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KI: Chance oder Risiko für den Journalismus auf dem Balkan?

Aleksandar Manasiev (aus Skopje)
26. März 2026

Einige Medienprofis in den Westbalkanländern sehen Künstliche Intelligenz als Werkzeug zur Verbesserung des Journalismus. Andere warnen, KI könnte die Qualität und das Vertrauen in die Medien untergraben.

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Auf dem Foto sind zwei Finger zu sehen, die einen Smartphone- oder Tablet-Bildschirm berühren, auf dem Symbole mit den Beschriftungen "Gemini", "ChatGPT" und "Deep Seek" zu sehen sind
KI kann dem Journalismus helfen, aber die Arbeit mit den Medien bleibt im Kern menschliche Arbeit, sagen FachleuteBild: imageBROKER/picture alliance

In den Redaktionen auf dem Balkan ist Künstliche Intelligenz (KI) längst kein Thema der Zukunft mehr. Sie wird zunehmend Teil der täglichen Arbeit von Journalistinnen und Journalisten - von der Transkription von Interviews über die Datenanalyse bis hin zur Produktion multimedialer Inhalte.

Die Einführung dieser neuen Technologien in den Medien der westlichen Balkanländer verläuft jedoch unterschiedlich schnell. Untersuchungen zeigen, dass sich die Redaktionen der Region noch in einem frühen Stadium der Integration dieser Werkzeuge befinden. Am häufigsten werden sie eingesetzt, um Routinetätigkeiten zu automatisieren, große Informationsmengen zu verarbeiten und Produktionsabläufe zu beschleunigen.

"Jede technologische Revolution verändert zwangsläufig fast jeden Aspekt der Gesellschaft, und der Journalismus gehört zu den ersten Bereichen, die diese Veränderungen spüren", sagt Dejan Rakita, Journalist beim investigativen Medium Gerila in Banja Luka, Bosnien und Herzegowina.

Auf einem Foto ist ein dunkelhaariger Mann mit Vollbart und Brille zu sehen, der vor einem dunklen Hintergrund steht und die Betrachtenden anblickt. Er trägt ein blaues Hemd
Dejan Rakita ist Journalist beim investigativen Medium Gerila in Banja Luka, Bosnien und Herzegowina.Bild: Privat

Seiner Meinung nach wirft die Einführung von KI-Werkzeugen in der Medienlandschaft des westlichen Balkans neue Fragen auf - insbesondere in einem Umfeld, in dem unabhängiger Journalismus seit Langem politischen und wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt ist. "Professionelle und unabhängige Journalistinnen und Journalisten kennen diese Technologie als unterstützendes Werkzeug - eines, das die Recherche verbessern und bestimmte Prozesse beschleunigen kann", sagt Rakita.

KI als Werkzeug, nicht als Redakteur

Beim öffentlich-rechtlichen Sender Radio Television Montenegro (RTCG) wird Künstliche Intelligenz bereits im Redaktionsalltag eingesetzt. Wie Vladan Jeknic, PR-Berater des Senders, erklärt, bleibt ihre Rolle jedoch strikt begrenzt. "Wir nutzen Künstliche Intelligenz in erster Linie als unterstützendes Werkzeug in Produktionsprozessen", sagt er.

Auf einem Foto ist ein Mann mit sehr kurz geschnittenem Haar zu sehen, der direkt in die Kamera blickt und ein helles Jackett über einem dunklen Hemd trägt
Vladan Jeknic ist PR-Berater des öffentlich-rechtlichen Senders Radio Television Montenegro (RTCG)Bild: Privat

Laut Jeknic hilft KI bei der automatischen Transkription von Interviews und Sendungen, bei der Suche und Archivierung großer Mengen an Audio- und Videomaterial sowie bei der technischen Bearbeitung journalistischer Inhalten. Doch es gibt eine klare Grenze: "KI hat keine redaktionelle Rolle. Die Verantwortung für die Inhalte liegt ausschließlich bei Journalistinnen, Journalisten, Redakteurinnen und Redakteuren."

