″Liebesgrüße″ aus Berlin-Mitte: Wie Geheimdienste in Sozialen Medien werben | Europa | DW | 27.05.2021
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MODERNE ZEITEN

"Liebesgrüße" aus Berlin-Mitte: Wie Geheimdienste in Sozialen Medien werben

Tierbilder, Beamtenhumor, Rätsel und ganz viele Job-Angebote. Was steckt hinter den Social-Media-Offensiven von Nachrichtendiensten wie BND, Verfassungsschutz, GCHQ, CIA, FBI oder Secret Service?

 Screenshot BND Instagram Liebesgrüße

Die erste Instagram-Botschaft des Bundesnachrichtendienstes BND

Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance - das gilt nicht nur in der Dating-Welt, sondern auch für den Social-Media-Auftritt von Geheimdiensten. Die haben seit Neuestem die Welt von Twitter, Instagram, Youtube und Facebook für sich entdeckt.

"Liebesgrüße aus Mitte" war die erste Instagram-Botschaft, die der deutsche Auslandsnachrichtendienst BND vergangene Woche versendete; "Hello World", ein bekannter Gruß aus der Programmierer-Szene, war die erste Nachricht, die die britischen Codeknacker von GCHQ schon 2016 twitterten.

Eröffnungsfeier Masterstudiengang für Geheimdienstmitarbeiter

Das BND-Logo an einem Eingang der Zentrale des Nachrichtendienstes in Berlin

Das Bundesamt für Verfassungsschutz gab seinen Einstieg in die Twitter-Welt mit einem Beispiel für echten Beamtenhumor: 2018 postete der deutsche Inlandsnachrichtendienst einen Comic-Strip, in dem ein Schlapphut den anderen fragt: "Du auch hier? - Ja, aber erzähl's keinem!". Und die US-amerikanische CIA wollte mit ihrem ersten Tweet 2014 "weder bestätigen noch dementieren, dass dies der erste Tweet der CIA ist".

Was steckt hinter der weltweiten Social-Media-Offensive von Geheimdiensten? "Unser Hauptziel ist es, den BND als spannenden und modernen Arbeitgeber zu positionieren und das Interesse von Nachwuchstalenten zu wecken", so beschreibt der deutsche Auslandsnachrichtendienst die Ziele seiner Social-Media-Aktivitäten im Gespräch mit der DW. Dazu unterhält er einen Instagram- und einen Youtube-Kanal und betrieb im Frühjahr 2021 eine groß angelegte Twitter-Kampagne, mit der in Hacker-Kreisen für BND-Jobs geworben wurde.

Gender und Diversität

Die CIA zeigt sich in den sozialen Medien von ihrer menschlichen Seite. Dazu starteten die Spione aus Langley eine Reihe von Twitter- und Instagram-Beiträgen, "Menschen aus der CIA", in denen Mitarbeiter des US-Geheimdienstes vorgestellt werden. Dabei spielen Gender und Diversität eine große Rolle, was mitunter zu heftigen Auseinandersetzungen führt.

Auf die Vorstellung einer latino-amerikanischen CIA-Mitarbeiterin mit non-binärer sexueller Identität zog zum Beispiel Mike Pompeo, ehemaliger CIA-Chef und unter Präsident Donald Trump US-Außenminister, auf Twitter heftig vom Leder: "Es ist die Ansammlung von unglaublich talentierten Patrioten, die Amerika in der CIA dienen, die sie zum besten Spionagedienst der Welt macht (…) Wir können es uns nicht leisten, unsere nationale Sicherheit zu gefährden, indem wir irgendeine liberale Woke-Agenda befriedigen." In dasselbe Horn twitterte auch der republikanische Senator Ted Cruz aus Texas: "Wenn du ein chinesischer Kommunist, ein iranischer Mullah oder Kim Jong Un wärst - würde dir das Angst einjagen?"

"Keine politischen Diskussionen"

Ähnliche Diskussionen dürfen um die Social-Media-Präsenz des deutschen BND nicht erwartet werden. Einerseits ist die Gender- und Diversitäts-Strategie britischer und US-Geheimdienste noch nicht in der neuen BND-Zentrale angekommen. Andererseits weist BND-Chef Bruno Kahl darauf hin: "Wir werden auf Instagram keine politischen Diskussionen führen. Unser Account ist ein reiner Arbeitgeber-Kanal." Heißt im Klartext: Wir wollen Personal finden, nicht über unsere Arbeit diskutieren.

