Ungarn: Sinopharm und Sputnik statt EU-Impfplan | Europa | DW | 17.02.2021
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Corona-Pandemie

Ungarn: Sinopharm und Sputnik statt EU-Impfplan

Nach dem russischen wird in Ungarn bald auch mit dem chinesischen Wirkstoff geimpft. Premier Viktor Orbán will schneller sein als der Rest der EU. Doch Ärzte und Bevölkerung sind skeptisch.

Eine junge Frau mit asiatischen Gesichtszügen, die ein blaue Atemschutzmaske und eine gleichfarbige Kopfbedeckung aus Plastik trägt, hält zwei Spritzen in den Händen

Ein Sinopharm-Mitarbeiterin inspiziert Impfstoff-Spritzen in einer Verpackungsanlage in Peking im Dezember 2020

Auf Budapests Straßen scheint der neue Impfstoff aus China bisher noch nicht viele Anhänger gefunden zu haben. Eine Frau in übergroßer Daunenjacke und Bommelmütze, die ihren Hund entlang des Kossuth-Platzes führt, winkt ab. "Ich glaube nicht daran", sagt sie. Impfen lassen will sie sich mit dem vom chinesischen Staatskonzern Sinopharm entwickelten Wirkstoff "Vero" nicht.

Balázs Boldog sieht das ähnlich. "Ich würde den chinesischen Impfstoff nur nehmen, wenn es keine andere Option gibt - aber die gibt es ja", sagt der 45-Jährige. Er zeigt auf das ungarische Parlamentsgebäude auf der anderen Seite des Platzes. "Sie wollen uns diesen Impfstoff aufzwingen, ohne wissenschaftliche Erkenntnisse darüber zu haben."

Arbeiter in gelben und organge-farbenen Jacken entladen ein Flugzeug

Ankunft der ersten Dosen des Sinopharm-Impfstoffs auf dem Flughafen von Budapest am 16.02.2021

Monatelang hatte die ungarische Regierung mit einem chinesischen Impfstoff geliebäugelt. Nun ist er da: 550.000 Dosen "Vero" landeten am Dienstag dieser Woche auf dem Budapester Flughafen. Ende Januar hatte Ungarn den chinesischen Impfstoff als erstes und bislang einziges EU-Land zugelassen. Insgesamt fünf Millionen Dosen sollen innerhalb der nächsten vier Monate eintreffen. Damit könnten 2,5 Millionen Menschen im Land geimpft werden - rund ein Viertel der ungarischen Bevölkerung.

Bis Ostern könne man mithilfe des chinesischen Vakzins alle Menschen impfen, die sich bislang online für eine Impfung registriert haben, erklärte Premierminister Viktor Orbán in einem Interview mit dem staatlichen "Kossuth Rádió". Bevor die Lieferung aus Peking allerdings an die Ärzte weitergegeben werden könne, werde sie vom Zentrum für Nationale Volksgesundheit (NNK) geprüft.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Sinopharm-Wirkstoff fehlen

Auch den russischen Impfstoff Sputnik V hat die ungarische Regierung bereits zugelassen - ebenfalls als einziges Land in der EU. Seit vergangenem Freitag wird Sputnik V laut Landeschefärztin Cecília Müller in vier Budapester Krankenhäusern verabreicht. Insgesamt zwei Millionen Dosen sollen in den kommenden drei Monaten nach Ungarn geliefert werden. Anfang Februar hatte das Fachjournal "The Lancet" dem russischen Impfstoff nach der vorläufigen Analyse der Phase-III-Studie eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent bescheinigt.

Blick auf zwei Kabinen, in der ersten steht eine blonde Frau in weißer Schutzkleidung mit dem Rücken zum Betarchtenden,votr ihr sitzt eine weitere Frau mit Atemschutzmaske, die ihren rechten Ärmel hochgekrempelt hat, so dass der nackte Arm inklusive Schulter zu sehen ist

Eine Frau vor der Impfung mit dem Sinopharm-Impfstoff in der serbischen Hauptstadt Belgrad am 21.01.2021

Ähnliche belastbare Erkenntnisse gibt es über den Sinopharm-Wirkstoff noch nicht. China hat dessen Wirksamkeit mit 79,3 Prozent beziffert, die Vereinigten Arabischen Emirate sprechen von 86 Prozent. Bislang hat Sinopharm in 13 Ländern weltweit eine Notfallzulassung erhalten und wurde laut ungarischer Regierung 30 Millionen Menschen verabreicht. In Europa wird der Impfstoff bislang nur in Serbien gespritzt. Nun folgt Ungarn.

Kritik an EU-Impfstrategie

Die Zulassung des Sinopharm-Wirkstoffs, wie auch die von Sputnik V, erfolgte ohne vorherige Genehmigung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). EU-Mitgliedsstaaten dürfen eigenständig Notfallzulassungen für Impfstoffe erteilen. Seit Wochen kritisieren Mitglieder der ungarischen Regierung die vermeintlich lahmende Impfkampagne der Europäischen Union.

