenn es zu Hirnvenenthrombosen in einzelnen Fällen bei Geimpften gekommen ist.

In Deutschland wird der Impfstoff nun nur noch an über 60 Jahre alte Personen ausgegeben. Wieder ein Momentum erheblicher Verunsicherung bei der Bevölkerung. Und in solch einer Situation setzen dann deutsche Politiker auf einen Impfstoff, dessen Datenlage noch nicht einmal klar feststellbar ist?

Karikatur der EU-Flagge mit dem russischen Sputnik V Impfstoffes

Russland hat nichts dagegen, wenn die Diskussion um den Sputnik V-Impfstoff die EU spaltet

Dass Russland die Not in Europa auch zum eigenen geopolitischen Vorteil ausnutzen will, darf nicht verwundern. Sputnik V wird etwa in Ungarn breit eingesetzt, der Spalt in der EU zwischen Ungarn und Deutschland und Frankreich etwa lässt sich so vertiefen. Aber nicht einmal das müsste langfristig und grundsätzlich ein Hindernis sein, um auch aus Russland stammende Seren in Europa einzusetzen. Aber jetzt die in Europa zuständige Behörde einfach zu umgehen, ist fahrlässig.

Lieber alle Bürger schnell einmal Impfen

Warum denkt man nicht weiter: Das Virus, sagen viele Experten, wird wohl nicht verschwinden, vielleicht müssen wir viele Jahre mit einer, vielleicht zwei Impfungen pro Jahr leben. Da ist die EU mit 450 Millionen Einwohner gut beraten, alle verfügbaren Impfstoffe in Betracht zu ziehen. Wenn die Daten stimmen, wenn eine ordnungsgemäße Zulassung vorliegt. Und aktuell sollten die Politiker angesichts der dramatischen Lage doch lieber überlegen, dem britischen Beispiel zu folgen und möglichst schnell alle Bürger mit einer Erstimpfung mit den vorhandenen Impfstoffen zu versehen.

Das bietet keinen umfassenden, aber doch weitgehenden Schutz und würde nach Ansicht vieler Experten die Infektionszahlen und vor allem die dramatischen Krankheitsverläufe reduzieren. Aber dafür scheint es zur Zeit keine Mehrheit zu geben, vielleicht fehlt auch die Kraft für einen solchen Befreiungsschlag, der den Kurs in der Impf-Kampagne entscheidend verändern würde. Stattdessen leistet sich Deutschland diese Sputnik-Phantom-Debatte. Es ist ein Jammer.