Bei ihren Versuchen, eine persönliche Verbindung zu ihren Social-Media-Followern herzustellen, ist manchem anderen Geheimdienst dagegen jedes Mittel recht. Der für den Schutz des US-Präsidenten zuständige Secret Service grüßte seine Abonnenten zum Beispiel zum "Tag des Haustiers" auf Twitter mit Hundebildern.

Die Grenzen der Öffentlichkeit

Doch nicht immer geht es bei Geheimdienst-Tweets so friedlich zu. Die CIA postete zum fünften Jahrestag der Tötung Osama bin Ladens ("Operation Neptune Spear") 2016 den gesamten Verlauf der Operation im Originalablauf.

Vom deutschen BND heißt es zu derartigen Auftritten: "Ein Nachrichtendienst kann nicht öffentlich über seine Operationen, geheimen Erkenntnisse und Methoden plaudern." Wer also auf Posts über spektakuläre deutsche Geheimdienstoperationen gehofft hat, wird enttäuscht sein. Der BND-Chef-Historiker, Dr. Bodo Hechelhammer, postet jedoch regelmäßig auf seinem privaten Twitter-Account Stories aus der Geschichte deutscher Geheimdienste.

Wer Rätsel löst, ist interessant

Im geheimdienstlichen Social-Media-Feed gibt es immer etwas zu entdecken. Besonders beliebt: mathematische Rätsel und interaktive Brainteaser. Dabei, so Christopher Andrew, Gründervater der britischen Geheimdienstforschung und Professor an der Universität Cambridge, kopieren Nachrichtendienste die Personalgewinnungsstrategien der großen Tech-Konzerne. Wer erfolgreich ein Rätsel löst, bekommt nicht selten eine Einladung zum Bewerbungsgespräch bei den Code-Knackern.

Christopher Andrew und Buchcover The Secret World

Professor Christopher Andrew ist Autor der Standardwerks "The Secret World: A History of Intelligence"

"Was wir erleben, ist Geheimdienst-Werbung in den sozialen Medien", meint Professor Andrew. Zusammen mit Doktor Daniela Richterova von der Londoner Brunel-Universität will der Wissenschaftler die Ergebnisse einer Untersuchung geheimdienstlicher Social-Media-Aktivitäten 2022 in einem Buch vorlegen. Die Ziele nachrichtendienstlicher Social-Media-Arbeit bringt Richterova im Gespräch mit der DW auf den Punkt: "Geheimdienste wollen ihre Mission erklären, ihre Existenz legitimieren, ihre Erfolge zeigen - und vor allem neues Personal rekrutieren."

77 Prozent mehr Bewerbungen

Wie erfolgreich sie dabei sind, ist umstritten. Richterova führt das Beispiel des slowakischen Geheimdienstes an, der 2020, im ersten Jahr seiner Social-Media-Präsenz, eine Steigerung der Bewerbungszahlen um 77 Prozent verkündete. Im Hinblick auf die Anzahl der Follower ergibt sich ein höchst unterschiedliches Bild: Während FBI und CIA 3,3 bzw. 3,2 Millionen Twitter-Follower haben, schaffte es das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz auf nur 28.000 und der Youtube-Kanal des BND auf gerade einmal 1130 Abonnenten.

Daniela Richterova

Doktor Daniela Richterova von der Londoner Brunel-Universität

Nicht immer stoßen die Posts der Dienste im Internet auf Gegenliebe. Gerade in den Online-Communities heiß begehrter IT-Experten wird das geheimdienstliche Personalmarketing oft mit Spott und Ablehnung bedacht. Das IT-Portal "Golem" warf dem BND zum Beispiel vor, mit "Guerilla-Marketing" über seine "üblen Machenschaften" von Alt-Nazis, Massenüberwachung und Sicherheitsgefährdung hinwegtäuschen zu wollen.

Ob die Geheimdienste die Online-Debatten, die sie mit ihren Social-Media-Aktivitäten anstoßen, am Ende auch für ihre Arbeit nutzen können, wird die Zukunft zeigen. Dass sie durch Posts von asiatischen Winkekatzen (BND), Haustieren (Secret Service), Valentinstags-Grüßen (CIA) oder Monty Python-Witzen (MI 5 und MI 6) effektiver oder gar transparenter werden, darf bezweifelt werden.