Geschichte des Jahrhunderts: Die andere Heimat | Kultur | DW | 02.10.2013
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Kultur

Geschichte des Jahrhunderts: Die andere Heimat

Regisseur Edgar Reitz vollendet mit dem Werk, das Mitte des 19. Jahrhunderts spielt, eines der größten Epen der Filmgeschichte. "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" in den deutschen Kinos.

56 Stunden Heimat, 56 Stunden Zeitreise durch deutsche Geschichte. Anfang der achtziger Jahre drehte Edgar Reiz mit "Heimat 1" die erste der nunmehr vier Staffeln der erfolgreichen "Heimat"-Saga. Neun Millionen Zuschauer saßen damals bei jeder Folge gebannt vor dem Fernseher. Der Regisseur Edgar Reiz schildert darin die Chronik des fiktiven Dorfes Schabbach im Hunsrück zwischen 1919 und 1982. Im Mittelpunkt stehen drei Bauernsöhne, die zu unterschiedlichen Repräsentanten deutscher Verhältnisse werden. Der Film erzählt viele kleine private Geschehnisse und verbindet sie mit historischen Ereignissen geschickt zu einem großen Bild deutscher Geschichte: der Weltwirtschaftskrise, dem 2. Weltkrieg, dem Wirtschaftswunder. 16 Stunden dauerte allein diese Staffel.

Ein verstaubter Begriff wird neu definiert

Erst mit der Fernsehserie wurde der Begriff "Heimat" überall diskutiert und neu definiert. War er bis dahin eigentlich negativ besetzt von NS-Parolen und übertriebenem Pathos, steht der Begriff mit Reiz´ Film plötzlich für gemeinschaftliches Handeln und individuelle Sehnsucht, für Aufbruch und Erfindergeist, für Vergangenheitsaufarbeitung und für moderne Filmästhetik.

Kameramann Gernot Roll (links) und Regisseur Edgar Reitz (c) Concorde Filmverleih 2013/Christian Lüdeke

Kameramann Gernot Roll (links) und Regisseur Edgar Reitz

Edgar Reitz findet eine "Zweite Heimat"

1992 führte Edgar Reitz das Epos mit "Die Zweite Heimat – Chronik einer Jugend" weiter. Darin schildert er, wie Hermann, einer der Simon-Söhne, Schabbach verlässt und zum Musikstudium nach München geht. Inhaltlich macht er einen Sprung zurück in die 60er Jahre und erzählt zum Teil auch seine eigene Geschichte. Denn Hermann Simon ist sein Alter Ego und findet in München seine Wahlheimat. Künstlerisch vielleicht noch interessanter als die erste Staffel, nehmen die Zuschauer "Die zweite Heimat" weniger enthusiastisch auf. Denn inzwischen hat das Privatfernsehen die TV-Landschaft und auch die Sehgewohnheiten stark verändert.

Zurück zu den Wurzeln

Dennoch arbeitet Edgar Reitz unbeirrt weiter. Trotz erschwerter Finanzierung und zurückhaltendem Interesse in den TV-Anstalten gelingt es ihm schließlich, "Heimat 3" zu drehen. Darin begegnet Herman Simon am Abend des Mauerfalls 1989 in Berlin seiner alten Liebe Clarissa. Die beiden werden wieder ein Paar und gehen in den Hunsrück, womit Hermann zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Damit beginnt eine neue Epoche: für die beiden Liebenden und für das ganze Land. "Heimat 3" erlebt 2004 die Uraufführung. Und Edgar Reitz fängt darin die Aufbruchstimmung und die Ernüchterung nach der Wiedervereinigung ein und beschreibt, wie in Schabbach der Gemeinsinn dem individuellen Profitstreben weicht. Die Kulturwissenschaftlerin Erna Lackner meint: "Was in der deutschen Literatur noch keinem Autor gelungen ist, schafft der Filmregisseur Edgar Reitz: Das 20. Jahrhundert als einen Roman mit vielen Lebensgeschichten zu erzählen. Die Filmkunst kann das ruhig als stillen Triumph verbuchen."

Die Familie Simon, v.l.n.r.: Der Unkel (Reinhard Paulus), Lena (Mélanie Fouché), die Großmutter (Eva Zeidler), Mutter Maria (Marita Breuer), Jakob (Jan Dieter Schneider), Vater Johann (Rüdiger Kriese) und Gustav (Maximilian Scheidt) Film von Regisseur/Filmemacher: Edgar Reiz © Concorde Filmverleih 2013/Nikolai Ebert zugeliefert von: Bernd Sobolla

Die Familie Simon

"Heimat ist immer etwas Verlorenes"

Mit der Trilogie schien das Heimat-Epos eigentlich beendet. Aber jetzt ergänzt bzw. vollendet Edgar Reitz sein Hunsrücker-Universum. "Die andere Heimat" taucht weit in die Vergangenheit von Schabbach ein, in die Mitte des 19. Jahrhunderts, wo er die Auswanderung vieler Hunsrücker nach Brasilien thematisiert. Dort träumt der junge Jakob Simon von Indianern in Brasilien, von Sonne, Dschungel und fremden Sprachen. Auch der neue, fast vierstündige Film fesselt durch seine detailgenaue Beobachtung, seine Poesie und er zeigt, wie wirtschaftliche Not Hundertausende aus ihrer Heimat trieb und wie zugleich Bildung und die "Kunst" zu lesen, die Phantasie und Sehnsucht der Menschen beflügelte. Auf die Frage, wo denn seine Heimat ist, antwortet der inzwischen 81jährige Reitz: "Ich denke, dass das, was wir Heimat nennen, eine Empfindung ist, die man eigentlich nur in der künstlerischen Darstellung zu etwas Bleibendem machen kann. In der Realität ist Heimat immer etwas Verlorenes."

Die Aussiedler verlassen den Hunsrück gen Brasilien (Copyright: © Concorde Filmverleih 2013/Christian Lüdeke). Regisseur/Filmemacher: Edgar Reiz © Concorde Filmverleih 2013/Christian Lüdeke zugeliefert von: Bernd Sobolla

Die Aussiedler verlassen den Hunsrück gen Brasilien

"Die andere Heimat" endet mit der Szene: Der Forschungsreisende Alexander von Humboldt (gespielt von dem Filmemacher Werner Herzog) begegnet auf der Suche nach dem jungen Sprach- und Naturforscher Jakob Simon auf dem Feld einem Bauern (gespielt von Edgar Reitz). Der Bauer kann dem Forscher nicht helfen. Aber die beiden Filmemacher können sich zuzwinkern. "Werner Herzog ist der Weggeher, ich bin der Hiergebliebene. Wir begegnen uns, und wir senden uns ein kleines Signal: Nämlich, dass wir beide auf der Suche nach dem Gleichen sind. Der eine in der Ferne, der andere in der Nähe". Mit diesen Worten erläutert Edgar Reitz diese filmische Begegnung.

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