Lola-Ehrenpreis für Regisseur Edgar Reitz | Filme | DW | 24.04.2020
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Auszeichnung

Lola-Ehrenpreis für Regisseur Edgar Reitz

Der Deutsche Filmpreis hat, genau wie der Oscar, einen Ehrenpreisträger. Regisseur Edgar Reitz wird 2020 für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Seine realistischen "Heimat"-Filme gelten als Meisterwerk.

"Edgar Reitz hat vor allem mit seinen 'Heimat'- Filmen unvergesslich poetische Menschen und Bilder erfunden. Sie leuchten über sich und ihren Mikrokosmos weit hinaus", kommentierte Ulrich Matthes, Präsident der Deutschen Filmakademie, die Entscheidung, den 1932 geborenen Reitz in diesem Jahr mit dem Preis fürs Lebenswerk auszuzeichnen. Reitz hat die Ehre zweifellos verdient.

Auch weil sein berühmtestes Werk, die insgesamt 31 abendfüllenden Filme seines "Heimat"-Zyklus, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben: "Er hat gezeigt, dass das aufgeladene Wort 'Heimat' zu komplex ist, um es den Nationalisten vom rechten Rand zu überlassen", so Matthes.

Reitz haderte mit dem Erfolg von "Heimat"

Dabei hatte Reitz zeitweise ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zu seinem Welterfolg. Es sei ja regelrecht Mode geworden, mit dem Begriff Heimat alle möglichen Tagungen zu bestreiten, beklagte sich der Regisseur vor ein paar Jahren in einem Gespräch mit der Deutschen Welle: "Es ist unglaublich, wer sich da alles darauf wirft: Industrieverbände, kirchliche Institutionen, Firmen, die Regionalwerbung machen, regionale Tourismusverbände, aber auch ambitionierte literarische Unternehmen wie Literaturhäuser und dergleichen."

Eine Frau einen Teig knetend in einer historischen Küche (picture-alliance/United Archives/Kpa Publicity)

Marita Breuer alias Maria in Heimat (1984)

Als Reitz das 2009 feststellte, war sein mehrteiliges Filmepos "Heimat" schon ein Vierteljahrhundert alt. Der Regisseur war in der Zwischenzeit zu einem gefragten Gesprächspartner geworden: "Alle wollen sie immer mich dafür haben, alle laden sie mich ein, als wäre ich der große Heimatexperte. Dabei ist es ja eigentlich nur der Titel meines Films. Die Filme sind nun wirklich nicht gemacht worden, um diesen Begriff zu illustrieren." Es schien so, als ob der Erfolg, der über Reitz im Anschluss an die Premiere von "Heimat" 1984 hereinbrach, zu einem Fluch geworden war.

Triumph bei den Filmfestspielen in Venedig

Rückblick: 1984 hatten die Filmfestspiele Venedig den deutschen Regisseur Edgar Reitz eingeladen, um dessen gerade fertig gewordene Filmserie "Heimat" zur Welturaufführung zu bringen. Das allein war schon ungewöhnlich, denn "Heimat" war ursprünglich fürs Fernsehen produziert worden. Venedig hatte wohl erkannt, dass die elf einzelnen Filme viel mehr waren als nur eine gut gemachte TV-Serie über deutsche Geschichte - dass sich das mehrstündige Epos vielmehr für die große Leinwand eignete. Die Uraufführung in der Lagunenstadt wurde zum Triumph - für den Regisseur, aber auch für das bundesdeutsche Kino insgesamt.

Männlicher Protagonist zwischen zwei Frauen in einer Gesprächsszene (picture-alliance/Mary Evans Picture Library)

Henry Arnold in "Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend" von 1992

Cineasten und eifrigen Kinogängern war Reitz bereits bekannt: Schließlich gehörte der gebürtige Hunsrücker zu den Unterzeichnern des berühmten "Oberhausener Manifests", das 1962 eine Revolution im deutschen Kino einleitete. Trotzdem hatte Reitz mit seinen Filmen in den 1960er und 1970er Jahren kein Glück. An den Kinokassen waren sie zum größten Teil gescheitert und auch künstlerisch stand Reitz im Schatten der erfolgreichen Kollegen Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Werner Herzog.

Mit seinen ersten Filmen hatte Edgar Reitz viel Pech

Dass Reitz 1984 zum stillen Star des deutschen Kinos aufsteigen sollte, damit rechnete damals niemand. Als zu sperrig und zu verkopft galten seine frühen Filme: sein düsteres Debüt "Mahlzeiten", seine Filme zur deutschen Nachkriegsgeschichte, "Reise nach Wien" und "Stunde Null". Das ambitionierte und teure Projekt "Der Schneider von Ulm" war 1978 zudem ein großer Flop an den Kassen gewesen und hatte den Regisseur in eine Sinnkrise gestürzt.

Jubelnde Menschen an der Berliner Mauer 1989 in Berlin (imago images/Prod.DB)

Jubelnde Menschen an der Berliner Mauer 1989 in Berlin – Szene aus "Heimat – Chronik einer Zeitenwende" (2004)

 

Mit "Heimat" erschuf sich der Regisseur dann ein paar Jahre später neu. "Heimat" wurde zu weit mehr als nur zu einem bedeutenden Film-Ereignis. Die elf Teile der ersten "Heimat"-Staffel stießen eine breite gesellschaftliche Debatte an, an der sich zahlreiche Intellektuelle beteiligten. Sie führte zu einer Neudefinition des Begriffs "Heimat" in Deutschland.

Reitz brachte es später so auf den Punkt: "Das Wort 'Heimat' ist an sich unschuldig. Dass reaktionäre Volkstümler oder die Nazis dieses Wort benutzt haben, darf uns nicht abschrecken. Im Gegenteil: Warum soll man es ihnen überlassen?" Man könne den Begriff nicht einfach als ideologisch abtun, so Reitz: "Dieses Wort bezeichnet eine Realität, eine reale Erfahrung. Es ist in jedem Menschenleben verschieden; manch einer hat sich sehr weit entfernt oder muss erst Umwege gehen, doch ohne ein Verhältnis zu einer Heimat findet er keine Identität."

Geschichte "von unten" - Reitz eröffnete den Deutschen andere Blickwinkel

Geschichte verkam bei Reitz nicht zu einer puren Abbildung vermeintlich historischer und gesellschaftlicher Höhepunkte. Im Gegenteil: Die Darstellung der Lebenswirklichkeit ganz normaler Menschen stand im Mittelpunkt.

Treck mit Fuhrwagen in ländlicher Umgebung (picture-alliance/dpa/Concorde Filmverleih 2013/C. Lüdeke)

Treck mit Fuhrwagen – Szene aus "Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht" (2012)

In späteren deutschen Filmen wird Historie meist auf das reine Ereignis reduziert - Eventfernsehen. Film-Produzenten wie Bernd Eichinger oder sein TV-Kollege Nico Hofmann drehten viele dieser typischen Event-Movies. Meist zeichneten sie sich durch eine oberflächliche Melodramatik aus: Geschichtskino und -fernsehen, leicht verdaulich, oberflächlich und kaum zum Kern der Dinge vordringend.

Reitz hat mit seiner Herangehensweise andere Schwerpunkte gesetzt. Mit seinen Filmen hat er im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte geschrieben: Filmgeschichte, aber eben auch deutsche Kulturgeschichte. Die Auszeichnung mit dem Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie würdigt das.

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