Rechts im Bild ist ein Mann mit grauen Haaren zu sehen, der einen blauen Anzug und eine schwarze Atemschutzmaske trägt, auf der eine kleine rot-weiß-grüne Trikolore zu sehen ist

Ungarns Premier Viktor Orbán verlässt am 16.10.2020 das Gebäude des Europäischen Rats in Brüssel

In einer Rede vor dem ungarischen Parlament am Montag erklärte Premier Orbán, Ungarn brauche alle Impfstoffe, die es bekommen könne, um Menschenleben und Arbeitsplätze vor dem Coronavirus zu schützen. Bereits einige Tage zuvor hatte er außerdem angedeutet, auch in Zukunft nicht auf die Zulassung von Impfstoffen durch die EMA warten zu wollen: "Unsere Fachleute sind mindestens genauso gut wie jeder der europäischen Experten. Ich vertraue der Untersuchung der Brüsseler Gesundheitsbehörde nicht mehr als der ungarischen, ja umgekehrt, ich vertraue der ungarischen mehr als der Brüsseler".

Impfstoffbeschaffung mit politischem Kalkül?

Kritiker werfen Orbáns Regierung indes vor, mit der Zulassung von Impfstoffen ein politisches Kalkül zu verfolgen. Seit Jahren liegt Ungarn im Streit mit der EU um die Einhaltung von Rechtsstaatlichkeitsprinzipien. Gleichzeitig näherte sich die ungarische Regierung Russland und China an. "Orbáns Politik hier ist eher von geopolitischen Posen geprägt als von wirklichen gesundheitlichen Bedenken", sagte der Grünen-Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer der DW.

Ein Mann mit Brille und graue Haaren, der ein blaues Jacket, ein weißes Hemd und eine grün-blaue oder grün-schwarze Krawatte trägt, blickt in die Kamera. Hinter ihm ist ein Fenster zu sehen

Der Grünen-Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer im Europaparlament in Straßburg am 12.01.2021

"Die Impfstoffbestellungen passen gut in Orbáns euroskeptische Agenda und gleichzeitig kann er damit die russische und chinesische Führung zufriedenstellen", sagt auch Politikwissenschaftler András Bíró-Nagy, Direktor des Budapester Thinktanks Policy Solutions. Wichtiger sei dem ungarischen Premierminister allerdings, mit Blick auf die Wahlen im nächsten Jahr um jeden Preis den Lockdown beenden und die Wirtschaft wieder ankurbeln zu können, so Bíró-Nagy im Gespräch mit der DW.

Ärzte und Bevölkerung weiter skeptisch

Derartige Vorwürfe wies Orbán in seiner Rede am Montag zurück - und warf seinen Kritikern vor, den ungarischen Alleingang zu benutzen, um seine Regierung zu diffamieren. Niemand solle die Impfung politisch instrumentalisieren und damit "versuchen, seine Loyalität gegenüber Brüssel oder Amerika zu beweisen".

Ungarns Bevölkerung aber bleibt skeptisch bezüglich des chinesischen Impfstoffs. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Medián ergab, dass nur rund ein Viertel aller Impfwilligen bereit wäre, sich den Sinopharm-Wirkstoff spritzen zu lassen. Sputnik V würden demnach 43 Prozent der Befragten akzeptieren, 84 Prozent vertrauten den im Westen entwickelten Vakzinen.

Kritik aus Ärztekammer und Opposition

Experten fürchten, dass die Zulassung des Sinopharm-Wirkstoffs die allgemeine Impfbereitschaft in Ungarn senken könnte. Die ungarische Ärztekammer (MOK) kritisierte zudem, das Spritzen eines nicht ausreichend getesteten Impfstoff könne bei vielen Ärzten zu "einer ernsthaften Gewissenskrise" führen.

Auch aus der Opposition kommt Kritik. In einem Brief an Gesundheitsminister Miklós Kásler forderten die Budapester Bezirksbürgermeister der Oppositionspartei DK (Demokratikus Koalíció), in den von ihnen regierten Bezirken nur von der EMA zugelassene Impfstoffe spritzen zu dürfen. Der ungarischen Regierung warfen sie vor, die Gesundheit der Bevölkerung für politische und wirtschaftliche Interessen aufs Spiel zu setzen.

Viktor Orbán selbst hat hingegen keine gesundheitlichen Bedenken. Mehrfach betonte er, dass jeder Impfstoff besser sei, als täglich Tote zu riskieren. Er persönlich vertraue dem Sinopharm-Wirkstoff, erklärte Orbán: "Ich werde warten bis ich an der Reihe bin und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich den chinesischen Impfstoff wählen."

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