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Korruptionsskandal: Selenskyjs Stabschef Jermak tritt zurück

Veröffentlicht 28. November 2025Zuletzt aktualisiert 28. November 2025

Ein Korruptionsskandal erschüttert weiter die Ukraine: Räumlichkeiten von Präsidialamtschef Andrij Jermak wurden durchsucht. Nun gab Präsident Wolodymyr Selenskyj dessen Rücktritt bekannt.

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Deutschland Berlin 2025 | Andrij Jermak, Leiter des ukrainischen Präsidialamts auf dem Weg ins Bundeskanzleramt (28.05.2025)
Präsidialamtschef Jermak (Archivbild)Bild: dts-Agentur/picture alliance

An Freitagvormittag hatten Fahnder der ukrainischen Antikorruptionsbehörden Räumlichkeiten von Andrij Jermak in der Hauptstadt Kyjiw durchsucht. Zu diesem Zeitpunkt war er noch Leiter des Präsidentenbüros und Stabschef in der Ukraine, also die rechte Hand von Präsident Wolodymyr Selenskyj, und zählte zu dessen engsten Vertrauten. "Die Ermittlungsmaßnahmen sind genehmigt und werden im Rahmen der laufenden Untersuchung vorgenommen", teilten das Nationale Antikorruptionsbüro und die Sonderstaatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung der Ukraine mit.

Spanien Madrid 2025 | Wolodymyr Selenskyj und Andrij Jermak (18.11.2025)
Vertraute Jermak und Selenskyj (beim Staatsbesuch in Spanien Mitte November)Bild: Violeta Santos Moura/REUTERS

Jermak bestätigte die Durchsuchungsaktion in seiner Wohnung. "Es gibt keine Behinderung für die Ermittler", teilte der 54-Jährige in den sozialen Netzwerken mit. Die Fahnder hätten vollen Zugang zu seiner Wohnung, seine Anwälte arbeiteten an Ort und Stelle mit den Ermittlern zusammen. "Von meiner Seite - volle Kooperation", machte Jermak deutlich. Das Onlineportal "Ukrajinska Prawda" berichtet von zehn Fahndern im Regierungsviertel.

Am Freitagnachmittag verkündete Präsident Selenskyj dann, dass Jermak nicht mehr Präsidialamtschef sei. Andrij Jermak habe seinen Rücktritt eingereicht, sagte Selenskyj in einer Videoansprache. Er werde am Samstag Beratungen mit einem möglichen Nachfolger Jermaks abhalten, kündigte der Staatschef an.

Schmiergeldaffäre zieht Kreise bis zum Präsidenten

Selenskyj und seine Regierung stehen wegen Korruptionsvorwürfen in der Energiebranche seit Wochen unter Druck. In diesem Zusammenhang wurden unlängst Energieministerin Switlana Hryntschuk und Justizminister Herman Haluschtschenko entlassen, der zuvor selbst das Energieressort geleitet hatte.

Anfang des Monats hatten die Korruptionsfahnder das Ergebnis weitreichender Ermittlungen beim staatlichen ukrainischen Atomenergiekonzern Energoatom öffentlich gemacht. Nach eigenen Angaben stießen sie auf ein "kriminelles System", das zur Veruntreuung von 100 Millionen Dollar (etwa 86 Millionen Euro) in der Ukraine geführt habe.

Bei den Ermittlungen waren auch Unregelmäßigkeiten in Verträgen zum Schutz des ukrainischen Stromnetzes aufgedeckt worden, das immer wieder Ziel russischer Angriffe ist. Als Reaktion auf den Skandal kündigte Selenskyj eine Umstrukturierung im Energiesektor des Landes an. Ob die aktuellen Ermittlungen gegen Jermak im Zusammenhang mit dem Skandal im Energiesektor in Verbindung stehen, ist bislang unklar.

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Blackout in Charkiw nach einem russischen Angriff (Anfang November)Bild: Viacheslav Madiievskyi/NurPhoto/IMAGO

Korruptionsvorwürfe im Energiesektor sind in der ukrainischen Öffentlichkeit besonders heikel. Weil Russland permanent die Infrastruktur angreift, kommt es täglich zu stundenlangen Blackouts. Auch Heizungen fallen immer wieder aus.

Im Juli 2025 hatten Proteste und internationale Kritik Selenskyj gezwungen, die Unabhängigkeit der beiden wichtigsten Antikorruptionsbehörden des Landes wiederherzustellen. Zuvor hatte die Regierung versucht, deren Befugnisse einzuschränken.

Selenskyjs wichtigster Mann in Kyjiw

Bislang galt Andrij Jermak als einer der einflussreichsten Männer in der Ukraine. Er wurde immer wieder als "Strippenzieher" und "graue Eminenz" im Land bezeichnet.

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Delegationsleiter Jermak in Genf (am Sonntag)Bild: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Als Präsidialamtschef war er neuerdings auch die zentrale Figur bei den laufenden Verhandlungen mit den USA um ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Präsident Selenskyj hatte seinen Vertrauten kurz vor den Gesprächen in Genf am vergangenen Wochenende zum Leiter der ukrainischen Delegation ernannt. Kritiker in der Ukraine warfen Jermak vor, er habe zu viel Macht angehäuft.

Die Schmiergeldaffäre samt Jermak-Rücktritt schwächt nicht nur Selenskyjs Position in den aktuellen Verhandlungen um ein Ende des Krieges. Der Kampf gegen die Korruption und die Stärkung der Rechtsstaatlichkeit im Land sind eine wesentliche Voraussetzung für den von der Ukraine angestrebten Beitritt zur Europäischen Union. Dieser wird von den Ukrainern als entscheidend für die Zukunft des Landes im Abwehrkampf gegen die russische Invasion angesehen.

AR/se/wa (rtr, dpa, afp)

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