Mein Europa: Wenn die Ukraine fällt, ist die Republik Moldau dran | Europa | DW | 26.03.2022
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Gastkolumne

Mein Europa: Wenn die Ukraine fällt, ist die Republik Moldau dran

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat sich ein schwarzer Schatten über die Republik Moldau ausgebreitet, schreibt der moldauische Schriftsteller Vitalie Ciobanu. Plötzlich ist alles unsicher und zerbrechlich.

Vitalie Ciobanu

Vitalie Ciobanu

Am 24. Februar 2022 wachte ich schon um vier Uhr morgens auf. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Aus Gewohnheit griff ich zum Handy, um die Nachrichten zu lesen - und erstarrte. Russland hatte die Ukraine angegriffen. Das düsterste Szenario Putins wurde zur Realität, ein Szenario, an das viele westliche Politiker und Analysten nicht glauben wollten. Außer Joe Biden, dem US-Präsidenten, dem genaue Informationen dazu von den amerikanischen Geheimdiensten vorlagen.

Seit einem Monat spüren auch wir, die Bürger der Republik Moldau, die Last des Ukraine-Kriegs, während die ukrainischen Soldaten heldenhaft gegen die Angreifer kämpfen. Ukrainische Städte werden von Putins Bomben zerstört. Die Zivilbevölkerung wird dezimiert, Frauen, Kinder und Senioren sterben.

Infografik Karte Republik Moldau DE

Das Separatistengebiet Transnistrien hat sich Anfang der 1990er Jahre mit russischer Hilfe von der Republik Moldau abgespalten

Ein schwarzer Schatten hat sich auch über unser Land ausgebreitet. Plötzlich ist alles provisorisch, unsicher, zerbrechlich und volatil. War das alles? frage ich mich. Wird alles, was ich in all diesen Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion getan habe, zusammenbrechen? Alles, was ich geliebt, erschaffen, aufgebaut und geträumt habe? Werden wir, die Rumänen im Gebiet zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr, den schicksalhaften 28. Juni 1940 wieder erleben, wie unsere Eltern und Großeltern? Werden wir wieder unter russischer Besatzung leben?

Putins Krieg - ein Monster aus einer prähistorischen Höhle 

Man könnte sagen, dass Bessarabien alle drei Generationen in einen Abgrund geworfen wird. (Anm. d. Red.: Die Region Bessarabien, die fast dem gesamten Gebiet der heutigen Republik Moldau entspricht, gehörte vor der russischen Okkupation im Zweiten Weltkrieg zu Rumänien, die meisten Bewohner der Republik Moldau haben rumänische Wurzeln.) Den Schock des Kriegs spüren vor allem Kinder und Teenager, die nicht verstehen, was da passiert, und kaum glauben können, dass es sich nicht um ein Computerspiel handelt. Ihre Verwunderung spiegelt, wie absurd das alles ist: In eine emanzipierte, postmoderne Welt, eine Welt der Transparenz und der grenzenlosen Mobilität, ist plötzlich eine Art "Godzilla" eingedrungen. Ein Monster, das aus einer prähistorischen Höhle gekrochen ist und alles um sich herum zermalmt.

Wir sind uns des Größenwahns Putins bewusst. Wir wissen: Wenn die Ukraine fällt, sind wir dran, die Republik Moldau, und vielleicht auch die baltischen Staaten, die aber immerhin unter dem Schutzschirm der NATO stehen. Die in der Verfassung verankerte Neutralität der Republik Moldau (die de facto aber von der Präsenz der russischen Truppen im Separatistengebiet Transnistrien annulliert wird) wird uns nicht schützen vor einem Aggressor, der keine Verträge zwischen Staaten anerkennt, der die internationale Ordnung bereits in die Luft gejagt hat.

Vorbereitung auf eine Invasion?

Zurzeit gebe es keine Indizien, dass die Republik Moldau das nächste Opfer sei, versichern die moldauischen Behörden, Vertreter der NATO und die US-Botschaft in der Hauptstadt Chisinau. Informationen gibt es keine, aber was ist mit Zeichen, mit Symptomen? Als vor einigen Tagen auf einem Stadion in Moskau mit 200.000 Menschen im Publikum ekstatisch gesungen wurde "Ukraine und die Krim, Belarus und Moldawien sind mein Land", liefen uns kalte Schauer über den Rücken. Das erinnert uns an einen berühmten Witz: An wen grenzt Russland? Antwort: An wen es will!

