Lärmkontamination: Warum es im Meer leiser werden muss | Wissen & Umwelt | DW | 26.09.2022
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Wissen & Umwelt

Lärmkontamination: Warum es im Meer leiser werden muss

Lärm nervt, nicht nur Menschen an Land, sondern auch Tiere unter Wasser. Schlimmer noch, zu viel Lärm kann sie töten. Drei Lösungen, wie die Ozeane leiser werden können und warum weniger Lärm gut für das Klima ist.

Clownfisch zwischen Seeanemonen

In den letzten 50 Jahren hat der Lärm entlang der großen Schifffahrtsrouten um das 32-fache zugenommen

Was vom Ufer aus betrachtet vielleicht wie ein wogender und stiller Ozean aussehen mag, ist in Wahrheit alles andere als das. Vom magischen Gesang der Wale, den Klick-Lauten der Delfine bis zum Brummen und Schnattern von Krustentieren und Fischen, unter Wasser ist das Meer eine Symphonie der Klänge. Schall wahrzunehmen ist dabei überlebenswichtig für fast alle Meeresbewohner. Denn Tiere nutzen Geräusche, um zu kommunizieren, zu navigieren, Balzpartner oder Beute zu finden. 

Clownfische, bekannt aus "Findet Nemo", machen über das Schnattern mit ihren Kiefern klar, wer der Boss ist - meistens sind das übrigens die Weibchen. Kleine Putzergarnelen werben bei Rifffischen durch Klappern ihrer Flossen für ihre Dienste. 

Clownfisch unter Wasser

Wer ist hier der Boss? Clownfische klären das übers Klappern mit den Kiefern

Und einige Korallenfische hören bei der Wahl des richtigen Riffs genau hin. Die Geräuschkulisse verrät ihnen, ob das Riff gesund genug ist, um für ihren nächsten Nachwuchs zu sorgen.  

Aber es gibt auch andere Geräusche. Menschengemachte, die diese uralte Symphonie stören. Einige Meeresbewohner sind heute Lärmpegeln ausgesetzt, die sie taub machen oder sogar töten könnten. "Es ist, als ob man im Nebel herumläuft", sagt Lindy Weilgart, Meeresbiologin für die Nichtregierungsorganisation Ocean Care und der Dalhousie Universität in Kanada der DW.  

Denn das Meer ist heute lauter als je zuvor und das hat katastrophale Auswirkungen auf eine Vielzahl von Meeresbewohnern. Lärm hat Einfluss auf die "Nahrungssuche, den Schutz vor Fressfeinden, der Wahrnehmung der Umgebung, die Fortpflanzung, das komplette Programm", so Weilgart.  

Das muss allerdings nicht sein, denn Möglichkeiten, Lärm im Meer zu reduzieren, gibt es genug. 

Effizientere Schiffe sind besser für das Klima und den Lärmpegel 

Hauptverantwortlich für Lärmverschmutzung sind vor allem Containerschiffe. Effizientere Schiffspropeller könnten das Meer dabei nicht nur leiser machen, sondern sparen auch noch Sprit. 

Containerschiff

Tausende Containerschiffe sind jetzt gerade auf den Weltmeeren unterwegs

90 Prozent des weltweiten Handels wird über die Schifffahrt abgewickelt. In den letzten 50 Jahren hat der Lärm entlang der großen Schifffahrtsrouten schätzungsweise um das 32-fache zugenommen. 

Schiffslärm entsteht vor allem durch die Schiffsschraube und einem Effekt, der sich Kavitation nennt. 

"Wegen der schnellen Bewegung des Propellers durch das Wasser ist der Druck an einigen Stellen extrem niedrig, weshalb das Wasser schon bei Umgebungstemperatur kocht, und Dampfblasen bildet, die wachsen, schrumpfen und zusammenfallen", erklärt Max Schuster, der bei der Beratungsfirma DW-ShipConsult Reedereien berät, wie sie den Lärm ihrer Schiffe senken können. 

Der Lärmpegel, den die kollabierenden Blasen an Schiffsschrauben verursachen können, ist vergleichbar mit dem eines Rockkonzerts. Wenn die Blasenentwicklung reduziert wird, ist das gut fürs Klima ebenso wie für die Bilanzen der Reedereien. Denn weniger Kavitation bedeutet meist auch, das weniger Treibstoff verbraucht wird.  

Die wahren Kosten von Schiffstransporten

2017 hat das dänische Unternehmen Maersk die Motoren und Schiffsschrauben bei fünf seiner Frachtschiffe umgerüstet, eigentlich um Treibstoff zu sparen. Allerdings ist auch der Lärmpegel um 75 Prozent gesunken. Nachrüstungen sind allerdings nicht billig und die Reedereien sind nur selten dazu verpflichtet. 

Anreize für Schiffsbetreiber hat der Hafen von Vancouver gegeben. Schiffe, die nachweislich leiser sind, zahlen nur die Hälfte der Hafengebühren.

