Lagos: Afrikas größter schwimmender Slum muss weichen
In Makoko, dem schwimmenden Slum von Lagos, verlieren Zehntausende Menschen ihr Zuhause. Offiziell werden große Teile des Slums aus Sicherheitsgründen geräumt; Kritiker sprechen jedoch von Landraub für Luxusprojekte.

Ein Jahrhundert auf Stelzen
Makoko, der schwimmende Slum von Nigerias Millionenmetropole Lagos, existiert seit über 100 Jahren. Ohne Strom, Wasser und offizielle Schulen lebt die Gemeinschaft hier vom Fischfang und vom informellen Handel. Die schwimmenden Häuser sind Symbol von Armut und Widerstandskraft - und Brennpunkt eines Dauerkonflikts um Land in einer Stadt, in der die Macht des Geldes oft gewinnt.
Blick in eine ungewisse Zukunft
Die Behörden haben in Makoko, Afrikas größtem und bekanntesten schwimmenden Slum, Hunderte Holzhütten abgerissen. Das Vorgehen gegen die auf Stelzen über der Lagune im Herzen von Lagos errichtete Siedlung ist Teil einer Kampagne zur Entfernung sogenannter illegaler Bauten und zur Rückgewinnung von Uferflächen für moderne Immobilienprojekte.
Teure Armut
Während die Häuser in Makoko abgerissen werden, tragen die Bewohner zusammen mit den Nachbarn ihre Habe fort. Selbst in den Hütten sind die Mieten hoch. "Wenn Menschen umgerechnet 126 Dollar im Jahr für einen Platz unter der Brücke zahlen, läuft etwas falsch", sagt Timothy Nubi, Experte für Stadtentwicklung der Universität Lagos. Räumungen verschärfen die Obdachlosigkeit, statt sie zu bekämpfen.
Bagger auf dem Wasser
Am Morgen dröhnen Amphibienbagger durch Makoko, begleitet von bewaffneten Polizisten. Hunderte Stelzenhäuser im Herzen von Lagos stürzen in die Lagune. Geschätzt wird, dass die Abrisse mehr als 30.000 Menschen vertrieben haben. Kurz vor Weihnachten starben laut NGOs drei Menschen, darunter zwei Babys, an den Folgen eines Tränengas-Einsatzes gegen Demonstranten.
Wohnen als Paradox
Rund 15 Millionen Menschen leben in Lagos - die Dunkelziffer ist womöglich noch höher; die Stadt leidet unter extremem Wohnungsmangel, bebaubare Flächen sind rar, während die Bevölkerung rasant wächst. Stadtexperte Nubi nennt die Lage paradox: Slums werden geräumt, während in reichen Vierteln Wohnungen wegen hoher Mieten leerstehen. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt in informellen Siedlungen.
Landgewinn am Wasser
Parallel zum Abriss füllen Bagger die Ufer mit Sand auf, um zusätzliches Land zu gewinnen. Auch im nahe gelegenen Stadtviertel Oworonshoki wurden zuletzt Häuser abgerissen - offiziell wegen Umweltbedenken und fehlender Baugenehmigungen. Doch in Lagos lässt sich mit hochpreisigen Objekten direkt an der Küste viel Geld verdienen. Dafür müssen immer mehr ärmere Siedlungen weichen.
"Wie Tiere behandelt"
"Sie behandelten uns, als wären wir Tiere - oder noch weniger wert", sagt der 25-jährige Alex Wusa auf seinem Kanu. Sein Haus, sein Laden, sogar die Schule, in der er als Lehrer unterrichtet, sind zerstört. Die Räumungen seien ohne Vorwarnung erfolgt, sagt Wusa. Der Staat widerspricht. Für viele jedoch fühlt sich der Verlust total an: Arbeit, Bildung und Dach über dem Kopf verschwinden über Nacht.
Sicherheit oder Vorwand?
Viele Bewohner beobachten den Abriss der auf Stelzen gebauten Häuser in Makoko. Die Regierung begründet die Aktion als Maßnahme zur Erhöhung der Sicherheit. Die abgerissenen Gebäude hätten sich in direkter Nähe zu Hochspannungsleitungen befunden. Außerdem habe man die Bewohner 14 Tage im Voraus gewarnt. NGOs widersprechen: Abgerissen worden sei weit über die markierten Zonen hinaus.
Unter freiem Himmel
Eine Bewohnerin überquert eine schmale provisorische Holzbrücke. Nach den Abrissen schlafen Familien mit Kindern und Haustieren auf Booten. Regelmäßig werden die notdürftigen Unterkünfte von starkem Regen durchnässt. "Dieses Leiden ist zu viel für uns alle", sagt eine Fischhändlerin, die ihr Zuhause verloren hat. "Der Regen hat meine Kinder durchnässt, ich habe keine Zuflucht mehr."
Alternativen statt Vertreibung
Aktivisten und Experten wie Timothy Nubi fordern eine Aufwertung der Häuser statt eines Abrisses und Investitionen in bessere Infrastruktur und sicherere Bauweisen. "Wenn sie alles abreißen, bauen sie dann etwa was neues für die früheren Bewohner?", fragt Stadtplaner Moses Ogunleye. Modelle einer inklusiven Stadterneuerung könnten Makoko integrieren - doch bislang dominieren Profitinteressen.