Republik Moldau | Transnistrien | Tiraspol

Tiraspol, die "Hauptstadt" der selbsternannten Republik Transnistrien, die völkerrechtlich zur Republik Moldau gehört

Die russische Botschaft in Chisinau hat vor einigen Tagen die russischsprachigen Bürger der Republik Moldau aufgefordert, ihre Diskriminierungserfahrungen zu melden. Solche Aufrufe von diplomatischen Vertretungen Russlands gab es auch in anderen Ländern. Bei uns in der Republik Moldau sagen viele, dass diese Geste auf die Vorbereitung einer Invasion deuten könnte. Viele Moldauer haben auf der Facebook-Seite der russischen Botschaft geantwortet: "Bitte retten Sie uns nicht, bitte befreien Sie uns nicht, wir fühlen uns sehr gut in der Moldau!"; "Ich bin russischstämmig, geboren in Murmansk. Seit über 30 Jahren lebe ich in der Moldau, und niemand hat mich jemals diskriminiert, niemand hat je von mir verlangt, Rumänisch zu sprechen. Im Gegenteil, die Menschen wechselten immer schnell ins Russische, damit ich mich nicht unwohl fühle."; "Niemand beleidigt uns, lieber sollten Sie auf Ihre eigenen Landsleute aufpassen, die von Putin diskriminiert werden!".

Nein, in der Moldau werden russischsprachige Bürger nicht diskriminiert, es ist eher umgekehrt: Nach Jahrzehnten der Russifizierung gibt es viel Nachholbedarf im Bereich der rumänischen Sprache und Kultur. Russland kann allerdings wann immer einen Vorwand für eine Intervention fabrizieren, so wie es auch den ukrainischen "Genozid" gegen die ethnischen Russen im Donbass erfand, für den der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag keinerlei Beweise gefunden hat.

Weiße Friedensfähnchen gegen die blutigen Gelüste eines Aggressors

Die Moldauer haben Hunderttausende Flüchtlinge aus der Ukraine sehr gastfreundlich empfangen. Die Regierenden in Chisinau betonen zurecht diese bewundernswerte Großzügigkeit. Doch sie antworten nicht auf die Frage, wer die Republik Moldau verteidigen würde, weil sie hoffen, dass es nicht zu einer militärischen Aggression kommen wird. Doch was ist, wenn dies doch passiert?

Republik Moldau: Das einsame Dorf in Transnistrien

Falls die Russen Odessa erobern und eine Verbindung zum Separatistengebiet Transnistrien herstellen, wird sie nichts daran hindern, bis zum Fluss Pruth durchzudringen (Anm. d. Red.: Dieser Fluss trennt die Republik Moldau vom EU- und NATO-Staat Rumänien). "NATO-Generalsekretär Stoltenberg wiederholt so nervtötend wie ein Metronom, dass die NATO sich nicht am Ukraine-Krieg beteiligen wird", bemerkte ein Schriftsteller aus Chisinau bitter. "Wir wissen, dass sie sich nicht beteiligen wird, aber wenigstens sollte er uns mit diesen 'Versicherungen' verschonen. Lieber sollte er uns sagen, was die NATO tun wird, statt zu sagen, was sie NICHT tun wird. Oder will der Westen etwa eine Grenze mit Russland am Fluss Pruth, will er ein neues Kaliningrad am Schwarzen Meer?"

Viele Moldauer sehen in einer Wiedervereinigung mit Rumänien die einzige Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen im Angesicht einer russischen Aggression. Da dieses Szenario sehr unwahrscheinlich ist, klammern wir uns an die Neutralität, die in der Verfassung unseres Staates verankert ist. In der Hoffnung, dass unser weißes Friedensfähnchen die blutigen Gelüste des Aggressors zähmt.

Unter dem Druck des Kriegs im Nachbarland hat die Republik Moldau am 4. März 2022 offiziell den Antrag auf die EU-Mitgliedschaft eingereicht, nach dem Beispiel der Ukraine und Georgiens. Doch die Frage ist: Werden wir die Muße haben, den Frieden und die Sicherheit, um diesen Weg zu vollenden?

Vitalie Ciobanu gehört zu den bekanntesten Schriftstellern und Publizisten der Republik Moldau. Er ist Präsident des moldauischen PEN-Clubs. 

Adaption aus dem Rumänischen: Dana Alexandra Scherle 

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