Kosovo: Opferfest im Schatten von Corona | Europa | DW | 03.08.2020
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Tradition in Corona-Zeiten

Kosovo: Opferfest im Schatten von Corona

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen im Kosovo ist in den letzten Tagen dramatisch angestiegen. Aus diesem Grund wurden selbst die Traditionen des Opferfests für die Kosovaren am letzten Wochenende geändert.

Moscheen im Kosovo bleiben zum Opferfest geschlossen (DW/Vjosa Çerkini )

Moscheen im Kosovo bleiben zum Opferfest geschlossen

Saranda Jahiri hat wie jedes Jahr zum Opferfest eine große Baklava und viele andere Köstlichkeiten vorbereitet. Das Opferfest, der höchste Feiertag im Islam, ist ein großes Familienfest. Die Gläubigen begehen es mit ausgiebigen Festessen und Besuchen von Verwandten und Freunden. Dies ist ein fest verankerter Bestandteil der Tradition. Aber dieses Mal fand das Fest nur im ganz engen Familienkreis statt. "Den Feiertag ohne Verwandte und Gäste, nur mit meiner Familie zu Hause zu begehen, ist für mich ungewohnt", so Saranda gegenüber der DW. Dennoch ist sie überzeugt, dass "wir uns nur durch vernünftiges Verhalten gegenseitig schützen können. Das Leben der Menschen hat absolute Priorität", sagt sie.

Aber nicht jeder der rund 1,8 Millionen Einwohner Kosovos, die zu 95% moslemischen Glaubens sind, denkt so. Viele versammelten sich in den letzten Tagen und Wochen rücksichtslos in Familien, Parks oder an anderen Orten, ohne dabei an Schutzmaßnahmen und die Einhaltung der notwendigen Distanz zu denken. Laut Experten könnte genau das der Grund für den rasanten Anstieg der Neuinfektionen im Kosovo sein. Verschwörungstheorien über das Corona-Virus verbreiten sich ebenfalls, und selbst manche Personen des öffentlichen Lebens behaupten, das Virus existiere gar nicht.

Opferfest wegen Corona nur im engen Familienkreis (DW/Vjosa Çerkini )

Familie Jahiri in Ferizaj, Kosovo: Wegen Corona findet das Opferfest nur im engen Familienkreis statt

Die Lage sei dramatisch, sagt Ilir Tolaj, Facharzt für Infektionskrankheiten: "Das Virus ist da und natürlich besteht die Möglichkeit, dass Menschen auch von Menschen infiziert werden, die keine Symptome zeigen. Die Hälfte derjenigen, die täglich getestet werden, ist derzeit positiv, was auf eine äußerst ernste Situation und eine extrem steigende Tendenz infizierter Menschen im Kosovo hinweist. Auch die Zahl der Todesfälle zeigt, wie ernst und äußerst alarmierend die Situation ist," so Tolaj im DW-Gespräch.

Dramatische Zahlen, schmerzhafte Entscheidungen

Laut Statistiken des Nationalen Instituts für öffentliche Gesundheit im Kosovo waren seit den ersten Fällen von COVID-19 im März bis zum 02. August dieses Jahres 8799 Menschen mit dem Virus infiziert, 249 Menschen sind gestorben, 4963 Personen wurden vollständig geheilt. 3687 Personen gelten als aktive Infektionsfälle. Nur während des Wochenendes wurden etwa 240 neue Infektionsfälle bekannt, es gab 13 Todesfälle. Allein im Juli starben im Kosovo über 140 Menschen wegen Corona.

Aus diesem Grund beschloss die Regierung, die Teilnahme an allen Zeremonien und religiösen Aktivitäten zum Opferfest im gesamten Gebiet der Republik Kosovo zu verbieten.

Das Morgengebet der männlichen Familienmitglieder ist ein Ritual zum Opferfest. Aber dieses Jahr blieben alle Moscheen geschlossen und standen unter polizeilicher Kontrolle, damit keiner sie betritt. Die Islamische Gemeinschaft des Kosovo hat die Entscheidung respektiert und beschlossen, Moscheen für einen Zeitraum von 10 Tagen zu schließen, bis sich die derzeitige Situation verbessert. "Es war eine sehr schmerzhafte und sehr schwierige Entscheidung, aber sie war notwendig, um Menschenleben zu retten", unterstrich der Sprecher der Islamischen Gemeinschaft des Kosovo, Afrim Sadriu, gegenüber der DW.

Avdullah Hoti, kosovarischer Premierminister (DW/A. Bajrami)

Positiv auf COVID-19 getestet: der kosovarische Premierminister Avdullah Hoti

Glückwünsche über Online-Plattformen

Saranda und ihr Ehemann Besnik Jahiri haben während des Festes den Kontakt zu Freunden und Verwandten über die Sozialen Medien aufrechterhalten: "Um unsere Lieben und uns selbst vor diesem Virus zu schützen und dennoch irgendwie zusammen zu beten und zu feiern, waren wir mit unseren Verwandten und Freunden nur über die sozialen Netzwerke in Kontakt. Es ist zwar schwierig, dass wir den Feiertag ohne Besuch und ohne das gemeinsame Eid-Gebet verbringen müssen, aber das ist notwendig," sagt Besnik Jahiri. 

Viele Menschen im Kosovo haben irgendwie einen Weg gefunden, die Bajram-Rituale an die Situation anzupassen und auf die gesellschaftliche Tradition des engen Miteinanders zum Schutz der Anderen und zum Eigenschutz zu verzichten. Wie allerdings die nächsten Schritte der Regierung gegen die Ausbreitung der Infektion aussehen werden, ist ungewiss. Wie jetzt bekannt wurde, ist der kosovarische Premierminister Avdullah Hoti positiv auf COVID-19 getestet worden. Er will die Regierungsgeschäfte während der Quarantäne von zu Hause aus führen.

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