Martina Voss-Tecklenburg: ″Ich wehre mich gegen den Begriff des Scheiterns″ | Sport | DW | 24.12.2019
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WM-Aus und England-Boom

Martina Voss-Tecklenburg: "Ich wehre mich gegen den Begriff des Scheiterns"

Martina Voss-Tecklenburg ist seit einem Jahr Bundestrainerin der deutschen Fußball-Frauen. Für die DW blickt die 52-Jährige auf die verunglückte WM zurück und gibt einen Ausblick auf die Aufgaben im kommenden Jahr.

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Voss-Tecklenburg: "Wir sind in der Weltspitze konkurrenzfähig"

Frau Voss-Tecklenburg, mit mehreren Monaten Abstand: Haben Sie nach dem Aus im WM-Viertelfinale im vergangenen Sommer noch schlaflose Nächte?

Martina Voss-Tecklenburg: Ich habe keine schlaflosen Nächte mehr. Und die, die schlaflos waren, waren eher dem geschuldet, dass es für alle Beteiligten eine sehr intensive Zeit war. Und weil ich dann rund zwei Wochen danach in den Urlaub gegangen bin, hatte ich genügend Zeit, alles zu verarbeiten.

Der Schock des Ausscheidens ist also vollständig überwunden?

Es ist immer so im Fußball, dass es im Moment der Niederlage hart ist und es mich persönlich berührt und trifft. Aber das Schöne am Fußball ist ja auch, dass man gleich neue Aufgaben hat und sich neu konzentrieren kann. Deshalb ist es im Fußball vielleicht auch etwas einfacher, Niederlagen nach einer gewissen Zeit zur Seite zu schieben.

Wenn Sie zurückblicken und den wichtigsten Grund für das frühe Scheitern nennen sollten: Was war die Ursache?

Ich wehre mich zunächst einmal gegen den Begriff des Scheiterns. Natürlich war unser Ziel, uns für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Wir wussten aber auch alle, dass wir ganz bewusst einen Umbruch eingeleitet haben und das mit gleich 15 WM-Neulingen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass wir ein sehr junges Trainerteam sind, diese fünf Personen mussten sich auch erst finden. Diese WM kam im Nachhinein einen Tick zu früh für uns.

Was hat sich seitdem verändert?

Ich kann sagen, dass ich die Spielerinnenin diesem Jahr genau kennengelernt habe. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich noch nicht genau, wer mit welchen Drucksituationen wie umgeht. Eines, was ich aus dieser WM gelernt habe: Ich würde gegen Schweden in dieser Form wohl nicht mehr aufstellen, ohne natürlich zu wissen, ob wir dann erfolgreicher spielen würden. Aber das ist die Reflexion, die man tätigen muss. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass wir auch einen Gegner hatten, der an diesem Tag sehr gut war und uns mit 2:1 geschlagen hat.

Die Weltmeisterinnen der USA auf ihrer Triumphfahrt durch New York (picture-alliance/newscom/J. Angelillo)

Die Weltmeisterinnen der USA auf ihrer Triumphfahrt durch New York

Was haben die Spielerinnen der USA, England, Schweden oder auch die Niederlande, allesamt WM-Halbfinal-Teilnehmer, der deutschen Mannschaft voraus?

Wenn ich ein Team vorne sehe, dann sind das die USA, weil sie ganz andere Voraussetzungen haben als die Teams in Europa. Die USA bestreiten doppelt so viele Länderspiele, weil sie sich nicht ausschließlich in den Abstellungsperioden  bewegen müssen. Sie kommen mit ihren Spielerinnen zusammen, wann sie es brauchen, das ist fast eine Vereinsmannschaft. Die USA sind sicher in vielen Facetten ein Stück weiter als viele andere Teams.

Und wie sieht es mit den übrigen Ländern im Vergleich aus?

Wir haben in diesem Jahr bereits Schweden und England geschlagen, gegen die Niederlande würden wir sicher auch auf Augenhöhe agieren. Man kann also nicht sagen, dass diese Länder uns etwas voraus haben. Es ist nicht richtig und nicht fair, zu sagen, dass es einen großen Unterschied gibt. Wir haben verloren, das hatte Gründe. Aber so eng ist es eben mittlerweile im internationalen Fußball. Ich bin mir sicher, dass wir mit dieser jungen Mannschaft auf dem richtigen Weg und in der Weltspitze absolut konkurrenzfähig sind.

Welche Erkenntnisse bezüglich des Spielstils und vielleicht anderen Faktoren haben Sie bei der WM gezogen?