RTCG ist zudem der erste öffentlich-rechtliche Sender der Region, der einen Ethikkodex für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz eingeführt hat. Ziel sei es, so Jeknic, Standards für den verantwortungsvollen Einsatz neuer Technologien im Journalismus zu etablieren, weil der Wettbewerb um Klicks und Geschwindigkeit der Veröffentlichung die Medienbranche zunehmend dominiere.

Zwei verschiedene Realitäten in den Medien

Die Art und Weise, wie Medien in der Region Künstliche Intelligenz nutzen, unterscheidet sich erheblich. Einige Redaktionen in den Ländern Südosteuropas sehen sie als Werkzeug zur Verbesserung der journalistischen Arbeit, andere hingegen als deren Ersatz.

Der bosnische Journalist Rakita sagt: "Verantwortungsvolle Medien nutzen KI, um den Journalismus zu stärken", fügt jedoch hinzu, dass "viele Portale mit intransparenter Eigentümerstruktur KI als Ersatz für journalistische Arbeit sehen. Statt ein Werkzeug zu sein, wird sie zur Maschine für die Massenproduktion generischer Inhalte."

In einer Region, in der der unabhängige Journalismus seit Langem politischen und wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt ist, könnten solche Praktiken das ohnehin fragile Mediensystem weiter schwächen.

Ein Vorteil für größere Redaktionen

Boban Tomic, Professor für Medien und Kommunikation in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens, sagt, der Einsatz von KI im Journalismus hänge stark von den Kapazitäten der einzelnen Redaktionen ab: "Weiterentwickelte Redaktionen größerer Medienhäuser nutzen fortschrittliche generative KI-Werkzeuge, die ihnen bei der Erstellung und Bearbeitung journalistischer Texte helfen."

Auf einem Foto  ist ein Mann mit kurzen dunklen Haaren zu sehen, der die Betrachtenden anlächelt
Boban Tomic ist Professor für Medien und Kommunikation in der serbischen Hauptstadt BelgradBild: Privat

Laut Tomic ermöglichen diese Werkzeuge Journalistinnen und Journalisten, die investigative Arbeit deutlich zu verbessern: "Die Geschwindigkeit, mit der KI auf Informationsquellen zugreifen kann, ist weitaus höher als das, was ein Mensch allein erreichen könnte." Neben der Texterstellung wird Künstliche Intelligenz zunehmend auch zur Erstellung von Audio- und visuellen Inhalten eingesetzt - von Ton und Video bis hin zu grafischen Elementen.

Der Professor warnt jedoch auch vor Risiken: "KI kann ein guter Diener sein - aber auch ein schlechter Herr." Die größte Gefahr sieht er im mangelnden Wissen und Verständnis derjenigen, die diese Technologien nutzen.

Kleine Redaktionen und neue Technologien

In Nordmazedonien befindet sich die Einführung dieser Technologien noch in einem frühen Stadium. Die Untersuchung "Künstliche Intelligenz in den Medien Nordmazedoniens" zeigt, dass KI dort meist als unterstützendes Werkzeug in der Redaktionsarbeit genutzt wird - weniger als strategische Ressource. In der Praxis verwenden Journalistinnen und Journalisten sie zur Themenrecherche, Trendanalyse oder zur Erstellung multimedialer Formate. Der Mangel an formellen redaktionellen Richtlinien führt jedoch oft dazu, dass die Verantwortung für den ethischen Einsatz der Technologie auf einzelne Journalistinnen und Journalisten übergeht.

