Litauer zum Ukraine-Krieg: ″Wir könnten die nächsten sein″ | Europa | DW | 16.04.2022
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Russlands Krieg in der Ukraine

Litauer zum Ukraine-Krieg: "Wir könnten die nächsten sein"

In einer Region eingeklemmt zwischen Kaliningrad und Belarus bereiten sich die Menschen auf einen möglichen Angriff auf ihr Land vor: einen russischen Angriff auf Litauen. Aus Marjanpole Juri Rescheto.

Litauen Reportage von Juri Rescheto | Paulius Liškauskas

Paulius Liškauskas beim Schießtraining

Feuer frei! Die Schießübung beginnt. Seit drei Jahren übt Paulius Liškauskas für den Ernstfall. Dieser Ernstfall war noch nie so nah, glaubt der 39-Jährige im Gespräch mit der DW: "Ich wollte schon 2014 der Litauischen Schützenunion beitreten, als Russland die Krim annektierte und den Krieg gegen die Ukraine anzettelte. Die russische Staatspropaganda hat schon damals Litauen ins Visier genommen. Da hieß es für uns: Wir könnten die nächsten sein."

Zusammen mit Paulius Liškauskas gehen ein Dutzend anderer Männer und zwei Frauen an ein Gewehr und schießen. In einem abgedunkelten Raum im ersten Stock eines kleinen Hauses mitten in der Fußgängerzone von Marjanpole hängt eine Leinwand. Darauf läuft eine Animation mit vermeintlichen Terroristen, die sich irgendwo hinter einem Gebäude verstecken. Sie sind das Ziel. Das Ganze könnte ein harmloses Computerspiel sein, würde da nicht bei jedem Schuss eine Stimme erschreckend echt aus den Lautsprechern schreien. So, als würde sie an den echten Krieg erinnern, der zur Zeit mitten in Europa wütet.

Litauen Reportage von Juri Rescheto | Paulius Liškauskas

Fast wie Krieg als Computerspiel: Die Litauische Schützenunion probt den Ernstfall

Eine der beiden Frauen im Raum ist übrigens die Ehefrau von Paulius Liškauskas. Sie trägt, wie ihr Mann, eine olivgrüne Uniform der Litauischen Schützenunion, eines staatlich unterstützten paramilitärischen Vereins. Die Litauische Schützenunion ist eine Art Zusatzarmee. Sie besteht aus Litauerinnen und Litauern, die regelmäßig an der Waffe trainieren und im Ernstfall bereit sind zu kämpfen.

Paramilitärischer Verein mit zweifelhafter Tradition

Der Verein hat eine lange Tradition und eine umstrittene Reputation. Gegründet wurde sie Anfang des 20. Jahrhunderts im Kampf für die Unabhängigkeit Litauens. Zumindest einzelnen Mitgliedern der Schützenunion wird vorgeworfen, im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaboriert zu haben. Nach dem Anschluss Litauens an die UdSSR kämpften die Schützen als Partisanen gegen die Sowjets, manche wurden Opfer des Stalin-Regimes. Nach der Unabhängigkeitserklärung Litauens in den 1990er-Jahren erlebte der Verein seine Wiedergeburt. Nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine erfahren die Freizeit-Schützen einen regen Zulauf. Paulius Liškauskas ist froh, einer von mittlerweile 14.000 Mitgliedern zu sein.

Vor allem, weil die Familie von Paulius Liškauskas in einer Gegend lebt, die im Fall eines Kriegs gegen Russland als besonders verwundbar gilt: in der sogenannten Suwalki-Lücke. So wird ein enger Landstreifen genannt, der Litauen mit Polen verbindet und der zwischen der russischen Exklave Kaliningrad im Nordwesten und Russlands Verbündetem Belarus im Südosten "eingeklemmt" ist. Eingeklemmt, weil es nur 65 Kilometer Luftlinie sind, weil es die einzige Landverbindung baltischer Staaten mit den anderen NATO-Partnern ist. Diese Landverbindung könnte Moskau schließen, fürchten viele hier und spüren eine tiefe Abneigung gegenüber Russland.

Diese Abneigung empfindet auch Paulius Liškauskas, der übrigens als Anwalt arbeitet, wenn er die Uniform der Litauischen Schützenunion abgelegt hat. Der Litauer trennt aber zwischen der russischen Politik und den einfachen Menschen in Russland: "Ich habe russische Kunden, zu denen ich weiterhin Kontakte pflege. Ich spüre keinen persönlichen Hass ihnen gegenüber, sondern vielmehr gegenüber ihrem Staat und der russischen Staatspropaganda."

Litauen Reportage von Juri Rescheto

Vor dem Zugfenster bei der Durchreise: Russen sollen blutige Bilder aus dem Krieg sehen

Den Hass sollen auch Russen spüren, die mit einem Zug zwischen Moskau und der russischen Exklave Kaliningrad unterwegs sind; dabei fahren sie durch die litauische Hauptstadt Vilnius. Aussteigen dürfen sie zwar nicht, aus den Fenstern ihres Zuges werden sie aber mit blutigen Bildern des Kriegs konfrontiert. Und mit der Frage, ob sie wirklich den russischen Präsidenten Putin unterstützen wollen.

Der Ukraine-Krieg: Angst und Atempause für Litauen

Rund 45 Jahre gehörten Litauen und Russland zu einem Staat: der Sowjetunion. Nach der Unabhängigkeitserklärung trat Litauen 2004 der NATO bei. In den vergangenen Jahren nahmen die Spannungen mit Russland zu.

Der Ukraine-Krieg sei ein Weckruf, warnt der Abgeordnete des Litauischen Parlaments Laurynas Kasčiūnas. Im Interview mit der DW fordert er, Litauen müsse gegen eine mögliche Aggression aus Russland besser gewappnet sein: "Wir haben nur ein paar Jahre Zeit, um uns vorzubereiten. Darum brauchen wir mehr NATO-Präsenz als sichere Abschreckung."

Putins Krieg: Litauen in Ausnahmezustand

Einen Vorsprung verschafften den Litauern jetzt ausgerechnet die Ukrainer, stellt Politikwissenschaftler Tomas Janeliūnas von der Universität Vilnius fest. Als der Krieg begann, habe es Menschen in Litauen gegeben, die das Land aus Angst verlassen wollten, sagt er gegenüber der DW. Jetzt aber sähen viele, dass die russische Armee schwächer sei, als man dachte, betont Janeliūnas. Der Wille der Ukrainer wiederum sei stärker: "Solche Sachen wie der Krieg in der Ukraine sind eine gute Lektion für uns. Sie geben uns Zeit für die Vorbereitung. Die Ukrainer schaffen uns Zeit. Wir müssen diese Zeit optimal nutzen und uns vorbereiten."

Mit Schießübungen zum Beispiel, so wie Paulius Liškauskas von der Litauischen Schützenunion. Er würde sich zwar über mehr NATO-Soldaten freuen, im Ernstfall zöge er aber zusammen mit seiner Frau selbst in den Krieg: "Es ist schwer, über die Zukunft zu sprechen. Wir leben in schwierigen Zeiten und niemand weiß, was morgen passiert. Darum ist es wichtig, hier und heute zu leben, mit kleinen Schritten, mit dem Patriotismus das eigene Land zu stärken."

Der Krieg in der Ukraine lässt Menschen in der litauischen Suwalki-Region sorgenvoll in die Zukunft schauen.

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