Schiff im Hafen von Vancouver in Kanada

Im Hafen von Vancouver zahlen leise Schiffe weniger Gebühren

Mit Luftblasen gegen Lärm 

In der Regel gilt: umso weniger der Mensch in das Ökosystem Meer eingreift, umso weniger störende Geräusche. Muss es trotzdem mal laut werden, wie bei der Installation von Windrädern, helfen sogenannte Luftblasenschleier oder "Bubble Curtains". 

Windenergie auf dem Meer ist ein wichtiger Teil bei der Energiewende zur Begrenzung des Klimawandels. Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, müssen laut einer Berechnung der Beratungsfirma McKinsey bis 2050 weltweit circa 150.000 neue Offshore-Windkraftanlagen installiert werden. "Dabei entsteht Lärm unter Wasser, der mehr oder weniger mit einem startenden Flugzeug an Land vergleichbar ist", sagt Michael Bellmann vom Institut für Technische und Angewandte Physik (ITAP). 

Offshore Windkraftanlage in der Deutschen Bucht mit dutzenden Windrädern

Offshore Wind muss massiv ausgebaut werden - das ist allerdings ziemlich laut

Die Bubble-Curtains können dies verhindern. Komprimierte Luft fließt durch Schläuche auf dem Meeresboden. Sie liegen bei der Installation um die Pfähle herum und lassen Luftblasen an die Oberfläche steigen, wodurch sie einen isolierenden Schleier aus Blasen bilden. Weniger Schallwellen gelangen durch den Vorhang. Der Lärm wird bis zu 90 Prozent reduziert.  

Normalerweise ist der Baustellenlärm noch Kilometer weit entfernt unter Wasser zu hören. In der Nordsee war es teilweise so laut, dass Schweinswale Gehörschäden erlitten und von ihren Futter- und Brutplätzen verscheucht wurden. 

Wegen strengerer Vorschriften sind die Vorhänge jedoch inzwischen fast Standard für Offshore-Anlagen in der deutschen Nordsee. Und auch in den USA, den Niederlanden und Taiwan wächst das Interesse. Umweltschutz kostet hier nicht viel. Die Kosten für den Einsatz während der Bauphase belaufen sich auf gerade einmal ein Prozent der Gesamtinvestitionen für einen Offshore-Windpark. 

Gasförderplattform im Meer mit Kranausleger

Auch Ölplattformen machen Lärm

Ende von Öl und Gas würde das Meer leiser machen 

Würde man die Suche nach neuen Öl- und Gasquellen einstellen, käme man nicht nur dem Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Prozent zu begrenzen, deutlich näher, es würde von heute auf morgen auch schlagartig leiser im Meer.  

Bei der Suche nach Öl und Gas im Meeresboden kommen sogenannte "Seismic Airguns " zum Einsatz. Luftkanonen, die hinter Schiffen hergezogen werden und über Tage, Wochen oder Monate, alle zehn Sekunden komprimierte Luft abfeuern. Dabei entsteht Lärm, so laut wie der Start einer Rakete.

Luftkanone explodiert unter Wasser

Luft entweicht aus einer Luftkanone. Der Lärm könnte einen Wal in der Nähe töten

Die zurückgeworfenen Schallwellen geben Aufschluss über das geologische Profil des Meeresbodens. Bei jeder Explosion stirbt im Umkreis von einem Kilometer unmittelbar ein Großteil der Larven kleinster Meerestiere. Airguns seien viel zu laut, für das, was sie eigentlich tun sollen, kritisiert Weilgart. Statt die Suche und Förderung fossiler Brennstoffe einzustellen, arbeitet die Öl- und Gasindustrie selbst an einer leiseren Methode. 

Die Technik nennt sich "Marine Vibroseis". Dabei generiert ein Apparat die passenden Schallwellen mit Hilfe von Vibration, statt einer Explosion. Es kreiert eine Art konstantes Brummen statt eines großen Knalls. "Eine Airgun ist so stark, sie könnte dir den Arm abreißen. Dagegen kann man an Land ein Ei unter ein Vibroseis-Gerät legen und es würde nicht brechen", so Weilgart weiter. 

Schiff zieht Lufkanonen hinter sich her, umgeben von Eisschollen

Schiffe ziehen auf der Suche nach Ölfeldern Luftkanonen durchs Meer, alle paar Sekunden erfolgt eine neue Explosion

Mit der neuen Methode würden im Vergleich zur Luftkanone schätzungsweise nur zehn Prozent der Meeresbewohner in irgendeiner Art beeinflusst werden. Die Investoren, darunter ExxonMobil, TotalEnergies oder Shell, könnten es aber auf einen anderen Vorteil abgesehen haben. Marine Vibroseis kann im Gegensatz zu Airguns auch in flachen Gewässern Öl- und Gas aufspüren.  

Nachhaltige Methoden zur Erkundung fossiler Brennstoffe findet Lindy Weilgart aber absurd. Statt nach neuen Öl- und Gas-Vorkommen zu suchen, solle man lieber die Energiewende voranbringen, so die Meeresbiologin.

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