Auf einem Foto ist eine Frau mit langen dunklen Haaren zu sehen, die einen blauen Blazer trägt und die Betrachtenden anblickt
Vesna Ivanovska-Ilievska ist Chefredakteurin von UMNO.mk in NordmazedonienBild: Privat

Vesna Ivanovska-Ilievska, Chefredakteurin von UMNO.mk in Nordmazedonien, sagt, dass KI bereits ein unverzichtbarer Bestandteil des journalistischen Berufs werde - aber entscheidend sei die Transparenz. "Die Frage ist nicht mehr, ob KI eingesetzt wird, sondern wie", sagt sie. "Wir veröffentlichen keine Texte, die vollständig von KI generiert wurden. Wann immer wir KI einsetzen, geben wir klar an, dass Grafiken, Illustrationen oder Übersetzungen mit Künstlicher Intelligenz erstellt wurden, und nennen die verwendete Plattform." Ivanovska-Ilievska ist sicher, dass das Vertrauen des Publikums nur mit einem solchen Ansatz erhalten bleiben kann.

Tempo, Effizienz - und neue Risiken

Analysen zur Medienentwicklung auf dem Westbalkan zeigen, dass der größte Vorteil des KI-Einsatzes in der erhöhten Effizienz der Redaktionsarbeit liegt. Journalistinnen und Journalisten berichten, dass ihnen die Technologie hilft, Informationen schneller zu verarbeiten, Daten zu analysieren und Routinetätigkeiten zu automatisieren. Gleichzeitig treten jedoch ernsthafte ethische Dilemmata auf. Eine der größten Sorgen ist die mögliche Verbreitung ungenauer oder manipulativer Inhalte. Deepfake-Videos, automatisch generierte Texte und manipulierte Fotos können neue Formen der Medienmanipulation schaffen.

Eine der größten Veränderungen, die die Künstliche Intelligenz mit sich bringt, ist die Transformation des journalistischen Berufs selbst. Studien zeigen, dass Journalistinnen und Journalisten zunehmend zu "Intelligenz-Redakteuren" werden - sie kombinieren menschliche Kreativität mit der Geschwindigkeit von Algorithmen.

Die Frage, ob Künstliche Intelligenz Journalistinnen und Journalisten ersetzen wird, wird in Mediendiskussionen häufig gestellt. Derzeit glauben die meisten Expertinnen und Experten, dass dies nicht geschehen wird. Eine Umfrage unter 20 Journalistinnen, Journalisten und Medienfachleuten aus Albanien, Kosovo, Nordmazedonien, Serbien und Montenegro - ergab, dass 80 Prozent der Befragten nicht glauben, dass KI Journalistinnen und Journalisten ersetzen kann, während 20 Prozent meinen, dass sie einige Medienberufe ersetzen könnte.

Viele Medienprofis in der Region stellen fest, dass KI den Journalismus nicht ersetzen wird - aber sie wird die Art und Weise, wie er betrieben wird, definitiv verändern. "KI kann helfen", sagen Journalistinnen und Journalisten aus der Region, "aber echter Journalismus bleibt eine menschliche Aufgabe." Die KI kann ja nach wie vor keinen Kontext, kein kritisches Denken und keine investigative Arbeit ersetzen - die Kernelemente des Journalismus.

Auf dem Bild steht der englische Titel der nordrhein‑westfälischen Ministeriums für Bundes- europäische und internationale Angelegenheiten und Medien neben dem Landeswappen des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, das aus drei Feldern mit Rheinwelle, Westfalenross und Lippischer Rose besteht
Bild: MBEIM.nrw

Dieser Beitrag wurde im Rahmen eines Projekts zur Stärkung und Professionalisierung von Journalistinnen und Journalisten in Nordmazedonien erstellt, das von der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen (NRW) unterstützt wird.

Auf diesem Foto steht ein Mann vor einem Bildschirm, auf dem eine Präsentationsfolie mit dem englischen Titel "Foundations of Mobile Storytelling" zu sehen ist. Er hält die Hände leicht vor dem Körper zusammen, neben ihm stehen ein Flipchart und ein Tisch mit Gläsern, Flaschen und technischen Geräten
Aleksandar Manasiev Aleksandar Manasiev ist Journalist, Medienberater, Trainer, Mentor und Dokumentarfilmer