Die Teams, die gut in der Aktivität, im Agieren und vor allem in den Umschaltphasen gepaart einer guten Passqualität sind, sind erfolgreich. Und wenn man sich die USA anschaut, dann konnte man sehen, wie schnell die Mannschaft auf Situationen im Spiel reagieren konnte und wie schnell sie zum Beispiel auf eine Fünferkette umgestellt hat. Ein weiterer Trend ist, Lösungen gegen aggressiv pressende Teams zu finden. Damit haben aber alle Mannschaften Probleme. Wenn man in dieser Frage gute Lösungen findet, kann man das Spiel bestimmen. Und das ist genau das, was wir machen wollen.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (l.) bei der WM gegen Südafrika am Seitenrand (Reuters/J.P. Pelissier)

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (l.) bei der WM gegen Südafrika am Seitenrand

Wie lange werden Sie brauchen, bis Sie Ihre Ziele verwirklicht haben?

Das hört nach meinem Verständnis nie auf. Im Moment wollen wir weiter in der Stabilität wachsen, wir wollen und müssen weitere Erfahrungen sammeln. Und gerade unsere jungen Spielerinnen müssen immer häufiger auf international höchstem Tempo-Niveau spielen. Und wenn wir dann weiter gekommen sind, werden wir uns neue Ziele setzen.   

Gerade in England ist so etwas wie ein Boom, was den Frauenfußball angeht, entstanden. Auch deutsche Nationalspielerinnen wie Leonie Meier oder Pauline Bremer spielen mittlerweile dort. Was wird dort besser gemacht als hierzulande?

England ist momentan tatsächlich der europäische Leader, was die Unterstützung, die Haltung und die Performance angeht. Dort wurde sehr viel Geld in die Strukturen gesteckt, sowohl von Regierungsseite als auch von Verbands- und Sponsorenseite. Die  Teams haben sich dort zuletzt sportlich in Ihrem Rahmen gut entwickelt, auch wenn sie noch keinen großen Titel gewonnen haben. Dort wurden klare Statements gesetzt.

Sehen Sie weitere wichtige Gründe für den Boom?

Die Männerklubs wurden verpflichtet, sich für den Frauenfußball stark zu machen und sich zu engagieren. Es gibt eine klare Unterstützung. Dort ist es nicht so, dass ein Klub sagt: Ja, wir machen Frauenfußball - und lassen das alles nur so nebenher laufen. Sie haben zudem eine Marketingstrategie, sorgen für Highlights wie Spiele im Wembley-Stadion oder ein reines Frauen-Fußball-Wochenende. Ich glaube, dass wir uns davon die eine oder andere Idee zu eigen machen können.

Wie beschreiben Sie dagegen die deutschen Verhältnisse?

Wir müssen genau auf unsere Strukturen schauen. Wir haben einen starken Klub-Fußball im Männerbereich. Und wir müssen jetzt schauen, wie wir das in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußball-Bund und der Deutschen Fußball Liga zusammenbringen.

Hat der DFB eine Entwicklung verschlafen?

Ich glaube nicht, dass wir etwas verschlafen haben. Es ist wirklich so, dass die anderen Nationen sehr viel besser geworden sind und sehr viel investiert haben. Wir waren mal Vorreiter, alle haben auf uns geschaut. Auch wir haben sehr viel Geld investiert, der DFB gibt viel Geld in die Verbände, damit dort gute Arbeit geleistet werden kann. Aber jetzt sind wir an einem Punkt, an dem die internationale Spitze sehr viel enger geworden ist. Und wir müssen jetzt einfach mehr tun. Im Erfolgsfall muss man eigentlich schon an die nächsten Schritte denken. Vielleicht wurde der ein oder andere Schritt mal nicht so schnell gemacht wie nötig. Aber da sind wir jetzt dran.  

Was wollen Sie mit Ihrer Mannschaft Ende nächsten Jahres erreicht haben?

Wir haben im nächsten Jahr kein großes Turnier. Ich möchte mich für die EM in England mit guten Leistungen qualifizieren. Wenn wir dann am Ende des Jahres sagen können, wir sind gut vorbereitet für das Turnier und glauben, dass wir um den Titel mitspielen wollen, dann wäre das ein sehr konstruktives Jahr.

Das Interview führte Jörg Strohschein.

Martina Voss-Tecklenburg gewann mit dem KBC Duisburg bereits im Alter von 15 Jahren den DFB-Pokal und die deutsche Meisterschaft. Insgesamt gewann sie sechsmal die deutsche Meisterschaft - zuletzt im Jahre 2000 mit dem FCR Duisburg - und viermal den DFB-Pokal. 1996 wurde sie zur ersten Fußballerin des Jahres in Deutschland gewählt und 2000 als erste Spielerin zum zweiten Mal. Im Jahr 2003 beendete sie mit dem DFB-Pokalfinale gegen den 1. FFC Frankfurt ihre Karriere. Insgesamt bestritt die Mittelfeldspielerin 125 Länderspiele für die deutsche Fußballnationalmannschaft. Ihre größten Erfolge waren der Gewinn der Vize-Weltmeisterschaft 1995 mit dem Nationalteam sowie der vier Europameisterschaften 1989, 1991, 1995 und 1997. Am 26. April 2018 gab der Deutsche Fußball-Bund bekannt, dass Voss-Tecklenburg Nachfolgerin von Horst Hrubesch als Bundestrainerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft wird.

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